Schmuckband Kreuzgang

Gedanken zum Sonntag von Diakon Matthias Görtz, Altenstadt

20191219_191445 (c) Kettermann
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Datum:
Mo. 17. Jan. 2022
Von:
Norbert Albert

Ende der Weihnachtsferien. Neustart.

 

Liebe Leser,

 

seit einer Woche hat die Schule begonnen. Auch in den Firmen sind viele wieder aus dem Urlaub zurück und je nach Situation im homeoffice oder am Arbeitsplatz. Weihnachtszeit, Sylvester, Neujahr liegen hinter uns. Kehrt der gewohnte Alltag wieder ein? Der Alltag unter Coronavorzeichen? Knüpfen wir wieder da an, wo wir vor den Feiertagen aufgehört haben? Nahtlos, same procedure as every year? Weitermachen da, wo uns die Feiertage unterbrochen haben? Was bleibt von den Vorsätzen, Wünschen, von dem, was wir jetzt anders machen wollen? Gelingt es, sie hinüberzuretten? Oder sagen wir von vornherein heiter-resignativ: Keine neuen Vorsätze, die alten sind noch unangetastet.

Was wird anders? Was steht überhaupt an? Ganz oben auf der Tagesordnung. Der wichtigste Punkt für uns? Wo lohnt es sich, anders weiterzumachen, als wir aufgehört haben? Wo ist vielleicht eine völlige Kehrtwende notwendig, weil klar ist, so wie bisher kann es gar nicht weitergehen. Wenn ich, wenn wir so weitermachen, mündet das sicher in eine Katastrophe. Jetzt muss und will ich anfangen, etwas ändern.

Dabei sind die sogenannten Sachzwänge, die von außen auf uns zu kommen, keineswegs nur Bremsklötze für Veränderung. Sie können auch dazu führen, alles wie es bisher war, infrage zu stellen und eine radikale Kehrtwende zu vollziehen.

Kehrtwenden müssen nicht bloß für mich persönlich relevant sein, sondern können Auswirkungen auf mein Umfeld, meine Familie, Freunde, die Menschen, mit denen ich sonst zu tun habe, die ganze Gesellschaft, gar die ganze Welt haben. Sie können von universeller Bedeutung sein.

Einer, der eine solche gesellschaftliche Kehrtwende mit globaler Wirkung seit langem fordert, ist der Nürnberg lebende Jesuit Jörg Alt. Seit Jahren beschäftigt ihn die Frage, wie kann es unter uns Menschen global gerechter zugehen? Antworten hat er veröffentlicht z.B. in seinem jüngsten Buch: Einfach anfangen! Beiträge für eine gerechtere und nachhaltige Welt.

Aktuell treibt ihn die Frage um, ob wir es schaffen, die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen. Wenn nicht, sind wir die letzte Generation, die in der Welt, wie wir sie bisher kannten, lebt. Daher braucht es den Aufstand der letzten Generation.

Wenn es uns gelingt, etwas gegen die Klimaerwärmung zu tun, wenn wir die Ursachen, die zur Klimaerwärmung führen, verändern, brauchen sich spätere Generationen nicht mit deren üblen Folgen zu beschäftigen.

Er ist in guter Gesellschaft. Fridays and Scientists for future meinen, die Menscheit schlittert - wenn sie so wie bisher weiter macht - mit Vollgas in eine Katastrophe. (Und hier ist nicht Corona gemeint.) Als Folge der Klimaerwärmung, höher als 1,5 Grad, sieht er - neben anderen massiven Veränderungen - bereits in den nächsten 20 Jahren gravierende Engpässe in der Lebensmittelversorgung auf uns alle zukommen.

Vor diesem Hintergrund war er im Advent 2021 zu einer Aktion zivilen Ungehorsams bereit. Er holte nachts aus einem Supermarktcontainer weggeworfene Lebensmittel und verteilte sie am nächsten Tag kostenlos an Passanten. Da ihn niemand anzeigte, zeigte er sich selbst bei der Polizei als Lebensmitteldieb an. Hallo Polizei! Ich verschenke gerade Lebensmittel, die ich zuvor gestohlen habe.

Zwölf Millionen Tonnen genießbare Lebensmittel werden pro Jahr in deutschen Supermärkten weggeworfen. Das ist nur der kleinere Anteil der Lebensmittel, die insgesamt vernichtet werden. Angesichts dessen, was uns möglicherweise erwartet, ein Unding. Die Lebensmittelvernichtung darf nicht weitergehen.

Wir brauchen solche Menschen wie Jörg Alt, die uns innehalten lassen, aus dem Alltagstrott herausreißen, zum Nachdenken bringen und nachdem wir nachgedacht haben, anders handeln lassen als bisher. Sie sind die lebendige Vorsätze, die nicht vergessen werden, sondern ermutigen und aktivieren, sich dafür einzusetzen, wofür es sich einzusetzen lohnt.

Ich wünsche Ihnen im neuen Jahr Begegnungen, von denen Sie selbst sagen können: Das hat mir die Augen geöffnet und mir neu gezeigt, was wichtig ist und wofür einzusetzen es sich lohnt.

 

Matthias Görtz ist Diakon mit Zivilberuf in der katholischen Gemeinde St. Andreas, Altenstadt/Hessen