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Der Tod Jesu - 2.) Die römische Sicht

Weiterstadt Kreuzwegstation
Am Abend des 15. Nisan (7. April) des Jahres 30 n. Chr. bestellt der römische Statthalter Pontius Pilatus (P) den Hauptmann (H) eines Hinrichtungskommandos zum Rapport ein. 1)
Datum:
31. März 2025
Von:
Dr. Peter Eckstein

2. Die römische Sicht

P: Tritt näher, Centurio. Ist die Angelegenheit erledigt?

H: Ja, Präfekt. Die Hinrichtungen wurden vollzogen.

P : Und Du hast dafür gesorgt, dass alle drei wirklich tot sind?

H: Selbstverständlich. Warum fragst Du?

P: Nun, vor kurzem wurde ein gewisser Josef aus Arimathäa bei mir vorstellig, weil er den Leichnam dieses Jesus haben wollte. Gerade einmal sechs Stunden nach seiner Kreuzigung. 2) Das ist eine extrem kurze Zeit. 3)

H: Ich war schon bei vielen Kreuzigungen dabei, Präfekt! Sonst hättest Du mir wohl kaum dieses heikle Kommando übertragen. Schon unterwegs wäre uns dieser Jesus fast unter den Händen gestorben. Die Kameraden haben ihn mit der Bleigeißel übel zugerichtet. 4)  Um den Kreuzesbalken an Ort und Stelle zu bringen, mussten wir einen Cyrenäer zwangsrekrutieren. Ab der neunten Stunde hing sein Leichnam dann regungslos am Kreuz. 5)  - Den beiden anderen habe ich vor Sonnenuntergang die Unterschenkelknochen mit einer Eisenstange brechen lassen. So konnten sie sich nicht mehr abstützen und sind an ihrem eigenen Körpergewicht erstickt. Bei dem Galiläer hätte das keinen Sinn gemacht. Er hatte sich ja seit Stunden nicht mehr gerührt. Ich habe ihm aber zur Sicherheit mit einer Lanze ins Herz stechen lassen. 6)

P: Wie hat den Umstehenden denn der Thronrat gefallen, den ich ihm beigesellt habe? 7) Zwei Raubmörder und ein … was auch immer er gewesen sein mag.

H: Es gab einigen Unmut wegen der Aufschrift über seinem Kopf.

P: Ich weiß, der Hohe Rat hat sich schon bei mir beschwert. Ich solle nicht „König der Juden“ schreiben, sondern nur, dass er das von sich gesagt hat. 8) Sie haben schon gemerkt, worin die Spitze lag, diese Elendsgestalt als ihren König zu kennzeichnen.

H: Es ist bekannt, Herr, dass Du kein Freund der Juden bist. 9)

P: Aber ein Freund römischer Ordnung. Als der Hohe Rat mit dem Ansinnen hierher kam, diesen Jesus zu kreuzigen, habe ich gemerkt, dass an diesem Fall irgend etwas nicht stimmte. Ich hatte mehr und mehr den Eindruck, dass die Ratsherren mich dazu benutzen wollten, einen für sie Missliebigen zu beseitigen.

H: Warum hast Du ihn dann verurteilt?

P: Weil ich unverzüglich ermitteln muss, wenn mir jemand als Aufwiegler angezeigt wird. Zumal am Paschafest, wo Jerusalem mit Festpilgern überfüllt ist. Wo man die Befreiung aus Ägypten feiert, würden nicht wenige gern auch die Befreiung von Rom feiern. Da reicht mitunter ein Funke, um einen Flächenbrand zu entfachen.

H: Was haben Deine Ermittlungen denn ergeben?

P: Dieser Jesus hat weitgehend geschwiegen. Das machte die ganze Angelegenheit ja so undurchsichtig. Ich habe schließlich versucht, den Fall über die Pascha-Amnestie zu lösen und die Anwesenden zwischen Jesus und diesem Mordbuben Barabbas wählen zu lassen. 10) Das hätte ich besser nicht getan. Jesus zur Begnadigung vorzuschlagen, bedeutete, ihn automatisch auf eine Ebene mit einem Straftäter zu stellen, denn begnadigt werden kann nur ein Verbrecher. 11) Als ich diesen Lapsus bemerkte, war es zu spät, und der Hohe Rat hatte die Gelegenheit schon beim Schopf ergriffen. Mit der Kreuzesaufschrift bekamen sie dafür die Retourkutsche.  - Kam es während der Hinrichtungen zu irgendwelchen besonderen Vorkommnissen?

H: Nein. Die beiden Mordbrenner haben geflucht und herumgepöbelt. Jesus nicht. Ich glaube, er hat zu seinem Gott gebetet. Eines freilich war merkwürdig bei ihm.

P: Berichte!

H: Du weißt, dass die Verurteilten am Kreuz an völliger Erschöpfung sterben. Doch er starb mit einem lauten Schrei. Es war so, als würde er sein Leben bewusst aushauchen. Woher er nur die Kraft dafür nahm? Könnte es nicht sein, dass wir es hier tatsächlich mit dem Sohn eines Gottes zu tun hatten? 12)

P: Ein Gerechter also? 13) Und wenn schon! Friede, Ordnung und Sicherheit aufrechtzuerhalten, das ist meine Aufgabe in dieser Provinz! 14)  Und der bin ich nachgekommen. Auf alles andere kann ich keine Rücksicht nehmen. Nach dem Nazarener wird in ein paar Tagen kein Hahn mehr krähen. - Du kannst gehen.

Fußnoten

1) Ein solches Gespräch hat nach Mk 15, 44 tatsächlich stattgefunden. In dieser Darstellung ist es natürlich fiktiv. Die Inhalte geben jedoch Tatsachen wieder.
2) Vgl. Mk 15, 42-45. - Nach Mk 15, 25 fand die Kreuzigung in der „dritten Stunde“ (nach Tagesanbruch), d.h. gegen 9.00 Uhr statt. Der Tod trat, so Mk 15, 33-37, in der „neunten Stunde“ ein.
3) Das Sterben am Kreuz ging entsetzlich langsam vonstatten. Der Todeskampf konnte tagelang dauern, vgl. Martin Hengel, Studien zum Urchristentum. Kleine Schriften VI (WUNT 234), Tübingen 208, 646; Willibald Bösen, Der letzte Tag des Jesus von Nazareth, Freiburg ³ 1995, 279ff. - Antike Quellentexte dazu bietet und bespricht Martin Hengel, a.a.O., 610-614.
4) In die Lederriemen dieser Peitsche waren spitze Knochen- oder Metallstückchen eingearbeitet, vgl. Willibald Bösen, a.a.O., 233f. - Der jüdisch-römische Geschichtsschreiber Flavius Josephus, Bellum Judaicum II, 21, 5; VI, 5, 3 weiß von Geißelungen, an deren Ende „die Eingeweide (der Delinquenten) bloßlagen“ bzw. von Zerfleischungen „bis auf die Knochen“. Der Vollzug allein dieser Strafe endete nicht selten tödlich.
5) Zu den einzelnen Vorgängen bei der Kreuzigung Jesu vgl. Mk 15, 20b-37par. - Vgl. Gerhard Lohfink, Jesus von Nazareth – Was er wollte, wer er war, Neukirchen-Vluyn ²2012, 404.; Shimon Gibson, The Final Days Of Jesus. The Archaeological Evidence, New York 2009, 107-125; Willibald Bösen, a.a.O., 258-301.
6) Vgl. Joh 19,31ff. - Zum Zerbrechen der Beinknochen noch lebender Gekreuzigter vgl. Willibald Bösen, a.a.O., 297.
7) Vgl. Willibald Bösen, a.a.O., 281f.
8) Vgl. Joh 19, 19-22.
9) Belege gibt Flavius Josephus, Antiquitates Judaicae XVIII, 3, 1-2; 4, 1-2: Ders., Bellum Judaicum II, 9, 1-4. Weitere Angaben bei Martin Hengel / Anna Maria Schwemer, Jesus und das Judentum, Tübingen 2007, 80-83.
10) Vgl. Mk 15, 6-15par. - Die manipulierte Menge entschied sich bekanntlich für Barabbas. Zur Historizität und den Hintergründen vgl. Marius Reiser, Der unbequeme Jesus (BthS 22), Neukirchen-Vluyn 2011, 216ff.
11) Vgl. Gerhard Lohfink, a.a.O., 396ff.
12) Zur Einordnung dieser Aussage als wunderhaftes Prodigium, vgl. Marius Reiser, a.a.O., 221f. - Die Deutung erstaunlicher Phänomene aus Natur und Alltag als göttliche Zeichen waren in der griechischen und römischen Welt ganz geläufig, vgl. Clemens Zintzen, Art. Prodigium in: Der kleine Pauly 4 (1972),  1151-1153.
13) So übersetzt Lk 23, 47 den Hauptmannsruf für die Gedankenwelt seiner heidenchristlichen Leserschaft. Sowohl eine theologische („Ein göttlicher Mensch“) als auch eine ethische Deutung („Der Mann war unschuldig“) sind möglich.
14) Dem ganzen Erdkreis Frieden und Ordnung zu bringen, verstanden die Römer als ihre weltgeschichtliche Berufung, vgl. Werner Dahlheim, Augustus, München 2010, 160f.