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Neujahr / Hochfest der Gottesmutter LJ A
zu: Num 6, 22-27 & Lk 2, 16-21
01.01.2026 (Dom)
„Fürchtet euch nicht!“
- Heute Nacht, Schlag Mitternacht, haben 32 Pfarreien, Kuratien und Filialgemeinden in Worms und Umgebung aufgehört zu existieren. Mit einem Dekret hat der Bischof mit Wirkung zum 31.12.2025 deren Auflösung verfügt. Und in der nächsten Sekunde war die neue Pfarrei St. Nikolaus Worms-Wonnegau geboren. Auch wenn wir erst am 18. Januar in einem festlichen Gottesdienst mit dem Bischof deren Gründung feiern: rein rechtlich wurde die neue Pfarrei heute Nacht geboren. Für mich selbst bedeutet das: ich bin nicht mehr Pfarrer und Pfarradministrator von 23 Einzelpfarreien, wie ich es bis gestern noch war, sondern plötzlich nur noch Pfarrer einer einzigen Gemeinde. Das hatte ich in der Tat noch nie. Seit ich Pfarrer bin, waren es immer schon mehrere Gemeinden. Aber viel epochaler als meine persönliche Situation, viel einschneidender ist die Situation für die Pfarreien. Hier enden zum Teil viele Jahrhunderte währende Geschichten. Pfarreien, die sich über die Reformation gerettet haben, die auch nach den Wirren des Konfessionswechsels, später der Säkularisation ihre Eigenständigkeit immer verteidigt hatten, teilweise erkämpft hatten, sind mit einem Federstrich aufgelöst. Kirche in Auflösung! So empfinden das ja auch manche.
- Und das gilt ja nicht nur für unsere Gemeinden. Im Grunde ist die ganze Welt an vielen Stellen im Chaos. Altvertraute Strukturen lösen sich auf. Bündnisse bröckeln, die Europäische Union, das Friedensprojekt nach den schlimmen Erfahrungen des 2. Weltkrieges, droht an wiedererwachtem nationalem Egoismus in vielen Ländern zu zerbrechen. Die Vereinten Nationen sind längst zu einer Lachnummer geworden, wo eine steckenbleibende Rolltreppe scheinbar wichtiger ist als der Weltfrieden. Der Frust angesichts der zermürbenden Bemühungen um einen dauerhaften und gerechten Frieden in der Ukraine, eine Ukraine und mit ihr ein Europa, das zum Spielball der sprunghaften Interessen zweier selbstverliebter egomanischer Machthaber in Russland und den USA geworden ist. Es ist der Start in ein Neues Jahr voller Fragezeichen, Ungewissheiten, Unsicherheiten. Aber wenn wir ehrlich sind: wann war das je anders? Wann sind wir einmal nur mit ungetrübtem Optimismus in ein Neues Jahr gestartet? Vor ein paar Jahren war es die Pandemie, die die Welt in Atem hielt, dann Wirtschaftskrisen, Kriege, Naturkatastrophen, der unaufhaltsame Klimawandel.
- Mir tut es gut, dass die Liturgie deshalb ganz bewusst an den Anfang des Neuen Jahres einen großen Segen setzt. In der alttestamentlichen Lesung wird uns der sogenannte aaronitische Segen zugesprochen: „Der Herr segne dich und behüte dich. Der Herr lasse sein Angesicht über dir leuchten und sei dir gnädig. Der Herr wende sein Angesicht dir zu und schenke dir Frieden!“ Wenn die Welt aus den Fugen gerät, wenn alles in Auflösung scheint, wenn die Unsicherheit übermächtig wird: es gibt einen, der Halt schenkt: Der Herr. Auf ihn dürfen wir uns verlassen. Weil er uns nicht verlässt, im Gegenteil: weil er zu uns kommt, weil er Mensch geworden ist. Und weil er seit der Geburt des Gottessohnes in Betlehem den Weg der Geschichte mit uns geht. Durch alle Höhen und Tiefen. Das ist die große Zusage des Segens am Anfang des Neuen Jahres.
- Zugleich ist der Neujahrstag der Oktavtag von Weihnachten. Wir dürfen alles, unsere ganze Welt, im Licht von Weihnachten sehen: Uns liegt noch das Wort in den Ohren, das die Engel den Hirten zugerufen haben: „Fürchtet euch nicht!“ Gott ist da, er ist der Immanuel, der Gott mit uns. Das schenkt mir, das darf uns allen in all den Unsicherheiten eine tiefe Gelassenheit, eine Ruhe, eine Zuversicht schenken. Fürchtet euch nicht! Gott ist da – alles wird gut.
- Es wäre jetzt aber ein Missverständnis, als ob das die Einladung ist, einfach die Hände in den Schoß zu legen. Weil Gott da ist, weil er mit uns geht, deshalb brauchen wir uns nicht zu sorgen, nicht zu kümmern, können einfach ruhig und gelassen abwarten, was kommt. Das heutige Evangelium macht deutlich: so funktioniert es nicht! Denn es ist ja schon eigenartig, wie dieses kleine Kind, das da in Betlehem geboren wurde, dieses wehrlose und ohnmächtige Kind in der Krippe, von Anfang an alle in Bewegung bringt. Das fängt an mit Maria, die sich nach der Ankündigung durch den Engel auf den Weg gemacht hat zu ihrer Verwandten Elisabeth, die ebenfalls ein Kind erwartete. Das setzt sich fort mit Kaiser Augustus, der buchstäblich die ganze Welt in Bewegung versetzt, indem er alle Bürger seines Reiches zur Volkszählung aufruft und sich jeder in seine Geburtsstadt begeben muss. Also machen sich auch Maria und Josef auf den Weg von Nazareth nach Betlehem, wo das Kind schließlich geboren wird. Doch damit nicht genug: dann machen sich die Weisen aus dem Morgenland auf den Weg, folgen dem Stern, der sie am Ende zu diesem Kind führt, dem sie begegnen dürfen. Kaum sind sie fort, erscheint der Engel dem Josef und fordert ihn auf, sich mit der ganzen Heiligen Familie erneut in Bewegung zu setzen, diesmal auf der Flucht vor dem eifersüchtigen und mordenden König Herodes. Und schließlich, als Herodes gestorben war, machen sie sich wieder auf den Weg, diesmal nach Nazareth, wo sie sich niederlassen. Was für eine Dynamik! Es ist atemberaubend, wie dieses Kind innerhalb kürzester Zeit praktisch die ganze Welt in Bewegung setzt.
- Für mich wird daran deutlich: Weihnachten ist nichts für Stubenhocker. Christsein ist nichts für Menschen, die es sich bequem machen wollen. Weihnachten will uns in Bewegung bringen, denn Gott ruht sich nicht einfach auf seinen Lorbeeren aus, sondern macht sich auf den Weg, wird Mensch in dieser unsicheren und unvollkommenen Welt, setzt sich diesen ganzen menschlichen Katastrophen unserer Welt aus. Und er braucht Menschen, die sich mit ihm auf den Weg machen, die sich bewegen lassen, um seine Liebe immer neu zu den Menschen zu bringen. Das ist unser Auftrag. Alles andere, Strukturen, Pfarreien, Organisationen, sind nur Mittel zum Zweck; Hilfsmittel, die uns helfen wollen, diesem Auftrag in dieser dynamischen und bewegten Welt so gut wie möglich gerecht zu werden: Gottes Liebe zu allen Menschen zu bringen.
- Deshalb sehen Sie mich heute, trotz dieser epochalen Veränderungen in dieser Nacht, völlig ruhig und entspannt. Denn ich bin fest überzeugt – und das haben wir ja in den vergangenen Jahren gemeinsam mit Vielen beraten, überlegt, geplant und vorbereitet – dass die neuen Strukturen, die neue große Pfarrei St. Nikolaus mit ihren 33 Einzelgemeinden und den verschiedenen Kirchorten, die Form ist, die wir brauchen, um in unserer Zeit und unter den aktuellen Bedingungen bestmöglich diesen Auftrag Gottes zu erfüllen: Boten seiner Liebe zu sein. Ich bin entspannt, weil ich weiß, dass uns Gottes Segen für diesen Weg zugesagt ist, dass er sein Angesicht über uns leuchten lässt und den Weg mit uns geht. Ich weiß: da warten viele große Herausforderungen auf uns – und zwar auf uns alle, als Christen, als christliche Gemeinde. Ich bin mir bewusst: das ist kein Spaziergang. Aber so ist eben Weihnachten! Weihnachten ist kein Fest für Gemütlichkeit und Bequemlichkeit. Weihnachten, Christsein ist anspruchsvoll: es geht um nicht mehr und nicht weniger als die Rettung der Welt. Aber, auch das ist für mich eine wichtige und entlastende Botschaft Weihnachten: nicht wir müssen die Welt retten. Der Retter ist Christus. „Christ, der Retter ist da!“, haben wir an Weihnachten gesungen.
- Wir sind nur seine Mitarbeiter. Auf Augenhöhe. Nicht Knechte, sagt Paulus im Galaterbrief, sondern Söhne und Töchter. Mit ihm dürfen wir vertrauensvoll dieses große Werk angehen: die Rettung der Welt. Und vor dieser großen Aufgabe ist die Neugründung einer Pfarrei doch wirklich nichts, was uns Angst machen braucht. Erst recht nicht, wenn wir seit Weihnachten wissen, das Gott in Jesus Christus den Weg mit uns geht. Dass er uns in diesem Kind in der Krippe sein Angesicht zugewendet hat. Deshalb: „Fürchtet euch nicht!“
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