Verhülltes sieht man besser

Verhülltes sieht man besser

Dekan Stefan Wanske (c) Dekanat Wetterau-West
Dekan Stefan Wanske
So 7. Apr 2019
Pfr. Stefan Wanske

Ich kann mich noch gut erinnern, wie im Sommer 1995 der Berliner Reichstag aussah: Das Künsterlehepaar Christo und Jeanne-Claude hatte ihn in silberne Stoffbahnen eingehüllt.

Ein künstlerisches Spektaktel, durch das die ganze Welt auf diesen symbolträchtigen Bau aufmerksam wurde. Menschen haben sich die ganze wechselvolle Geschichte Berlins und das Wunder der deutschen Einheit wenige Jahre zuvor neu erzählt.

 

In der Kirche besteht seit dem frühen Mittelalter der Brauch, an diesem Wochenende dem Sonntag vor Palmsonntag zwei Wochen vor Ostern, die Kreuze zu verhüllen, - meistens mit Soff in violett, der Farbe der Fastenzeit.

Dabei soll das Kreuz nicht zum Verschwinden gebracht werden; - im Gegenteil: durch das Verhüllen wird neu auf Jesu Leidenszeit aufmerksam gemacht: Verhülltes sieht man besser. Wir sehen das Gewohnte auf ungewohnte Art, um es wieder neu zu entdecken. Alltägliches sehen wir oft gar nicht mehr richtig. Es wird selbstverständlich. Erst wenn es nicht mehr da ist, bemerken wir es wieder. 

Mir sagt jedes Jahr das verhüllte Kreuz in den Tagen vor Ostern etwas ganz Wichtiges: Schau nicht weg, wenn dir Leid begegnet. Sieh genauer hin. Blende das Scheitern nicht aus. Verschweig nicht die Niederlagen in der Welt gnadenloser Erfolge. Gerade im Zugehen auf Ostern lädt mich das dann verhüllte Kreuz ein, wieder die Geschichte des Gottes neu zu erzählen, der nicht an den Wunden der Menschen vorbeigeht, sondern sie in Jesus am eigenen Leib trägt und der die Kraft hat, sie zu heilen und zu verwandeln.