Maria Friedenskönigin, Freiensteinau

Maria Friedenskönigin, Freiensteinau
Vor dem Zweiten Weltkrieg war die katholische Präsenz im Vogelsberg nur sehr gering. Die Bevölkerung war nahezu ausschließlich evangelisch. Erst mit dem Ende des Krieges änderte sich dies grundlegend. Infolge der Beneš-Dekrete sowie der nach dem Zweiten Weltkrieg beschlossenen und durchgeführten Vertreibungen verloren Millionen Deutsche aus dem Sudetenland und anderen Gebieten der Tschechoslowakei ihre Heimat.
Auch nach Freiensteinau kamen im Jahr 1946 zahlreiche Heimatvertriebene aus dem Sudetenland. Die Zuwanderung katholischer Familien aus dem Egerland und aus Mähren veränderte die konfessionelle Zusammensetzung des Ortes nachhaltig.
Bereits am 14. April 1945 gelangte der aus Proskowitz Proskovice) stammende Priester Josef Schneider, geboren 1914, mit lediglich 20 Kilogramm Gepäck nach Deutschland. Nachdem er seine Familie in Fürth für kurze Zeit besucht hatte, wurde er vom Diözesanbischof von Mainz zunächst nach Kostheim und anschließend als Kaplan nach Herbstein zum Dienst in der Diaspora entsandt.
Von dort erhielt er den Auftrag, mehr als 3.500 katholische Aussiedler in insgesamt 35 Dörfern rund um Grebenhain, Freiensteinau, Eichenrod, Hörgenau, Lanzenhain, Stockhausen und weiteren Orten seelsorglich zu betreuen. Er selbst wohnte in einem lediglich 16 Quadratmeter großen Zimmer im Dachgeschoss eines Hauses in Freiensteinau.
Auf seinen Vorschlag hin wurden diese 35 Gemeinden bereits im September 1946 in mehrere Lokalkaplaneien aufgeteilt. Bis zum 30. Juni 1957 wirkte Josef Schneider als Seelsorger in Freiensteinau und prägte den Aufbau der katholischen Gemeinde entscheidend.
Da zunächst keine eigene Kirche vorhanden war, stellte die evangelische Kirchengemeinde ihr Gotteshaus und zeitweise auch die Schule großzügig für katholische Gottesdienste zur Verfügung. Dort fanden ab 1946 Gottesdienste, Taufen, Erstkommunionen, Firmungen und Trauungen statt. Mit der wachsenden Zahl katholischer Gläubiger entstand jedoch schon bald der Wunsch nach einer eigenen Kirche.
Da weder das Bistum Mainz noch der Bonifatiusverein in Paderborn die notwendigen finanziellen Mittel für einen Neubau bereitstellen konnten, wandte sich Pfarrer Josef Schneider an den niederländischen Prämonstratenserpater Werenfried van Straaten. Der als „Speckpater“ bekannte Ordensmann bereiste gemeinsam mit Prälat Dr. M. J. Ondersteyn von der Prämonstratenserabtei Berne das zerstörte Nachkriegsdeutschland. Bei seinem Besuch in Freiensteinau erkannte er die große Not der Heimatvertriebenen und der Diasporagemeinde.
Obwohl Pater Werenfried ursprünglich andere Pläne verfolgte, entschloss er sich schließlich, den Kirchenbau in Freiensteinau zu unterstützen. Im Gegenzug bat er darum, einen Film über die schwierige Seelsorgearbeit in der Diaspora und das entbehrungsreiche Leben der Heimatvertriebenen in Freiensteinau drehen zu dürfen. Dieser Film wurde später in Belgien und den Niederlanden gezeigt und machte die Not der Menschen weit über Deutschland hinaus bekannt.
Die Kirche Maria Frieden war die erste Kirche, die mit Unterstützung der von Pater Werenfried van Straaten gegründeten Ostpriesterhilfe – dem heutigen internationalen Hilfswerk „Kirche in Not“ – errichtet wurde. Damit besitzt sie innerhalb der Geschichte dieses Hilfswerks eine besondere Bedeutung.
Die Kirche Maria Frieden entstand unmittelbar aus der Not der Nachkriegszeit. Die Grundsteinlegung für Kirche, Pfarrhaus und den über der Kirche geplanten Jugendraum erfolgte am 29. Mai 1950.
Die Weihe des Grundsteins fand – passend zum Patrozinium – am 15. August 1950, dem Fest Mariä Himmelfahrt, vor dem „Kirchlein“ statt, wie Pfarrer Josef Schneider die Kirche in seinen Aufzeichnungen liebevoll bezeichnete. Anschließend wurde der Grundstein in der linken Außenwand der Kirche auf Höhe des Altars eingemauert.
Auch die Glocke erhielt die Inschrift: „Maria, Königin des Friedens, bitte für uns.
Sie konnte jedoch erst im Jahr 1952 eingeweiht werden, nachdem die Heimatvertriebenen die erforderlichen Mittel für ihre Anschaffung aufgebracht hatten.
Während der Bauzeit behalf sich die Gemeinde zunächst mit einem sogenannten Kapellenwagen der Mission – dem eigentlichen Hilfsprojekt Pater Werenfrieds. Bereits im September 1950 wurde erstmals ein solcher Wagen im Bereich Freiensteinau eingesetzt. Er fuhr von Freiensteinau über Nieder-Moos bis nach Reichlos. Ab 1951 waren mehrere dieser Kapellenwagen in der gesamten Diaspora unterwegs und blieben bis etwa 1953 im Einsatz. Sie ermöglichten es, auch in den verstreut liegenden Orten Gottesdienste zu feiern und die Seelsorge aufrechtzuerhalten, solange vielerorts noch keine eigenen Kirchen vorhanden waren.
Bereits im September 1951 konnten Kirche, Pfarrhaus und der über der Kirche errichtete Jugendraum fertiggestellt werden.
Errichtet wurde die Kirche in außergewöhnlicher Eigenleistung. Zahlreiche Heimatvertriebene packten selbst mit an und schufen gemeinsam ihr neues Gotteshaus. Für viele von ihnen bedeutete der Bau weit mehr als die Errichtung eines Kirchengebäudes – er war Ausdruck ihres Glaubens, ihres Zusammenhalts und ihres Willens zu einem Neuanfang in der neuen Heimat.
Am 9. September 1951 wurde die Kirche durch Prälat Dr. M. J. Ondersteyn von der traditionsreichen Prämonstratenserabtei Berne in Brabant feierlich geweiht.
Im Inneren der Kirche befindet sich bis heute eine Zeitkapsel. Sie wurde am Tag der Kirchweihe in der Kirche hinterlegt und enthält die Weiheurkunde, zahlreiche persönliche Briefe aus der Zeit der Kirchweihe, eine Widmung von Pater Werenfried sowie viele von Kindern selbst gemalte Bilder. Diese Dokumente bewahren eindrucksvoll die Erinnerungen an den Bau der Kirche, an die Hoffnung der Menschen und an den Neuanfang der damaligen Gemeinde.
Der Name „Maria Frieden“, auch „Maria Friedenskönigin“ beziehungsweise – wie es in der Weiheurkunde heißt – „Maria, Königin des Friedens“, steht in der Tradition zahlreicher Nachkriegskirchen. Das Patrozinium erinnert bewusst an das Ende des Zweiten Weltkriegs und an die tiefe Sehnsucht der Menschen nach Frieden und Versöhnung. Die Verehrung Marias als Friedenskönigin wurde besonders in den Nachkriegsjahren vielerorts zu einem Symbol der Hoffnung und des Neuanfangs.
Bereits 1953 errichtete Josef Baier in Eigenleistung die Mariengrotte vor der Kirche. Nachdem er einen schweren Unfall überlebt hatte, wollte er – wie er selbst sagte – „etwas wieder gut machen“ und schuf als Zeichen seines Dankes diese Grotte.
Kirchenrechtlich wurde Freiensteinau zunächst als Lokalkaplanei gegründet. Ab 1957 bestand ein Pfarrrektorat, das der Mutterpfarrei Herbstein zugeordnet war. Zum 1. Januar 1986 wurde das Pfarrrektorat aufgelöst und die Kirche Maria Frieden als Filialkirche der Pfarrei Grebenhain zugeordnet.
Anfang der 1980er-Jahre wurde das Pfarrhaus zu einem Jugendheim umgebaut. Viele Jahre diente es unter anderem als Unterkunft für die Mädchenfreizeiten der Kirchengemeinde Grebenhain. Seit dem Jahr 2020 wurden die Räume wieder zu einer Wohnung umgestaltet. Heute ist das unmittelbar an die Kirche angrenzende ehemalige Pfarrhaus an eine Familie vermietet.
Die Kirche selbst ist bewusst klein gehalten und verfügt über rund 25 Sitzplätze. Monatlich werden hier Gottesdienste gefeiert. Besonders an den hohen Festtagen wie Ostern und Weihnachten füllt sich die kleine Kirche bis auf den letzten Platz.
Tagsüber ist die Kirche für Besucher geöffnet. Viele Menschen nutzen die Gelegenheit, vor der Marienfigur ein Opferlicht zu entzünden oder die Mariengrotte vor der Kirche zu besuchen.
Traditionell feiert die Kirchengemeinde jedes Jahr am Wochenende nach dem Weihetag, dem 9. September, ihr Kirchweih- und Pfarrfest auf dem Platz vor der Kirche. Dort erinnern das bereits beim Bau der Kirche errichtete Kreuz mit der Inschrift „Den Toten der Heimat“ sowie ein Bildstock an den lebendigen Glauben und die enge Verbundenheit der Gemeinde mit ihrer Geschichte.
Zum 50-jährigen Weihejubiläum wurde am 8. September 2001 im Bürgerhaus Freiensteinau eine Ausstellung zur Geschichte der Kirche gezeigt. Außerdem wurde der von Pater Werenfried veranlasste Film über die Anfänge der Gemeinde vorgeführt. Am folgenden Tag, dem 9. September 2001, feierte die Gemeinde das Jubiläum mit einem festlichen Gottesdienst und einem Gemeindefest.
Am 12. September 2026 begeht die Kirchengemeinde gemeinsam mit Bischof Peter Kohlgraf das 75-jährige Weihejubiläum der Kirche. Aus diesem Anlass werden zahlreiche historische Fotografien aus der Bauzeit sowie Dokumente zur Geschichte der Gemeinde präsentiert.
Quellenangabe: Wikipedia, Aufzeichnungen von Pfarrer Schneider aus dem Archiv, Herr Korn Freiensteinau, Archiv Bauakten