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Der Tod Jesu. 1.) Die jüdische Sicht.

St. Johannes der Täufer - Taufbecken - 7-armiger Leuchter
Am Am Abend des Paschafestes des Jahres 30 sitzen der Hohepriester Kajaphas (K) und sein Schwiegervater Hannas (H) ins Gespräch vertieft zusammen und blicken noch einmal auf die Ereignisse des vergangenen Tages zurück. 1)
Datum:
25. März 2025
Von:
Pfarrer Dr. Peter Eckstein

1. Die jüdische Sicht

K: Das ist gerade noch mal gut gegangen. Gelobt sei der Name des Allmächtigen.

H: Ja, es war schwierig, Pilatus dazu zu bringen, den Galiläer hinzurichten. Er wollte nicht... 2)

K: Du weißt, der Präfekt hasst uns, unser Volk und unsere Sitten. 3)

H: Daran allein lag es nicht. Verzeih mir, aber Deine gestrige Nachtsitzung war kein Meisterstück. Wenn Du schon zur Unzeit für eine außerordentliche Sitzung Zeugen zusammenrufst, dann musst Du auch dafür sorgen, dass ihre Aussagen übereinstimmen. Es gibt so viele Berichte, wie dieser Jesus durch dämonische Magie die Menschen verwirrte. 4)  Und da war es wirklich nicht möglich, zwei übereinstimmende Zeugenaussagen zu bekommen? 5) Es hätte nicht viel gefehlt und wir hätten ihn laufen lassen müssen.

K: Du unterschätzt mich, lieber Schwiegervater. Mein Schachzug, ihn direkt mit der Frage zu konfrontieren, um die es eigentlich ging, ist doch geglückt. „Bist Du der Messias, der Sohn des Hochgelobten?“ 6)

H: Das muss ich freilich anerkennen. Es ist ja allgemein bekannt, dass Jesus diesen Anspruch erhob. Da hat er sich um eine klare Antwort nicht herumdrücken können. 7)

K: Hast Du noch im Ohr, wie er sich als Menschensohn bezeichnet hat? Er will also der endgültige Weltenrichter sein. Sagt er als Angeklagter vor dem höchsten Gericht des von Gottes auserwählten Volkes... 8)

H: Als wenn das die einzige Unverschämtheit gewesen wäre, die wir von ihm gehört haben. Der Tempel sei nicht mehr nötig, hat er behauptet. Er sei ja jetzt da! Seine ständigen Provokationen haben die Stimmung immer weiter angeheizt. Erinnerst Du Dich noch, wie er sich im Tempel aufgeführt hat, als sei er der Hausherr? Wie er die Händler für die Opfertiere und die Geldwechsler weggescheucht hat? - Wer den Tempel angreift, untergräbt die Fundamente unseres Glaubens. 9) Wie sehr das die bestehende Ordnung zersetzt, kann einer, der unserem Volk nicht angehört, gar nicht verstehen. Deshalb mussten wir es vor Pilatus als Aufstandsversuch beschreiben.

K: Über dieses Menschensohnwort rege ich mich jetzt noch auf. „Jetzt richtet Ihr über mich, aber einmal werde ich über Euch richten. Das ist Eure letzte Chance“, sollte das ja heißen. Welche Unverfrorenheit! Den Tempel und den Hohen Rat wird es bis zum Ende dieser Weltzeit geben!

H: Deine Erregung war unübersehbar. Dein Gewand hast Du ja demonstrativ vor aller Augen zerrissen.

K: Auf jeden Fall ist der Nazoräer jetzt völlig diskreditiert. „Wer am Holz hängt, ist ein von Gott Verfluchter“ 10), heißt es im Gesetz. Dessen Gültigkeit hat ja nicht einmal er in Frage gestellt. Deshalb musste das Todesurteil unbedingt auf Kreuzigung lauten. Das konnten wir durchsetzen. Und nichts und niemand hat ihn gerettet. 11) Gott war also nicht mit diesem „Menschensohn“! Das dürfte jetzt auch dem Letzten klar geworden sein.

H: Was ist eigentlich aus seinen Anhängern geworden?

K: Wie vom Erdboden verschluckt. Und das wird sicher so bleiben. Sie wissen, dass ihnen als Spießgesellen eines Aufrührers dasselbe Schicksal droht. 12)

H: Das war es also mit diesem Jesus aus Nazareth. Er und seine Bewegung werden uns nun keine schlaflosen Nächte mehr bereiten. Auch Dir nicht, wie ich hoffe.

P.S.: Diese Darstellung will die Überlegungen des Hohen Rates und seine Sorge um den Fortbestand des Judentums nachzeichnen, ohne diesem dabei automatisch Bosheit zu unterstellen. Auch Jesus selbst war Jude, seine mitbetroffenen Anhänger waren es ebenfalls. Dieser Text berechtigt daher keinesfalls zu irgendwelchen antisemitischen Schlussfolgerungen. Gez. Der Verfasser.

Teil 2: Die römische Sicht erscheint zum 5. Fastensonntag; Teil 3: Die christliche Sicht wird zu Ostern veröffentlicht.

Fußnoten

1)  Der Dialog als solcher ist natürlich erfunden. Die Inhalte jedoch beruhen auf Fakten, die wesentliche Hintergründe für den Prozess und den Tod Jesu beleuchten.
2) Vgl. Mk 15, 1-15 par. Dem Zögern des Pilatus gibt die Darstellung  Joh 18, 28-19, 16 breiten Raum.
3)  Belege dafür gibt Flavius Josephus, Antiquitates Judaicae XVIII, 3, 1-2; 4, 1-2; Ders., Bellum Judaicum II, 9, 1-4. Weitere Details bietet Martin Hengel / Anna Maria Schwemer, Jesus und das Judentum, Tübingen 2007, 80-83.
4)  Beleg dieser Deutung bei Lk 11, 15: „Mit Hilfe von Beelzebul, dem Herrscher der Dämonen, treibt er die Dämonen aus.“ Vgl. hierzu Marius Reiser, Der unbequeme Jesus (BthS 22), Neukirchen - Vluyn 2011, 163f. 170f.
5) Vgl. Mk 14, 55-61.
6) Mk 14, 61par.
7) Vgl. Marius Reiser, a.a.O., 213.
8) Vgl. Mt 26, 64f. Zur Ungeheuerlichkeit dieser Aussage für jüdische Ohren vgl. Marius Reiser, a.a.O., 213f. - Jesus konfrontiert hier den Hohepriester mit einem Vollmachtsanspruch, den er als Grund seines bisherigen Handelns wiederholt deutlich machte, vgl. Gerhard Lohfink, Jesus von Nazareth - Was er wollte, wer er war, Freiburg ²2012, 391ff.
9) Die Tempelreinigung, die die jüdischen Autoritäten als Angriff auf das Judentum insgesamt verstanden, bildete den endgültigen Ausschlag, Jesus zu beseitigen, vgl. Mk 11, 15-18par. Vgl. Marius Reiser, a.a.O., 212f.
10) Dtn 21, 23.
11) Für jüdisches Empfinden war das ein entscheidender Punkt. Eine Entrückung des noch lebenden Jesus bei seiner Gefangennahme oder spätesten nach seiner Kreuzigung wäre die letzte Möglichkeit gewesen, seinen Hoheitsanspruch zu untermauern, vgl. Martin Hengel, Studien zum Urchristentum. Kleine Schriften VI (WUNT 234), Tübingen 2008, 604. - Dieser Aspekt ist neben dem Tempelwort nach Ausweis der Passionsberichte der zweite Hauptbestandteil der Verspottung des am Kreuz hängenden Jesus, vgl. Mt 27, 40-43; Mk 15, 30-32; Lk 23, 35-39.
12) Vgl. Mk 14, 50par. - Massenkreuzigungen von Aufständischen kamen immer wieder vor. Beispiele für Judäa schon zur Zeit der Hasmonäer bietet Flavius Josephus, Antiquitates Judaicae XII, 14,2, aus römischer Zeit Flavius Josephus, Antiquitates Judaicae XVII, 10,10; Ders., Bellum Judaicum  II, 6,2; V,11,1. -  Die (begründete) Furcht der Jünger vor den Juden erwähnt ausdrücklich Joh 20, 19.