Gründungsgottesdienst der Pfarrei St. Nikolaus:Predigt von Bischof Peter Kohlgraf

Predigt zum Gründungsgottesdienst der Pfarrei St. Nikolaus
Dom zu Worms, Sonntag, 18. Januar 2026, 16:00 Uhr
Es gilt das gesprochene Wort.
Wir feiern heute die Gründung der neuen Pfarrei St. Nikolaus aus verschiedenen Gemeinden und anderen Orten, an denen Kirche und Glaube bezeugt und gelebt werden. Viele haben sich hier an den notwendigen Überlegungen beteiligt, dafür danke ich Ihnen sehr herzlich. Die neue Pfarrei steht für eine Einheit in Vielfalt. Der heutige Festtag ist ein wichtiger Schritt, diese Einheit in den Blick zu nehmen. Bei aller Unterschiedlichkeit der Gemeinden und ihrer Glaubenserfahrungen dürfen wir nie vergessen, dass uns der eine Glaube, die eine Taufe, der eine Gott und Vater aller verbindet.
Dieses Zusammenwachsen ist nicht mit dem heutigen Tag beendet. Es wird weiter notwendig sein, sich kennen und schätzen zu lernen, in den Glaubenserfahrungen anderer einen Schatz zu entdecken, der jeden und jede einzelne im persönlichen Glauben weiterführt. In dieser neuen Pfarrei steht der große und ehrwürdige Dom in Worms im Zentrum. Die Herausforderung wird hier sicher sein, die jeweiligen Gaben und Chancen von Stadt und Land, kleinen und großen Gemeinden zusammenzuführen und Gemeinschaft so zu gestalten, dass niemand zurückgelassen wird. Die große Pfarrei hat Chancen. Nicht jede Gemeinde kann und muss alles leisten, aber gemeinsam bilden sie das bunte kirchliche Spektrum ab, mit Liturgie, Glaubensweitergabe und Caritas.
Im Augenblick erlebe ich auch als Bischof, dass wir eine lernende Kirche sind, eine Gemeinschaft, die nicht schon immer alles weiß und auf jede komplexe Frage eine klare und schwarz-weiße Antwort hat. Ich lerne etwa im Blick auf unsere Gesellschaft, dass sie insgesamt in einem Wandel ist. Vor einiger Zeit las ich eine Stellungnahme eines Landrats, der auch die Dörfer und Gemeinden dazu aufrief, über größere kommunale Räume nachzudenken und sie zu gestalten, weil nicht jeder Ort in der Lage sei, alle Bedarfe der Bewohnerinnen und Bewohner zu gewährleisten. Genau dies versuchen wir auf dem Pastoralen Weg auch. Und unsere evangelischen Geschwister sind in denselben Veränderungsprozessen.
Ich lerne aus den jüngsten Studien, dass Kirchenbindung nachlässt. Auch hier in Rheinhessen gibt es mehr Todesfälle als Geburten, mehr Austritte als Taufen. Und gleichzeitig gibt es lebendige Gemeinden, in denen Menschen aller Generationen ihren Glauben leben, bezeugen und weitergeben. Wir dürfen uns die eigene Situation auch nicht nur schlechtreden. Es geschieht unglaublich viel an guter Arbeit und Glaubensweitergabe. Der Verlust von Mitgliedern bei politischen Parteien ist bundesweit mindestens genauso dramatisch. Das sage ich mit Besorgnis. Wenn bisher prägende Institutionen wegbrechen, kann das für eine Gesellschaft zum Schaden sein. Was bedeutet es für eine Gesellschaft, wenn große Institutionen, die sich um gesellschaftlichen Zusammenhalt bemühen, nach und nach an Bedeutung verlieren? Wer prägt das Miteinander, wer gestaltet das Leben in den Ortschaften, wer setzt sich ein für die Belange der Menschen, besonders der Kleinen und Schwachen? So lade ich Sie ein, sich weiter auch in der neuen Pfarrei genau für diese Menschen in Ihrem Raum zu interessieren, sich für sie einzusetzen und neben vielen aktuellen Themen auch die Botschaft von Jesus Christus als dem Heiland der Menschen nicht schamhaft zu verstecken. Immer wieder war ich hier in Worms und habe wahrgenommen, dass Kirche in den Orten und Lebenswirklichkeiten der Menschen präsent ist. Ich glaube fest daran, dass unsere Welt uns Christinnen und Christen braucht. Wir haben heute das Evangelium gehört, das Jesus als den Sohn Gottes in das Zentrum stellt. Menschen erwarten – innerhalb und außerhalb der Kirche – dass wir nicht nur über binnenkirchliche Strukturen diskutieren. Sie erwarten, dass sich unser Glaube im Alltag zeigt: in einer christlichen Lebensweise, im Umgang miteinander, im Reden übereinander, besser noch: im Reden miteinander, im Denken und Handeln. Christsein ist nicht nur etwas in den Kirchen am Sonntag, sondern im Alltag. Ich erlebe in vielen Begegnungen im Bistum Mainz, dass es viele sind, die sich darum bemühen.
Ich lerne viel aus Begegnungen und Gesprächen, auch mit Menschen, die nicht dem kirchlichen Kernkreis zugehören. Dass mancher, der auch Verletzungen erfahren hat, das Gespräch mit mir als Christ und Bischof sucht, hat mich immer wieder berührt. Menschen erwarten etwas von uns als Kirche. Die Pfarrei soll der Ort sein, wo dies verlässlich und verbindlich in Angriff genommen wird. So stellen die Pfarreien einen verlässlichen, stabilen Ort der Beheimatung dar, der Menschen zusammenführt und zu einer Gemeinschaft verbindet, der Ehrenamt fördert und damit Menschen unterschiedlicher Generationen Teilhabe ermöglicht. Oft ist die Pfarrkirche und sind die Gemeindekirchen Heimat über die Generationen hinweg. Kinder wurden dort getauft, Sakramente in der Familie gefeiert, Ehen geschlossen, für Verstorbene gebetet. Die Zukunft einzelner Kirchen in unserem Bistum macht vielen Sorge, mir auch. Gestern noch haben wir mit politisch Verantwortlichen in Hessen darüber gesprochen, wie auch Politik Verantwortung für die Kirchen übernehmen will und kann.
So soll auch die neue Pfarrei Heimat sein, aber sie muss gestaltet werden. Dass dies auf neue Weise gelingt, wünsche ich wirklich von Herzen. Ein Dank gilt allen, die hier Heimat leben und gestalten, auch in einer Welt, die mobiler wird. Kirche ist dabei nicht der einzige Ort von Veränderung. Wir lernen in diesen Tagen, was es heißt, synodal unterwegs zu sein. Papst Franziskus hat die Weltkirche auf einen synodalen Weg gerufen, den wir auch in Deutschland mitgehen. Papst Leo scheint diesen Weg auf seine Weise weitergehen zu wollen. Synodal heißt: gemeinsam nach Wegen in die Zukunft suchen, sich verstehen lernen, die Erfahrungen anderer wertzuschätzen, nach Konsens zu suchen, Konflikte in Respekt voreinander auszutragen, nicht nur um sich selbst zu kreisen, nicht zu vergessen, dass wir einen missionarischen Auftrag in dieser Welt haben. Bei allen oft kontroversen Diskussionen, die auch nach dem heutigen Gründungstag geführt werden: Der Kern des Auftrags, den wir haben, sollten wir nicht vergessen. Es geht um Gottesdienst, Verkündigung und Nächstenliebe.
Als Kirche lernen wir, dass Leitung gut laufen kann, wenn sie von vielen Menschen ausgeübt wird. In unseren neuen Pfarreien werden wir eine gemeinsame Pfarreileitung haben und einüben müssen. Das haben wir auf Bistumsebene auch angeleitet, ohne dass das Amt des Bischofs infrage steht. Es wird auch weiter viel zu lernen geben. Ich bitte Sie alle, dass wir uns gegenseitig unterstützen in unseren je eigenen Aufgaben und Verantwortlichkeiten.
Noch einmal gilt mein großer Dank und Respekt Ihnen allen, die Sie viel Herzblut und Engagement investiert haben und weiter einbringen. Es geht nur in Gemeinschaft mit dem Bischof, der Sie vor Ort wirklich braucht. Bei aller Betonung der Einheit bleibt natürlich die Vielfalt der Orte und Menschen ein Schatz. Niemand hat für sich den heiligen Geist gepachtet. Jeder und jede bringt die eigene Erfahrung mit, daraus entsteht am Ende ein vielfältiges Mosaik. Die Pfarreiwerdung kann dann gut gelingen, wenn sich jeder und jede als Teil eines größeren Auftrags versteht.
Sie haben sich das Patronat des heiligen Nikolaus gegeben. Der Heilige steht für Nächstenliebe und Menschenfreundlichkeit. Er steht aber auch für das mutige Bekenntnis zu Christus, dem Sohn Gottes, wie es im heutigen Evangelium formuliert ist. Das Leben aus dem Gebet und aus dem Gotteswort darf bei allen aktuellen Debatten nicht vernachlässigt werden. Die Kirche darf sich nicht in die Sakristeien zurückziehen, Glaubenszeugnis und Nächstenliebe bleiben unverzichtbar, wie auch das gesellschaftliche Engagement der Christinnen und Christen. Ich wünsche Ihnen allen, dass Nikolaus und die einzelnen Patrone der Gemeinden Ihnen immer wieder gute Vorbilder und Begleiter sein werden. Ich glaube fest daran, dass der Geist Gottes uns begleitet und trägt. Das ist der Grund meiner Hoffnung, auch für die Zukunft, in die Gott uns führen will.