Wort zum Sonntag von Pastoralreferentin Juliane Reus

Impfneidig?

Neid (c) Photo by <a href=https://unsplash.com/@belart84?utm_source=unsplash&utm_medium=referral&utm_content=creditCopyText>Artem Beliaikin</a> on <a href=https://unsplash.com/s/photos/envy?utm_source=unsplash&utm_medium=referral&utm_content=creditCopyText>Unsplash</a>
Neid
Datum:
Sa. 19. Juni 2021
Von:
Juliane Reus

Wer hätte gedacht, dass einmal Fotos von Pflastern auf dem Oberarm oder von Impfpässen mit dem Eintrag „Covid19“ in den sozialen Netzwerken wie eine Trophäe herumgezeigt werden? Was macht das mit den Betrachtern? Der ein oder andere wird neidisch werden auf die bereits erfolgte Impfung des anderen, die er hoffentlich ohne Vordrängeln erhalten hat.

Was soll der Neid? Er ist das menschliche Gefühl des Zukurzkommens. Das Gefühl, dass es ungerecht ist, dass der andere etwas hat, das ich selbst jetzt auch gerne hätte. Der Blick für die Bedürftigkeit des anderen geht dabei verloren, denn Neid macht blind. Ich sehe dann nicht mehr, dass die Impfreihenfolge ja einer Dringlichkeit und Bedürftigkeit folgt: Zuerst diejenigen, die wahrscheinlich körperlich sehr unter Corona zu leiden hätten, oder es nicht überleben würden – dann nach und nach Menschen, die für das Funktionieren unseres Sozialstaates extrem wichtig sind. Wenn ich vor Neid blind bin, sehe ich auch nicht mehr, dass die Zustände in anderen Ländern dieser Erde katastrophal sind, dass Impfstoff unbedingt auch an anderen Orten gebraucht würde, dass unsere Not gering ist im Vergleich zu der Not der anderen.

Wir werden alle persönlich und als Gesellschaft durch diese Pandemie herausgefordert: Zur Rücksichtnahme, zur Sorge umeinander und zu vielem anderen mehr aber vor allem zur Geduld – und diese Geduldsprobe betrifft alle Generationen. Im christlichen Kontext ist Geduld eine Tugend, früher wurde sie auch Langmut genannt. Es ist eine innere Kraft, etwas auszuhalten und auszuharren. Eine Studie hat gezeigt, dass Dankbarkeit und Geduld zusammenhängen: Wer bewusst dankbar ist für das Gute in seinem Leben, ist auch geduldiger im Leben. Dankbarkeit können Sie einüben. Fragen Sie sich doch einmal: Wofür bin ich dankbar? Was hat mir das Leben schon alles Gutes gebracht?