Wort zum Sonntag von Christoph Weber-Maikler, Pastoralreferent, Liebigschule Gießen

Tränen trockner Gott

LGS Träne (c) bistum-mainz
LGS Träne
Datum:
Sa. 14. Mai 2022
Von:
Christoph Weber-Maikler, Pastoralreferent, Liebigschule Gießen

In katholischen Gottesdiensten gibt es für jeden Tag eine Auswahl von biblischen Texten, die vorgelesen werden. An diesem Wochenende gehört eine Stelle aus dem Buch der Offenbarung des Johannes dazu. 

Im 7. Kapitel wird beschrieben, dass sich Menschen aus allen Nationen, Stämmen, Völkern und Sprachen vor dem Thron und dem Lamm Gottes treffen. Gott selbst wird ein schützendes Zelt über ihnen aufschlagen. Er wird alle Tränen des Leids und der Not trocknen. Keiner wird mehr Hunger oder Durst leiden. Weder Sonnenglut noch irgendeine sengende Hitze wird die Menschen belasten.

So alt diese Verse auch sein mögen, in ihrer Sehnsucht haben sie nichts von ihrer Aktualität verloren. Der brutale Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine führt zu einem nicht mehr für möglich gehaltenen Leid. Der russische Diktator sorgt dafür, dass Mord, Hunger und Vertreibung das Schicksal von Millionen von Menschen geworden sind.

Wie groß muss sein Hass sein, gegen alle Menschenrechte, Verträge und die Menschlichkeit zu verstoßen?

Es ist kaum vorstellbar, wie lange es dauern wird, um die unzähligen körperlichen und seelischen Wunden zu heilen. Und ich frage mich, ob das jemals möglich sein wird. Dieser Krieg richtet sich nicht nur gegen ein Land, sondern gegen alle Menschen.

Trotzdem oder gerade wegen diesem Leid tragen unzählige Menschen auf der ganzen Welt die unerschütterliche Hoffnung auf Frieden in sich. Sie beten darum und werden aktiv. Ihre Hilfe ist kreativ, ehrlich und kommt aus dem Herzen. Die Hilfsbereitschaft aus vielen Ländern ist überwältigend. Ich finde diese Solidarität bewundernswert und Mut machend.

Wir alle wissen, dass Frieden mehr ist als keinen Krieg zu führen oder Waffen zu verschrotten. Die Waffen müssen in den Köpfen, den Worten und Taten verschwinden.

Frieden – Schalom - im biblischen Wort – ist ein Zustand, der mit menschlichen Worten nur annähernd zu beschreiben ist: mit Heil, Unversehrtheit, Befreiung von jedem Unheil und Unglück, Gesundheit, Wohlfahrt, Sicherheit und Ruhe.

In diesen Tagen sind wir meilenweit von diesem Zustand entfernt und nicht nur in Europa, sondern überall auf der Welt, wo Krieg geführt wird, wo der Hass herrscht und Menschen leiden.

Die Verse aus dem Buch der Offenbarung scheinen weltfremd zu sein. Wie viele Tränen müsste Gott alleine heute trocknen. Und doch ist er bei dieser Aufgabe nicht alleine. Theresa von Avila, die große Theologin des Mittelalters, hat das so ausgedrückt: „Gott hat keine anderen Hände als unsere Hände.“

Er braucht unsere Hände und uns selbst, um die Welt besser und gerechter zu machen. Dazu gehört auch die vielen Tränen zu trocknen.