Neue Ära im Priesterseminar

Frau Gilbert, Sie gehören zur Leitung des Priesterseminars und des Hauses der kirchlichen Berufe in Mainz. Was ist Ihre Aufgabe?
Gilbert: Als Ökonomin bin ich für die Verwaltung, für das Gebäude und die Liegenschaften zuständig. Ich bin Ansprechpartnerin für die Abläufe im Haus und das Thema Stiftung. Zudem gehöre ich zum Team der Ausbildungsleitung und vertrete den Regens.
Eine Frau in der Leitung gab es bisher nicht. Zudem wurde die Position des Subregenten abgeschafft.
Gilbert: Meine Stelle ist praktisch die Weiterentwicklung der Stelle des Subregenten. Ich teile mir mit meiner Kollegin Monika Müller diese Stelle. Monika Müller ist für die Studienleitung und Studienphase der Seminaristen zuständig. Ich verantworte alles, was das Haus an sich betrifft.
Als Sie in Ihrer jetzigen Position gestartet sind: Wie haben Sie sich gefühlt?
Gilbert: Ich bin zusammen mit dem Regens auch Vorgesetzte unserer Mitarbeitenden im Priesterseminar. Das wurde sofort angenommen. Ich habe mich nie in Frage gestellt gefühlt. Wir haben im Bistum schon einen guten Weg eingeschlagen, beispielsweise mit dem Generalvikar und der Bevollmächtigten. Das Thema Doppelspitze ist nicht neu.
Herr Regens Leja und Frau Gilbert, Sie hatten von der Bistumsleitung den Auftrag, den Gebäudeprozess auch im Priesterseminar durchzuführen. Was bedeutet das?
Gilbert: Wir werden die Liegenschaften verändern und unser Gelände verkleinern, fast halbieren. Die Einrichtung wird sich auf das Gebiet des alten Klostergebäudes reduzieren. Die andere Hälfte des Geländes wird ab 2027 nicht mehr von der Körperschaft Priesterseminar genutzt und geht über ans Bistum. Darunter fallen das Dr.-Maria-Reinartz-Haus, die Martinusbibliothek, der Schwesterntrakt mit Speisesaal. Im Zuge dessen werden uns auch die sieben kroatischen Franziskanerinnen im Sommer 2027 verlassen, das ist für uns besonders traurig.

Was hat sich in der Ausbildung geändert?
Leja: Das Priesterseminar nach dem alten Modell wurde von Regens und Subregens geleitet. Sie haben entschieden, wer aufgenommen wird, und haben die Ausbildung der Seminaristen bis zur Zulassung zur Weihe begleitet. Dieses Konzept hat man schon vor unserer Zeit in Frage gestellt. Auch, weil die Zahlen der Priesteramtskandidaten abnahmen. Vor allem, weil das Bistum Mainz schon vor mehr als 20 Jahren Wert darauf gelegt hat, hier kooperativ Priester, Pastoralreferentinnen und -referenten, Gemeindereferentinnen und -referenten sowie Ständige Diakone auszubilden. Die große Änderung bei der Ausbildung ist vor allem, phasenweise zu denken.
Was meinen Sie damit?
Leja: Es gibt eine Orientierungsphase, das christliche Orientierungsjahr für Schulabgänger und Schulabgängerinnen. Es folgt die Studienphase, während der alle, die einen pastoralen Beruf ergreifen wollen, Theologie studieren. Schließlich der Pastoralkurs mit Pastoralseminar und Berufseinführung konkret vor Ort in den Pfarreien. Der Gedanke war: Wenn wir die Berufsgruppen übergreifend ausbilden, dann braucht es auch in den Leitungen berufsgruppenübergreifende Teams beziehungsweise Kollegen und Kolleginnen. Die neue Rahmenordnung der Priesterausbildung, die jetzt im März von der Deutschen Bischofskonferenz herausgegeben wurde, besagt: Es sollen in der Priesterausbildung und -begleitung Frauen mitbeteiligt sein.
Wie hat man bei Ihnen im Haus auf die Veränderungen reagiert?
Leja: Am Anfang war das ein Sortieren unserer Aufgaben und Zuständigkeiten. Das hat auch zu Unmut geführt. Neues ist auch immer ein bisschen chaotisch. Zudem besteht bei den Studierenden und Auszubildenden die Frage: Was macht unsere Berufsgruppe noch aus, wenn wir gemeinsam ausgebildet werden? Ich denke, die Frage ist berechtigt. Denn sie hat etwas mit der eigenen Identität zu tun. Tatsächlich betrifft das alle Berufsgruppen, nicht nur die Priester.
Wie beantworten Sie die Frage?
Leja: Wir schauen vor allem: Was sind die Kompetenzen, die ein Seelsorger, eine Seelsorgerin braucht? Das gilt es, gemeinsam zu schärfen, auszubilden, zu entwickeln. Auch bei der liturgischen Kompetenz macht es keinen Sinn, dass wir für jede Berufsgruppe etwas extra anbieten. Aber Priester haben Aufgaben, die nur sie ausführen: etwa die Beichte hören oder die Messe zelebrieren. Da gibt es Spezialisierungen. Aber alles, was in der Ausbildung gemeinsam geht, versuchen wir gemeinsam zu machen.
Gilbert: Zudem gilt es, die Ressourcen zu schonen. Ausbildungspersonal ist auch eine Ressource, die jetzt gut zusammengeführt werden kann.
Inwieweit wurde die Missbrauchsstudie von 2023 „Erfahren – Verstehen – Vorsorgen“ mitbedacht?
Leja: Dass dem Leitungsteam ein Mann und eine Frau angehören, ist eine unmittelbare Umsetzung der Lehren aus der Studie. Weitere Beispiele für Veränderungen: Wir sind in den verantwortlichen Teams breiter aufgestellt, haben ein Mehr-Augen-Prinzip, etablieren ein Konfliktmanagement, ermöglichen klare Melde- und Beschwerdewege.
Gilbert: Auch das Schutzkonzept unseres Hauses wird überarbeitet. Wir haben aufgrund der Erfahrungen der vergangenen Semester geschaut, was im Verhaltenskodex fehlt und wo es Anpassungen braucht. Wir legen etwa mehr Wert auf die Kultur der Achtsamkeit.
Welche Effekte haben all diese Veränderungen?
Leja: An sich schon positiv ist die kooperative Ausbildung. Da wird jeder sagen: „Das ist gut.“ Trotzdem wird hier das Profil erhalten und geschärft.
Gilbert: Menschen kommen zu uns, spüren eine Berufung und beginnen hier eine Ausbildung. Aber wenn etwa jemand erkennt: „Nein, Priester ist gar nicht mein Weg, ich will aber trotzdem in der Kirche arbeiten“, wechselt er nur innerhalb des Hauses den Flur und es geht weiter.
Das ist wirklich eine große Neuerung im Gegensatz zum alten Priesterseminar-Modell, als man in dieser Situation ausziehen musste und einfach weg war. Es gibt auch die umgekehrte Situation: Wenn sich jemand im Orientierungsjahr entschließt, Gemeindereferent zu werden, und dann doch Priester werden will, klopft er einfach beim Priesterseminar an. Die Möglichkeiten, seine Berufung zu finden, sind nun durchlässiger geworden.