Schmuckband Kreuzgang

Geistliches Wort zum Fronleichnamsfest, Do., 11.06.2020; Pfr. Christoph Hinke, kath. Kirchengemeinde Herz-Jesu, Schotten

Corona Beschränkungen: Seelsorgerinnen und Seelsorger aus dem Dekanat schreiben ihre Gedanken

Mi 10. Jun 2020
Norbert Albert
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Demonstration von Fronleichnam

Christoph Hinke (c) Norbert Albert
Christoph Hinke

Geistliches Wort zum Fronleichnamsfest, Do., 11.06.2020;

Pfr. Christoph Hinke, kath. Kirchengemeinde Herz-Jesu, Schotten

Unser Zeitalter ist ein „Zeitalter der Widersprüche, der Einsprüche, der Unterschriftenlisten und der Meinungsbilder“. Es ist das „Zeitalter der Demonstrationen“. Kaum eine Woche vergeht, in der uns in den Nach-richten nicht von irgendeiner Demonstration berichtet wird. Obwohl „Corona“ uns seit Längerem „unter Beschlag hat“, ist sehr schnell festgestellt worden, dass Demonstrationen in einem freiheitlich-demokratischen Staat erlaubt sein müssen – unter Einhaltung geltender Sicherheits- und Hygienevorschriften.

Manches Mal gewinnt man den Eindruck: „            Alles, was die Mehrheit will, soll kommen.“ - „Alles, was der Mainstream fordert, muss geschaffen werden.“ - „Alles, was der Zeitgeist angibt, ist maßgebend.“

Und Jeder, der dann noch anderer Meinung ist, er soll am besten zum Stillschweigen gebracht werden.

„Ja“, könnte jetzt aber jemand einwenden, „ihr Katholiken, ihr haltet doch auch nur eine Demonstration ab, wenn Ihr mit einem goldenen Gestell durch die Straßen rennt.“ Gut, in diesem Jahr ist das wegen „Corona“ nicht einfach so möglich, aber normalerweise gehört eine scheinbare Demonstration zum wesentlichen Erkennungsmerkmal am Fronleichnamstag.

Wir scheinen also mitten ins Zeitalter der Demonstrationen zu passen; nächstes Jahr wird es wohl wieder möglich sein… Ist es das, was uns der Fronleichnamstag sagen möchte? Eine Demonstration wie alle anderen?
Wenn wir Fronleichnam verstehen wollen, so müssen wir einen Blick ins Geschichtsbuch der Kirche werfen. Und da müssen wir zurückreisen ins 13. Jahrhundert, ins benachbarte Belgien. In der Stadt Lüttich, da hatte damals eine Augustiner-Nonne gelebt, Juliana war ihr Name. Später wurde sie sogar heiliggesprochen, und man hatte sie daraufhin einfach nur kurz „Juliana von Lüttich“ genannt (1193-1258).         An einem Tag des Jahres 1209, als Juliana einmal im Gebet vor dem Tabernakel versunken war, da hatte sie plötzlich vor sich einen leuchtenden Mond gesehen. Am Rand hatte der Mond aber eine dunkle Stelle. Ihr wurde damals in der Vision erklärt, dass der Mond das Kirchenjahr bedeuten solle und  dass der Schatten bedeuten solle, dass ein Dank- und Sühnefest zu Ehren des allerheiligsten Altarsakramentes noch fehlen würde. Und Juliana von Lüttich wurde aufgetragen, sich für die Einführung eines solchen Festes stark zu machen. Nach vielen Anfeindungen und heftigem Wider-stand konnte sie aber selbst noch erleben, wie im Jahr 1246 in Lüttich zum ersten Mal das Fronleichnamsfest gefeiert wurde.
Ein zweites wichtiges Ereignis, das wir uns vor Augen führen wollen, wenn uns die Geschichte zur Lehrmeisterin werden soll, ist ein Ereignis aus dem Jahr 1263: Ein Priester mit Namen Petrus aus Prag, er hatte schon seit längerem heftige Zweifel an der wirklichen Gegenwart des Herrn im Sakrament des Altares. Er unternahm nun eine Wallfahrt nach Rom. Als er unterwegs in einer Kirche zelebrierte, da floss bei der Brotbrechung der Hostie unmittelbar vor der Kommunion plötzlich Blut aus der Hostie hervor. Und er sah, wie der rechte Teil der gebrochenen Hostie sich in ein Stück Fleisch verwandelte. Das Blut tropfte auf das Altartuch, auf das Korporale. Nun ist allen aber zu sagen, die von ganzem Herzen an die wirkliche Gegenwart des Herrn im Sakrament zu glauben versuchen wollen; nun ist allen zu sagen: Natürlich kauen wir nicht auf Menschenfleisch, auf Sehnen und Knochen von Jesus herum! Es ist die sakramentale Gegenwart von Jesus, die hier wirklich wird! Aber trotzdem ist sie wirklich und echt, und Jesus ist voll und ganz unter uns: der ganze Jesus! Brot und Wein sehen zwar noch aus wie Brot und Wein, aber ihr inneres Wesen verändert sich. Das ist katholischer Glaube. Sie hören also auf Brot und Wein zu sein: Jesus Chri-stus wird gegenwärtig: mit Fleisch und Blut, mit Gottheit und Menschheit. Ein sakramentales Wunder.
Petrus von Prag reiste damals nun unmittelbar zum Papst und zeigte ihm das Korporale, das Leinentuch des Altares. Seine Zweifel an der wirklichen Gegenwart des Herrn im Sakrament, sie waren wie fortgeblasen.
Papst Urban IV. nahm, so sagt uns die Geschichte, das blutbenetzte Korporale entgegen. Tief bewegt und erschüttert, und in Erinnerung an die Nonne Juliana aus Lüttich, ordnete er das Fronleichnamsfest von nun an für die ganze Kirche auf der Welt an.
So weit unser Blick ins Geschichtsbuch der Kirche...

Die Vision der heiligen Juliana von Lüttich, mit der ihr der Herr anordnete, das Fronleichnamsfest einzuführen; das Blutwunder der Hostie des Priesters Petrus aus Prag; die Anordnung von Papst Urban IV.; alle diese Begebenheiten, sie wollen uns anregen, mit Anbetung und Andacht das allerheiligste Sakrament des Altares zu verehren.

Seit also bald 800 Jahren begehen wir das Fronleichnamsfest. Und im Laufe der Zeit, da haben sich die Prozessionen durch die Straßen und Felder von Städten und Dörfern gezogen.
Jesus gehört in die Welt! Keine Demonstrationen gegen herrschende Strömungen und für neue Meinungen in der Welt! Eine Prozession für das wahre Leben der Welt! Für den wahren und einzigen „Herrn der Welt“! Unser Glaube kann nicht in vier Wänden eingeschlossen werden! Unser Glaube kann nicht zu einer Privatsache verkommen! Jesus Christus ist der Sinn unserer Erde! Der Glaube gehört in die Welt!
Es ist also keine „Protestdemonstration“, die Katholiken an Fronleichnam üblicherweise veranstalten! Nein, es ist eine Prozession, ein Glaubenszug! Jesus ist derjenige, der im Mittelpunkt steht!
Und ist das nicht wunderbar? Für eine Stunde regelt der Herr selbst die Geschicke der Straßen unserer Städte und Dörfer! Gut, „dank“ „Corona“ nicht in diesem Jahr, aber so wie es immer sein sollte! Gott in der Mitte unserer Städte und Dörfer! Die Straße wird zu einer Verlängerung der Kirche! Die Christusliebe erobert die Öffentlichkeit! Seinetwegen werden Altäre geschmückt, Blumen gestreut, Fahnen gehisst, Schellen geläutet und Knie gebeugt!
Vor über 100 Jahren schrieb ein englischer Schriftsteller Robert Hugh Benson ein Buch; es hat genau den gleichen Titel: „Der Herr der Welt“. Benson war Konvertit und Priester. Er schrieb Anfang des 20. Jahrhunderts mit seinem „Der Herr der Welt“ einen Zukunftsroman über den Weltuntergang im Jahr 2000. In atemberaubender Spannung hatte er von der Zerstörung Roms geschrieben, vom Auftreten des Antichristen als Weltpräsidenten, von den letzten Schlägen gegen das Christentum, von der Treue der Wenigen, von denen die den Glauben bewahrt haben mit ihrem eigenen Fleisch und Blut! In seinem Buch hatte sich der letzte Papst mit einigen Kardinälen nach Nazareth in Israel zurückgezogen. Die vereinigten Luftflotten brausten aber in einem letzten Angriff auf Nazareth zu: ihr Ziel war die Vernichtung des Papstes und seiner Kardinäle. Und der wunderbare Ausgang des Buches ist dann der wirkliche „Herr der Welt“, der eingegriffen hatte: Mitten im Bersten der Natur, mitten im Donner des Weltuntergangs, mitten in diesem Zusammenbruch, mitten in diesem grausigen Finale des Endes der Welt, mitten darin erhebt auf einmal der letzte Papst die Monstranz und segnet die Welt! Und die letzten verbliebenen Gläubigen, sie beugen die Knie und beten den eucharistischen König an: „Tantum ergo Sacramentum“, so singen sie. „Lasst uns also tief verehren, ein so großes Sakrament!“ Und unter diesem Segen und Gesang versinkt dann die Welt und alle ihre scheinbare Herrlichkeit. Und damit endet das hundert Jahre alte Buch von Robert Benson!
Fronleichnam wäre belanglos und nichts mehr als nostalgische Folklore, ein schöner Brauch, wenn wir nichts für uns und für unser Leben als Christen daraus machen würden!