„Ich danke Dir Herr für die Gnade! Ich danke Dir Herr für die Kraft! Ich danke Dir Herr für dieses Kreuz!“ Dieses Gebet schrieb der Bildhauer Ludek Tichy auf, bevor er wieder in seine Heimat nach Prag zurückkehrte. „Ich habe viel bekommen, als ich an der Hobelbank bei dieser Arbeit gestanden habe, manchmal mit schlaffen Händen und erschöpft habe ich trotzdem weitergemacht. Ich weiß aber Herr, Du warst mit mir, bitte – das ist die Wahrheit- mein Herz hat das gefühlt. Darum war ich überhaupt in der Lage, diese Arbeit zu Ende zu bringen.“
Ludek Tichy wurde 1925 in Prag geboren, lernte dort an der Akademie für Grafik und Bildhauerei und begann seine künstlerische Tätigkeit. Er stellt die Welt dar, die Menschen, mit denen er lebt - zugleich gewalttätig und voller Zärtlichkeit. Auf den ersten Blick siegt die Gewalt – wie mit der Axt aus dem rohen Stamm geschlagen. Die Werke Tichys spiegeln beides: die Zerbrechlichkeit der Welt und die zerbrechliche Hoffnung. Der Glaube an den guten Gott gewinnt die Oberhand, wenn auch nicht ungefährdet. Tichy verschleiert nichts. Diese Haltung passte nicht zu der sozialistischen Tschecheslowakei. So bahnte er sich Wege in den Westen. In der Stille und Zurückgezogenheit bei den benediktinischen Mönchen von St. Matthias in Trier findet der glaubende Künstler den Raum für Kreuze, Kreuzwege und Pieta, die seine persönliche Themen sind.
Eine der wichtigsten Momente in seinem künstlerischen Leben bestand in der Begegnung mit dem Material Holz. Es wurde das wichtigste und zunehmend das einzige Material, aus dem er seine Skulpturen schuf. Man kann sagen, dass er direkt in der Logik des Holzes denkt und empfindet. Dazu kommt seine unmittelbare religiöse Grundhaltung.
Das Kreuz in St. Stephan (Griesheim) schuf Tichy 1978. In der Begegnung mit Pfarrer Binot sprach dieser nur von einem Kreuz, das in der Kirche noch fehle. Das Evangelium und das Holz sprachen zu Ludek Tichy. Das dominante Merkmal dieser Darstellung sind die überdimensionalen Hände, die sich dem Betrachter entgegenstrecken. Der leidende Christus schreit es nonverbal förmlich heraus: „Ich habe keine anderen Hände als die Deinen.“ Er hat nur unsere Hände, um sein Werk zu tun. Er hat keine Hilfe, nur unsere Hilfe, um Menschen an seine Seite zu bringen. Und wenn die Hände der Menschen andere Dinge tun als die seinen? Erwarten wir, ihm dienen zu können, ohne ihm nachzufolgen?
Lasst uns seine Hände sein. Hier berühren sich die Person Jesu und das Hilfehandeln der Menschen. In wuchtiger Kompaktheit meißelt das Kreuz die Botschaft in den Raum und lässt den Betrachter nicht ruhen. Ein Kreuz, das stört und verstört. Es kann nicht so weiter gehen wie bisher. Das Kreuz wird zum Lebensbaum. Es ist kein gewöhnliches, kein allgemeines Kreuz. Es ist das Kreuz von Griesheim, das die Botschaft in die Gemeinde ruft, ihm nachzufolgen. Nur durch Handeln wird das Evangelium lebendig. Es durchkreuzt unseren Lebensweg.
Sie kamen unangemeldet als Fremde nach Griesheim und waren die Gründer von St. Stephan. Auch Ludek Tichy kam unangemeldet als Fremder. Er ist geblieben. In den Erinnerungen. Und jeden Tag neu im Kreuz in St. Stephan. Schwer zu sagen, woran es liegt. Er ist ein freigiebiger Mensch – frei zu schenken und frei, Geschenke anzunehmen. Gleichermaßen erfahren, im Leiden und im Hoffen. Vielleicht ist das der tiefere Grund für die Botschaft eines Kreuzes, das bewegt.
(Prof. Bernhard Meyer)







