vom 24.1. - 22.2.26

„Was ist Wahrheit“?
Diese Frage, die Pilatus an Jesus stellt, ist ur - menschlich. Wer hätte gedacht, dass sie gerade durch Donald Trump Auftrieb erhält? Lange war man der Überzeugung, dass diese Frage schlicht sinnlos ist. Denn man ging davon aus, dass es keine Fakten, sondern nur noch subjektive Beschreibungen der Wirklichkeit gibt. Jeder und jede konstruierten eben „ihre“ Welt. Auch die Geschlechter gebe es nicht und man könne selber entscheiden, wie man sich eben definieren oder verstehen wolle. Donald Trump hat diesen Konstruktivismus der vormals linken Agenda in seinen Dienst gestellt. Seine Rede von den „Alternativen Fakten“ macht dann Sinn. Es ist eben seine Konstruktion von Wirklichkeit. Wenn es keine objektive Wahrheit gibt, ist das durchaus schlüssig.
Gehen wir von daher einen Schritt weiter: Die KI macht atemberaubende Fortschritte. Zugleich werden die Schattenseiten deutlicher. Zuletzt erzeugte der KI Chatbot „Grok“ von Elon Musk sexualisierte Bilder von Frauen, Kindern und bekannten Persönlichkeiten. Unnötig zu sagen, dass noch ganz andere, schreckliche Sachen möglich sind.
Künstliche Intelligenz: Das sind gigantische Statistikmaschinen, die alle verfügbaren Informationen verarbeiten können. Die Programmierer können sie „dressieren“, dass sie menschliche Moralvorstellungen nachahmen, ohne jedoch selbst ein Wertesystem
zu kennen oder gar „verinnerlichen“ zu können. Dass die Produkte der KI kohärent sind, ist entscheidend. Ob sie „wahr“ sind, ist keine Kategorie. Aber gerade das ist der Kern menschlicher Moralität: Dass wir ein Gewissen haben, dem wir verpflichtet sind. Und dieses Gewissen verpflichtet uns nur aus einem Grund: weil es wahr und objektiv ist. Hanna Arend sah gerade in der Konfusion darüber, ob es ein Gewissen gibt, ob es gut oder böse gibt, einen der Hauptgründe, warum der Nationalsozialismus so „erfolgreich“ sein konnte.
Letztlich hat das alles mit der Ausgangsfrage zu tun: Was ist Wahrheit? Der Filmemacher Werner Herzog hat dazu geschrieben: „Wahrheit scheint mir als eine immerwährende Bemühung, sich ihr anzunähern. Als Bewegung auf sie zu, als ungewisse Reise. Aber das gibt uns Sinn und Würde; sie ist es, die uns von den Kühen auf der Erde unterscheidet.“
Engelbert Recktenwald geht einen Schritt weiter. Sein Buch: „Am Ende wartet Gott“. bezieht sich nicht (nur) auf das Ende unseres Lebens. Sondern auf den Versuch vieles zu Ende zu denken. Ohne eine transzendente Verankerung in Gott – so sagt er - ist es schwer an Wahrheit und Moral festzuhalten.
Aber beides brauchen wir in diesen verrückten Zeiten mehr denn je.
Martin Weber, Pfr.