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St. Sebastian in Michelstadt

Datum:
23. Dez. 2025
Von:
© Dr. Jutta Reisinger-Weber M.A. (Kunsthistorikerin-Historikerin), 2025

Lage

64720 Michelstadt, d´Orvillestraße 22a

Datierung

Erster Spatenstich 23. April 1957, Grundsteinlegung 23. Juni 1957, Richtfest 4. Juli 1958, Konsekration 5. Juli 1959

Architekt

Prof. Albert Boßlet (1880–1957) verstarb während der Bauzeit, so dass sein Neffe, Erwin van Aaken (1904–2008), den Bau zu Ende führte.

Renovierungen

1998 Kircheninnenraum, 2010 Krypta-Renovierung, 2012 Erneuerung Kirchentreppen (Unterbau), Haupteingang und barrierefreier Zugang (Architekt Stephan van Aaken)

Beschreibung

St. Sebastian Michelstadt

Das Kirchengebäude ist am Hang gebaut, geostet und vollständig unterkellert (unter dem Altarraum ist eine Werktagskapelle sowie Gemeinderäume). Albert Boßlet wollte zeigen, dass die Romanik mit ihrem Raumkonzept in die heutige Zeit übertragen werden kann. Von Westen gehen zwei breite Treppen auf ein Plateau zum Eingang, wo sich eine Loggia mit vier Säulen bis zum Dach erhebt. Der schlichte Saalbau besteht aus Kalksteinsichtmauerwerk sowie Stahlbeton. Vom Haupteingang im Westen mit einem großen Rundfenster darüber, betritt man die Kirche und schaut auf den eingezogenen, etwas erhöhten Altarraum. Ein durchlaufendes Fensterband gliedert die Seitenwände des Langhauses unterhalb der Decke sowie im unteren Wandbereich auf jeder Seite sieben Fenster mit Szenen des Kreuzwegs zu sehen sind. Alle Fenster wurden als Beton-Glas-Fenster ausgeführt, damals ein Novum.

Der Chorraum ist um vier Stufen erhöht und wird durch das Glasfenster des entschlafenen Christus am Kreuz dominiert. Unter dem Chorfenster an der Wand steht auf einem Marmorfuß mit Ablageplatte der Tabernakel. Der Opferaltar ist ebenfalls aus Marmor mit einer großen Mensaplatte. Links und rechts des Altars, zur Gemeinde vorgerückt, steht je ein Ambo. An der Stirnwand des Langhauses sind zwei Heiligenfiguren in je einer stilisierten Nische zu sehen: links Maria mit Kind und rechts der hl. Sebastian, Patron der Kirche. Das Marmor-Taufbecken steht mittig im Mittelgang der Bankreihe, die an dieser Stelle mit einem Quergang kreuzt. Die Kirche erhielt aus Geldmangel einen Stragula-Boden, d. h. eine ölhaltige Linoleum-Imitation aus imprägnierter Bitumenpappe.

Glasbetonfenster

Die Fenster im Chorraum schufen der Michelstädter Glasmaler Heinz Hindorf (1909–1990) und Karl Seidel. Das Fenster der Ostwand zeigt ein Kruzifix mit Korpus (8 m), bei dem die Farbpalette 30 verschiedene Tönungen aufweist: vorwiegend Blautöne (Himmel, Treue zu Gott und dem Glauben), aber auch Rot (Martyrium Jesu) und Grün (Leben) kommen vor. Die seitlichen Fenster im Altarraum zeigen die Gaben Brot und Wein. Hier herrscht eine gelbe Farbpalette vor.

Die Fenster des Langhauses sind das Werk des Kunstmalers Walter Bettendorf (1924–2004) aus Konz. In der oberen Fensterreihe sind Bibelstellen thematisiert: Aus dem Alten Testament, Buch Daniel (Dan 3,1ff. Die drei jungen Männer im Feuerofen) und dem Neuen Testament, der Offenbarung des Johannes (Offb, Kapitel 5). Auch hier ist Blau eine der Grundfarben. Im unteren Wandbereich ist der 14-Stationen Kreuzweg als Betonglasfenster eingesetzt, der eine intensivere Farbgebung hat, da hier Rot als Farbe des Martyriums hinzutritt. In ähnlicher Farbgebung gestaltete Bettendorf die Rosette (Dm 5,5m) über dem Haupteingang, die den Erzengel Michael mit der Schlange kämpfend, zeigt. Mit ihm soll das Böse abgewehrt werden. Das Glas kam aus einer Glasmanufaktur in Saint-Just-Sur-Loire (bei Paris).

Orgel

Die aus der evangelischen Kirche in Linz am Rhein stammende Orgel wurde 1968 von den Gebrüder Späth Orgelbau (1894-1971) in Ennetach-Mengen umgebaut. Sie besteht aus 20 Registern, hat zwei Manuale und Pedal. Im Jahr 2008/09 renovierte die Licher Orgelbaufirma Förster & Nicolaus die Orgel grundlegend. Die Register: Manual I (C-g'''): Prinzipal 8', Konzertflöte 8', Oktave 4', Kleingedackt 4', Nasat 2 2/3', Nachthorn 2', Mixtur 4 fach, Trompete 8'. Manual II (C-g'''): Gedeckt 8', Dulzflöte 8', Blockflöte 4', Prinzipal 2', Sifflöte 1 1/3', Scharff 3 fach, Dulzian 16', Tremolo. Pedal (C-f1): Subbass 16', Oktavbass 8', Pommer 8', Piffaro 3fach, Posaune 16'. Koppeln: I/II, I/P, II/P. Spielhilfen: zwei freie Kombinatonen, Schweller (II. Man.), Walze, Tutti, Zungen ab.

Krypta – St. Michaelkapelle

Der schlichte Altarstein aus rotem Sandstein stammt aus der Schlosskapelle Hirschhorn. Hinter dem Altar in der Wand ist der Tabernakel mit einer Ablage und darüber das runde Mosaikglasfenster mit der Darstellung des himmlischen Jerusalem von Heinz Hindorf, eines seiner letzten Glasfenster. Die Marienfigur schuf der Drechsler Eich aus Erbach/Odw. Die Bronze-Sitzbank und weiter Bronzeelemente der Kirche wurden in der Firma Glassl (Michelstadt) nach Entwurf gegossen.

Bemerkenswertes

Am 15. Oktober 1953 wurde auf Grund der vielen katholischen Heimatvertriebenen aus den ehemaligen Ostgebieten die Pfarrkuratie Michelstadt gegründet. Auf der Bischofskonferenz 1955 gab es einen Aufruf an die großen katholischen Verbände in der BRD, beim Bau einer Diasporakirche zu helfen. Der Zentralverband der Historischen Deutschen Schützenbruderschaften e.V. sammelte über 100.000 DM, so dass die Kirche ihren Schutzpatron, den hl. Sebastian als Patrozinium, erhielt. In gleicher Höhe spendete der ortsansässige Fabrikant Bernhard Koziol. Auf seine Fürsprache bei Bischof Volk kam es zur Unterkellerung der Kirche. Auch geht auf Koziol der sog. Ring-Rosenkranz zurück, welchen er für die Pfadfinder von Michelstadt entwarf und der dann weltweit für die Pfarrei vertrieben wurde.

Literatur

Sankt Sebastian 1959-1999. 40 Jahre katholisches Gemeindezentrum in Michelstadt, hg. von der Pfarrgemeinde St. Sebastian, Michelstadt, Red. Franz Bürkle u.a., Erbach 1999 – Ann-Kathrin Weber: Die Kirche als Haus zum Lobe Gottes. Martin Luther und die Rezeption römisch-katholischer Kirchengebäude am Beispiel von Michelstadt, in: „gelurt“ Odenwälder Jahrbuch für Kultur und Geschichte 2022, hg. vom Kreisarchiv des Odenwaldes, Red. Anja Hering, Erbach 2021, S. 233-239.

© Dr. Jutta Reisinger-Weber M.A. (Kunsthistorikerin-Historikerin), 2025