Eine kleine Kirchengeschichte der Wetterau

m folgenden Text hat Geistlicher Rat Pfarrer Dr. Horst Gebhard, Friedberg-Ockstadt, die wechselvolle kirchengeschichtliche Situation der Wetterau dargestellt. 

Dank der Qualität ihrer Böden war die Wetterau schon in der Bronzezeit und zur Zeit der Bandkeramiker eine Kulturlandschaft, was zahlreiche Funde auch aus neuester Zeit beweisen. Was von der vorchristlichen Zeit gilt, gilt erst recht von der Zeit der beginnenden Christianisierung. 

 

Gab es schon zur Römerzeit Christen in unserer Gegend?

Zwischen dem Jahr 70 (Kaiser Vespasian) und 260 n. Chr. (Kaiser Aurelian) war die Wetterau Grenzgebiet des römischen Reiches. Danach wurde die Reichsgrenze an den Rhein verlegt. Der Limes, der die Grenzen Roms gegenüber den germanischen Stämmen markierte, verlief mitten durch unsere Region. Kastelle, Militärlager und Römersiedlungen in Bad Nauheim, Bad Vilbel, Butzbach, Echzell, Florstadt, Friedberg, Karben und Rosbach, ein gut ausgebautes Straßennetz sowie die ausgegrabenen Gutshöfe (villae rusticae), Garnisonsdörfer und römische Heiligtümer dokumentieren eine intensiv betriebene Landwirtschaft, ein reges Gewerbe sowie einen kulturellen Austausch und eine lebendige Religiosität.

Einzelnen Händlern, Siedlern und Soldaten, besonders denen, die aus den Ostprovinzen des Reiches kamen, dürfte das Christentum nicht unbekannt geblieben sein. Man denke hier an die aus 1000 Mann bestehende syrische Damascienerkohorte in Friedberg. Christliche Funde sucht man allerdings in dieser Zeit vergeblich, da das Christentum bis zu dem Toleranzedikt von Mailand im Jahr 312 n. Chr. eine verbotene Religion (religio illicita) war. Nachweisen kann man aber wohl, dass vor dem Jahre 260 n. Chr. auffällig viele Jupiterheiligtümer und Mithrasstatuen zerstört wurden. Ob das aus christlichem Glaubenseifer geschah, ist weder beweisbar, noch zu widerlegen. Sicher dagegen ist, dass Mainz schon im vierten Jahrhundert Bischofssitz war.

 

Christentum in der fränkischen Zeit, die Iro-Schotten und Bonifatius

Nach der Völkerwanderung wurde die Wetterau Siedlungsgebiet der Alemannen. Um 380 n. Chr. verdrängten die Franken diesen Stamm und übernahmen die Herrschaft an der Lahn und in der Wetterau. Nach dem Sieg über die Alemannen ließ sich der Frankenkönig Clodewig im Jahre 498 oder 499 in Reims von Bischof Remigius taufen. Einige Jahrzehnte später kann man wohl eine oberflächliche Christianisierung in unserer Region ansetzen.

Von einer inneren Christianisierung aber kann kaum die Rede sein. In diese Zeit des immer deutlicher werdenden Verfalls fällt das belebende Element der iro-schottischen Festlandmission. Dazu gehörte vor allem die Übernahme der Seelsorge. Nachteilig wirkte sich das Fehlen einer tragfähigen Organisation aus. 
Leider ist nichts von dem Wirken dieser Missionare in der Wetterau überliefert. Lediglich der Name der Stadt Schotten erinnert an diese Mönche. 
Der eigentliche Organisator der fränkischen Kirche war dagegen Bonifatius. Er schuf eine engere Bindung der fränkischen Kirche an Rom und führte Bistumsstrukturen ein. Zu bewundern ist, dass er für die Mission in Nordhessen und Thüringen Zeit und Energie fand. Sein großes Ziel war die Bekehrung der Friesen. Er, der auch Erzbischof von Mainz war, erneuerte die Kirche im östlichen Teil des Frankenreiches und reformierte den Klerus. Die Errichtung der Kirche auf dem Johannisberg, der Mutterpfarrei von Bad Nauheim, Nieder Mörlen und anderen Gemeinden, soll auf seine Initiative zurückgehen. In der Wetterau erinnert die Bonifatiusroute, der Weg auf dem der Leichnam des Heiligen nach Fulda überführt wurde, an den „Apostel Deutschlands.“

 

Ein Oppershöfer als Erzbischof von Mainz 
und die Organisation des Erzbistums Mainz in der Wetterau

Neben der Reichs- und Kirchenpolitik sah der große Mainzer Erzbischof Willigis seine Hauptaufgabe im Bau eines neuen Doms. Aber erst seinem aus der Wetterau – aus Oppershofen – stammenden Nachfolger Bardo war es vergönnt, die Kathedrale im Jahre 1036 einzuweihen. Bei der Weihe war Kaiser Konrad II. anwesend. Bardo, der vorher Abt von Werden und von Hersfeld war, wurde auf Betreiben seiner Verwandten, der Königin Gisela, im Jahre 1031 zum Erzbischof von Mainz ernannt.

Ab dem 10. Jahrhundert hatten die Mainzer Erzbischöfe in den Chorbischöfen ihre Mitarbeiter. Sie hatten Weihehandlungen vorzunehmen und waren mit Leitungsaufgaben betraut. Im 12. Jahrhundert traten zum Teil Archidiakone an ihre Stelle. Ihre Kompetenzen und Jurisdiktionen wurden ergänzt und erweitert. Sie leiteten einzelne Bezirke und stellten bei Gerichtsfällen die mittlere Instanz dar. Ihre Verwaltungsbezirke hießen Archidiakonate. Inhaber der Archidiakonate waren die Pröpste der wichtigsten Stifte des Erzbistums. Für den Südosten der Wetterau waren die Pröpste von „St. Peter“ in Mainz zuständig. Das Sagen in den Pfarrgemeinden der übrigen Wetterau hatten die Pröpste von „St. Marien“ in Mainz. 
Die Archidiakonate wiederum waren in Archipresbyterate gegliedert. Sie stellten die unterste Gerichtsinstanz dar und sind in etwa mit unseren heutigen Dekanaten vergleichbar. In unserer Region gab es folgende Archipresbyteratssitze: Buseck bei Gießen, Friedberg, Londorf (bei Gießen), Rossdorf bei Hanau.

 

Die Wetterau als Klosterlandschaft

Im Mittelalter existierten in der Wetterau und in ihrem nahen Umkreis 23 Klöster. Im Vergleich zu den anderen Gebieten des Erzstiftes kann man von einer mittleren Dichte sprechen. Die Klöster sind exklusiv drei Ordenstypen zuzusprechen: Zisterzienser bzw. Prämonstratenser, Bettelorden und Ritterorden. Nach der neueren Ordensgeschichte entsprechen die einzelnen Ordenstypen jeweils einer bestimmten sozialen Schicht:

Während die Benediktinerabteien die Klöster der Königsfamilien und des Hochadels waren, stellt der im 12. und 13. Jahrhundert neu entstandene Ministerialenstand das Klientel der Zisterzienser/innen- und Prämonstratenser/innenklöster. Hierhin schickten die Ritterfamilien ihre Töchter und Söhne zur Ausbildung, betete man für die Ritterfamilie und hier fanden die Verstorbenen des Geschlechtes auch ihre Grablege.

Die Wetterau war Königsland und hier fand man auch die Dienstleute der Könige bzw. der Kaiser, die Ministerialen oder Ritter und überrepräsentiert waren folglich auch die ihren Zwecken dienenden Klöster, allein sieben an der Zahl. 
Während der hohe und der niedere Adel seine Klöster besaß, vermissten die Bürger in den neu entstandenen Städten ihre klösterlichen Einrichtungen. Die Klöster der Bettelorden, der Dominikaner, der Franziskaner, der Augustinereremiten und der Antoniter befanden sich ausschließlich in den Städten und dienten den Bedürfnissen des einfachen Bürgertums und des städtischen Patriziates. Ein eigener Lehr- und Frömmigkeitstypus wurde geschaffen, nämlich die Darstellung des Lebens Jesu und der Gottesmutter Maria, und in den Ordenskirchen präsentiert (biblia pauperum). 
Für das höherer Bürgertum schuf man das Universitäts-studium, das auf die Dominikaner und Franziskaner zurückgeht. Lehr- und Unterrichtsbücher waren „die Summen“ mittelalterlicher Kompendien des theologischen und philosophischen Wissens.

In der Wetterau befanden sich die Klöster der „Bettelorden“ ausschließlich in den größeren Städten, in Friedberg sowie in Gelnhausen und Wetzlar, die beide in der Geschichtsschreibung unserer Region zugerechnet werden. 
In Friedberg gab es ein Franziskanerkloster sowie ein Augustinereremitenkloster. In Gelnhausen existierte ein Franziskanerkloster und in Wetzlar ebenfalls eine Franziskaner Niederlassung.
Auch kleinere Städte wie Alsfeld (Augustinereremiten) und Grünberg (Antoniter und Augustinerinnen) besaßen Klöster von Bettelorden. 
Grebenau, Hochweisel und Nidda besaßen Johanniterkommenden. In Ober-Mörlen gab es eine Niederlassung der Deutschherren. 

Außer dem Prämonstratenserdoppelkloster in Ilbenstadt, der Zisterzienserabtei in Arnsburg, den Zister-zienserinnenklöstern in Engelthal und Marienschloss in Rockenberg, die Johanniterkommenden in Nieder-Weisel und die Deutschherren in Ober Mörlen wurden alle anderen Klöster zumeist in der Reformation von dem Landgrafen Philipp „dem Großmütigen“ aufgelöst. Auch die eben genannten Ordenseinrichtungen wurden zur Zeit der Säkularisierung im Geist einer falsch verstandenen Aufklärung unterdrückt. Engelthal entstand nach dem Zweiten Weltkrieg neu als Benediktinerabtei.

 

Die Reformation in der Wetterau

Von der Reformation in dieser Region waren fast alle Reichs- und Landesstände betroffen. Recht früh wandten sich der Landgraf von Hessen-Kassel und die Grafen von Hanau dem neuen Bekenntnis zu, denen später die Landgrafen von Hessen-Darmstadt und Hessen-Homburg folgten. Auch die kleineren Herrschaften wurden fast ausnahmslos evangelisch, so: die Grafen von Isenburg-Büdingen, Solms, Stolberg-Königstein, sowie die Freiherren von Eisenbach und Löw. Die Reichsstädte Friedberg, Gelnhausen und Wetzlar entschieden sich um 1580 für den Konfessionswechsel. 
Hanau und Isenburg-Büdingen wurden calvinisch, die anderen blieben lutherisch.

Schon 1546 führten Ludwig und Christoph von Stolberg in die Herrschaft Königstein die lutherische Lehre ein. Die Städte Königstein und Oberursel, einige Orte im Taunus sowie fast alle heute mehrheitlich katholischen Orte der Wetterau mussten mit ihrer Herrschaft den Konfessionswechsel vollziehen: Harheim, Nieder- Mörlen, Ober-Erlenbach, Ober-Mörlen, Ober Wöllstadt, Oppershofen und Rockenberg. 
Da die Stolberger Grafen Lehnsträger der Mainzer Erzbischöfe waren, zog Wolfgang von Dalberg nach dem Tod des letzten Grafen, der zudem kinderlos, katholisch und geweihter Diakon war, das erledigte Lehen ein und das Mainzer Militär besetzte die Festung Königstein. Mit Erzbischof und Kurfürst Adam Bicken (1601-1604) begann die Rekatholisierung der Mainzer Ämter Königstein und Lohr am Main. Sein Nachfolger Johann Schweikhard von Kronberg (1605-1626) führte diesen Prozess zu Ende. Königstein und Oberursel sowie die genannten Wetterauer Gemeinden wurden nach 50 Jahren wieder katholisch.

Katholisch blieben die Wetterauer Gemeinden Dorn-Assenheim, Heldenbergen, Ilbenstadt, Kloppenheim und Ockstadt und zwar aus unterschiedlichen Gründen:

In Ockstadt und Dorn-Assenheim waren die Reichsfreiherren von und zu Franckenstein dem katholischen Glauben ergeben und hielten die protestantischen Prediger fern. Die gewaltsame Protestantisierung in den franckenstein’schen Dörfern in der Nähe von Darmstadt durch den dortigen Landgrafen hatte sie bewogen, auf ihre Rechte und auf ihren ererbten Glauben zu bestehen. In den Pfarreien Heldenbergen und Ilbenstadt setzten sich das Mainzer Domstift bzw. die Abtei St. Peter und Paul gegen den Ortsherren, die Burg Friedberg und den Reformator Erasmus Alberus durch. Zudem war Mainz in der Region erstarkt. In Kloppenheim besaßen die Deutschherren das Patronatsrecht. Bad Vilbel gehörte Kur-Mainz und Hanau gemeinsam und deshalb gab es eine katholische und eine evangelische Gemeinde.

 

Die katholische Reform in der Region

Die katholische Reform im Erzstift Mainz wurde von vorbildlichen Erzbischöfen, den Jesuiten und Kapuzinern und vor allem von den Weihbischöfen - so unter anderem von Stephan Weber- getragen. Maßgebend war die Durchführung der Dekrete des Konzils von Trient (1545-1563), eine bessere Priesterausbildung und eine engagiertere Seelsorge. 
Das verlangte auch adäquate pfarrliche Strukturen. So wurden die Archidiakonate aufgelöst und an ihre Stelle traten die Landkapitel. Die Wetterau gehörte mit den Pfarreien Dorn-Assenheim, Burgholzhausen, Nieder Mörlen, Ober-Erlenbach, Ober Mörlen, Ober Wöllstadt, Ockstadt, Oppershofen, Rockenberg und Vilbel zum Landkapitel Königstein.

 

Die Wetterau im Zeitalter des Barock, der Aufklärung und das Ende der Germania sacra

Die so gekennzeichnete Zeit war zunächst von den Wirren des Dreißigjährigen Krieges bestimmt. Die Bevölkerung ging seit dem Schwedeneinfall (1631) um die Hälfte zurück und die Mönche von Arnsburg und Ilbenstadt sowie die Nonnen von Engelthal und dem Marienschloss bei Rockenberg mussten ihre Klöster verlassen und fliehen.

Die nachfolgenden ruhigeren Jahrhunderte wurden von der für diese Zeit typischen Barockkultur bestimmt, was man noch in Ilbenstadt, Engeltahl und im Marienschloss aber auch in den früher mehrheitlich katholischen Pfarreien dieser Regionen sehen kann. Der Barock wollte ein Stück frohen Himmels auf die Erde holen und so lebten die Katholiken in der Wetterau ein sicher armes, wenn auch beschauliches Leben.

Die im 18. Jahrhundert beginnende Aufklärung wurde außer von einer schmalen intellektuellen Schicht von der Landbevölkerung kaum wahrgenommen. Zudem zeigte die Aufklärung in Deutschland kaum antichristliche oder antikirchliche Züge wie in Frankreich. Michael Sailer und Ignaz Heinrich von Wessenberg, die der katholischen Aufklärung verpflichtet waren, ermutigten zu einem offenen Glauben und zu einer tief empfundenen Spiritualität. Der Verfasser dieses Aufsatzes hat bei einem Landwirt seiner Gemeinde ein Gebetbuch von Sailer gefunden, das dem Schwerkranken Trost gab.

Die Säkularisierung, die Enteignung des Kirchenbesitzes – der 10. Teil Deutschlands stand unter kirchlicher Herrschaft und wurde Germania sacra genannt – nahm der Kirche die Mittel für kulturelle und soziale Initiativen. Damals gingen auch die Klöster Arnsburg, Ilbenstadt, Engelthal und Marienburg, die religiösen und kulturellen Zentren der katholischen Wetterau, unter. 
1802 wurde der rechtsrheinische Teil des Erzbistums Mainz und damit auch die Wetterau Theodor von Dalberg, dem Erzbischof von Regensburg unterstellt und vom Vikariat in Aschaffenburg, wo sich auch das Priester-seminar befand, verwaltet. Dieser Zustand existierte bis 1821. Schon 1802 wurde ein neues Bistum Mainz geschaffen, dem aber jetzt nur Rheinhessen und die Pfalz angehörten und da der linksrheinische Teil Deutschlands ein Teil Frankreichs geworden war, war Mainz jetzt ein französisches Bistum im Departement Mont de Tonnerre (Donnersberg).

 

Das neue Bistum Mainz

Das neue Bistum Mainz und die Entwicklung in unserem Raum wurde durch die päpstlichen Bullen „Provida solersque“ und „Ad dominici gregis custodiam“ geschaffen und durch Dekret 1829 verkündet. Das Bistum Mainz entsprach weitgehend dem Großherzogtum Hessen, das in Rheinhessen, Starkenburg und Oberhessen aufgeteilt war. Zu Oberhessen gehörte auch die Wetterau. 
In der Provinz Oberhessen gab es seit 1830 nur drei katholische Dekanate: das Dekanat Gießen mit Gießen selbst und Herbstein, das Dekanat Ockstadt mit sieben und das Dekanat Vilbel mit sechs Pfarreien. 
Die nächste Dekanatseinteilung stammt aus dem Jahr 1844. An Stelle des Dekanats Ockstadt war das Dekanat Friedberg getreten. Butzbach und Friedberg tauchen hier zum ersten Mal als eigenständige Pfarreien auf.

Bad Nauheim und Harheim gehörten damals zum Bistum Fulda, Dorn-Assenheim zum Bistum Limburg. Zum Dekanat Gießen, das auch jetzt nur aus vier Pfarreien besteht, war Ruhlkirchen, das vorher zu Fulda gehört hatte, und Alsfeld, wo eine katholische Kirchengemeinde gegründet worden war, dazugekommen.

 

Diözese, das sind nicht nur Strukturen oder „die Friedberger Konferenz“

Nach dem Tod von Bischof Leopold Kaiser am 30.12.1848 wählte das Mainzer Domkapitel den in Gießen lehrenden Professor Leopold Schmid mit einer Stimme Mehrheit zum Bischof. Gegen diese Wahl agierten die Domkapitulare Lennig und Moufang, sowie die Bischöfe von Limburg, Speyer und Straßburg.

Schmid warf man vor, dass er unehelich geboren und im Wilhelmstift in Tübingen einmal getadelt worden sei. Außerdem stimme der Inhalt seines Genesiskommentars nicht mit der kirchlichen Lehre überein und er neige liberalem Denken zu.

Da alle diese Argumente sich als falsch und nicht tragbar erwiesen, suchte man verzweifelt nach einem anderen Grund, um die Anerkennung durch den Heiligen Stuhl zu hintertreiben. Diese Begründung lieferte die sogenannte „Friedberger Konferenz“, an der die Pfarrer der Wetterau und auch Professor Schmid teilnahmen. Schmid soll sich hier gegen den Zölibat geäußert haben. 
Der damalige Dekan des Dekanats Friedberg, Pfarrer Philipp Keller aus Ockstadt, gab diese Information an Lennig weiter und dieser schrieb dem Bischof von Straßburg: „Pfarrer Keller ist einer unserer braven Geistlichen, ein in jeder Hinsicht zuverlässiger Mann, der mitten unter aufmüpfigen Mitbrüdern wohnt und ihr Treiben beobachtet.“
In einem weiteren Brief vom 8. Mai 1848 an den Bischof von Straßburg, der ebenfalls von Lenning stammt, heißt es: „Die Äußerungen von Keller sind derart, dass eine Konfirmation der Wahl von Rom von nun an nicht mehr denkbar ist“. 
Tatsächlich wurde die Wahl Schmids nihiliert.

Hintergrund dieser Auseinandersetzung sowohl in Mainz als auch in Friedberg ist das Aufeinandertreffen einer gemäßigt aufklärerischen aber zutiefst christlichen Strömung, wie sie in dem von Sailer und Wessenberg im Aschaffenburger Priesterseminar und später in der Tübinger Schule gepflegt wurden und dem restaurativen, ultramontanen Tendenzen in Mainz.

 

Die katholische Wetterau und das Dritte Reich

Bischof Stohr setzte sich entschieden gegen Übergriffe der nationalsozialischtischen Regierung ein. Am 21. März 1937 las er die Enzyklika „Mit brennender Sorge“ selbst im Dom vor. Die Folgen waren Reisebeschränkungen für den Bischof, Klosterschließungen und Prozesse gegen Priester wegen Devisenvergehen. Worte gegen die Judenverfolgung sind allerdings nicht nachzuweisen.

Bei den letzten freien Wahlen am Ende der Weimarer Republik blieb der Stimmenanteil für die Nationalsozialisten in den katholischen Gemeinden weit hinter den anderen Gemeinden zurück. Schikanen und Verfolgungen von Priestern in der Zeit des Dritten Reiches in der Wetterau wurden von Pfarrer Ludwig Hellriegel dokumentiert.

 

Zu neuen Ufern

Vor 1945 zählt das Bistum etwa 420.000 Katholiken und war die kleinste Diözese der Oberrheinischen Kirchenprovinz. Nach dem Zweiten Weltkrieg schwoll die Zahl auf 650.000 und bis 1960 sogar auf 710.000 an. Heute wohnen über 900.000 Katholiken in der Diözese. Da ein Großteil der Heimatvertriebenen in Diasporagebieten angesiedelt wurden, bedeutete dies eine wesentliche Änderung der konfessionellen Strukturen. Dem musste durch den Bau von Gotteshäusern und Pfarrgemeindezentren und der Vermehrung der Seelsorgebezirke Rechnung getragen werden.

Im Pontifikat von Bischof Albert Stohr, der übrigens aus der Wetterau, aus Friedberg, stammte, und an den in Friedberg ein Straßenname und das neu geschaffene Pfarrzentrum, das Albert Stohr Haus, erinnert, erhöhten sich die Seelsorgebezirke um über einhundert.

In den früheren Dekanaten Friedberg und Bad Vilbel, die in dem Dekanat Wetterau-West vereinigt wurden, erhöhten die Pfarreien oder Pfarrkurativen sich um die folgenden: Bad Vilbel-Heisberg, Fauerbach vor der Höhe, Gambach, Karben, Münzenberg, Nieder-Eschbach, Rodheim, Rosbach und Schwalheim. Im alten Dekanat Büdingen, das jetzt Wetterau-Ost heißt, sind fast zwei Drittel der Pfarrbezirke Neugründungen nach dem Krieg. In noch stärkerem Maß gilt das von dem Dekanat Gießen und erst recht für das Dekanat Alsfeld. 
Interessant dürfte auch sein, dass die neuen Pfarreien, wie zum Beispiel Altenstadt oder Karben, bald eine höhere Katholikenzahl aufwiesen als die Altpfarreien. Eine ähnliche Entwicklung war schon im 19. Jahrhundert in den Städten Bad Nauheim, Friedberg oder Büdingen festzustellen.

 

Eine Verpflichtung, die bleibt, und Aufgaben, die sich stellen

Das Siegel des Dekanats Wetterau-West zeigt den Hl. Bardo und den Hl. Gottfried. Beide stehen für eine Periode der Geschichte unseres Bistums und der Wetterau:

Bardo für die deutsche Reichskirche mit ihren in dieser Zeit vorbildlichen Bischöfen und Gottfried für die innere Christianisierung gerade unserer Heimat. Engelthal hält das Erbe der Klosterkultur und der geistigen Erneuerung aufrecht.

Wie diese beiden Heiligen auf die Menschen ihrer Zeit zugingen, um ihnen Christus zu verkünden, so stellen sich auch uns die folgenden Aufgaben:

  • In einem von der Geschichte der Reformation betroffenen Raum auf unsere Glaubensschwestern und –brüder zuzugehen und die Glaubenspaltung nicht zum Gottesverrat werden zu lassen.

  • Muslimas und Muslimen als Anhänger einer Buch- und Offenbarungsreligion zu entdecken und zu Freunden werden zu lassen.

  • Unseren katholischen Glauben zu leben versuchen und ihn nicht aus lauter Angepasstheit an die moderne Zeit verraten, sondern ihn als österliche Menschen bezeugen.

Pfr. Dr. Horst Gebhard (1939 - 2019)

 

Die Heiligen der Wetterau


Der Heilige Bardo - Erzbischof von Mainz

Im Dom zu Mainz, den er vollendet und 1036 in Gegenwart von Kaiser Konrad II geweiht hat, ist Bardo, Kurfüst und Erzbischof von Mainz und Erzkanzler des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation von 1031 bis 1051, beigesetzt. 
Der außergewöhnlich mildtätige und fromme Kirchenfürst stammte aus Oppershofen, wo er im Jahr 980 als Sohn einer adeligen Familie zur Welt gekommen war. Bardo war verwandt mit Kaiserin Gisela, der Gemahlin von Kaiser Konrad II.

Noch als Jugendlicher trat Bardo in Fulda dem Benedik-tinerorden bei und bekleidete in den folgenden Jahrzehnten zahlreiche wichtige Kirchenämter. Er wurde Dekan des neuen St. Andreasklosters in Fulda, später wurde er Abt in Verden und Hersfeld. Nach dem Tod von Erzbischof Aribo trat Bardo im Jahre 1031 in Mainz dessen Nachfolge an.

Bardo, der sich gegen andere so freigiebig zeigte, war gegen sich selbst äußerst streng. Er nahm kaum Nahrung zu sich und mußte schließlich von Papst Leo IX ermahnt werden, etwas mehr auf sich zu achten, um bei Kräften zu bleiben. Nach einem segensreichen Leben starb Erzbischof Bardo am 10. Juni 1051 während einer Reise in Dorneloh in der Nähe von Paderborn. An seinem Grab im Mainzer Dom, das bald zu einer vielbesuchten Wallfahrtsstätte wurde, ereigneten sich in der Folgezeit zahlreiche Wunder. Die Stelle seines Grabes ist nicht mehr bekannt. Seinen Festtag begehen wir am 10. Juni.

Alexander Fiolka

 

Der Hl. Gottfried von Kappenberg - konsequenter Christ
Stifter von Ilbenstadt

1097 wird Gottfried von Kappenberg - ein Nachfahre Kaiser Karls des Großen und König Widukinds - in Kappenberg (heute im Stadtgebiet von Bad Oeynhausen) geboren. Er heiratet Jutta von Arnsperg. Als er 18 Jahre alt ist, tritt er das Erbe seines Vaters an.

In dieser Zeit begegnet er Norbert von Xanten, einem Bußprediger. Gottfried wird von dessen Ruf nach Umkehr so ergriffen, daß er seine Besitzungen Norbert zur Verfügung stellen will. Am 31. März 1122 übergibt Gottfried seine Güter an Norbert. Ein weiterer Grund zu diesem Schritt mag gewesen sein, daß er sich im Investiturstreit auf die Seite der Kirche gestellt hat, und von der Reichsacht bedroht war.

Allerdings erheben sein Bruder Otto und seine Frau Jutta Einspruch, der allerdings nach "vielfältigen und langwierigen Auseinandersetzungen" (Acta Sanctorum nach Pfr. Hildenbeutel) zurückgezogen wird. "Durch fromme und heilbringende Mahnungen" (s.o.) bringt Gottfried seine Frau dazu, daß sie den Schleier nimmt.

Norbert gründet die Prämonstratenser (Name vom Gründungsort Premontre/F). Gottfried läßt in Kappenberg, Varlar und Ilbenstadt 3 Klöster errichten. Die Mönche leben nach der Regel des Hl. Augustinus, aber in strengerer Weise als bisher. Sie verzichten auf Fett und fleischliche Nahrung und kleiden sich sehr einfach.

Der Schwiegervater Gottfrieds, Friedrich von Arnsperg will sich mit der Schenkung nicht abfinden. Er beharrt darauf, daß die Schenkung zum größten Teil aus der Mitgift bestehe und verlangt die Rückgabe der Güter. Immer wieder belagert er die Burg Kappenberg, die Gottfried und Otto verteidigen. 1124 stirbt Friedrich und damit endet auch der Belagerungszustand.

Im Winter 1126 / 27 reist Gottfried nach Magdeburg, wo Norbert mittlerweile als Erzbischof residiert. Gottfried ist enttäuscht, daß Norbert die Armut im Kloster gegen den Prunk der erzbischöflichen Residenz eingetauscht hat. Er reist ab (manche Quellen berichten im Streit mit Norbert) und zieht sich eine Lungenentzündung zu, die in zwingt in Ilbenstadt Station zu machen. Am 13. Januar 1127 stirbt Gottfried fast 30jährig. Es wird erzählt, das er der Äbtissin Gerbergis in der Stunde seines Todes erschienen ist und daß er Heilungswunder gewirkt hat.

Konsequent geht Gottfried den Weg, den er als richtig erkannt hat. Er verlangt in der Nachfolge Christi von sich und von seiner Umgebung ein einfaches Leben. Er gibt sich nicht mit Halbheiten zufrieden. Hierin kann Gottfried auch heute noch Vorbild für uns sein. Nicht so sehr darauf zu schauen, was andere von uns denken mögen, sondern den Blick darauf zu lenken, was Gott von uns verlangt und was wir mit unserem Gewissen, als richtig erkannt haben. Und diesen Weg dann zu gehen, egal wie hoch die Hindernisse auch zu sein scheinen.

Hans-Georg Grüber