Schmuckband Kreuzgang

Das katholische Dekanat Bergstraße-West startet den „Pastoralen Weg“

außerordentliche Dekanatsversammlung in Bürstadt

Flipchart (c) Bistum Mainz
Flipchart
Fr 22. Mär 2019
Engelbert Renner

BÜRSTADT. Erschrecken und positive Aufbruchsstimmung sind die beiden Pole, zwischen denen sich die Stimmungslage der haupt- und ehrenamtlich Engagierten im katholischen Dekanat Bergstraße-West seit Mittwochabend bewegt. Die Rahmenbedingungen, die von der Bistumsleitung auf dem vom Mainzer Bischof Peter Kohlgraf gestarteten Pastoralen Weg vorgegeben wurden, stellen die Verantwortlichen vor große Veränderungen, die bis zum Jahr 2030 umgesetzt werden sollen. Gleichzeitig ist es ermutigend, dass diese Veränderungen in einem zweijährigen Pastoralen Gespräch mit allen Beteiligten und darüber hinaus Interessierten mit Bedacht und einem gesunden geistlichen Fundament angegangen werden sollen.

Vergangenen Mittwochabend fand in den Räumen der katholischen Pfarrei St. Michael in Bürstadt eine außerordentliche Dekanatsversammlung mit rund 65 Teilnehmenden als Start zu diesem Pastoralen Weg statt. Dort stellten Ordinariatsrat Hans-Jürgen Dörr, Leiter des Seelsorgedezernats, und Dr. Ursula Stroth von der Koordinationsstelle „Pastoraler Weg“ des Bistums das bischöfliche Konzept vor. Ausgehend von den pastoraltheologischen Grundlagen, die das zweite Vatikanische Konzil in den 1960er Jahren wegweisend formulierte, wiesen die beiden Referenten auf die zu erwartende statistische Entwicklung hin, die von einem Rückgang der Katholiken im Dekanat um 20 Prozent und einem noch stärkeren Rückgang der hauptamtlich pastoralen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bis zum Jahr 2030 ausgeht. Ein einfach Weiter-so sei daher nicht möglich. Mit Interesse und  gleichzeitiger Erschütterung nahmen die haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Pfarreien und kirchlichen Einrichtungen, wie Schulen, Kindertagesstätten und Seniorenwohnheimen, im Dekanat diese Botschaften auf. Es gelte nun, Seelsorgestrukturen und –aufträge neu zu überdenken, sich auf den Auftrag des Evangeliums zu besinnen und  gemeinsam zu überlegen, wie wir Pastoral bis in das Jahr 2030 gestalten wollen. Eine „Willkommenskultur für neue Ideen“ sei dabei eine angemessene Haltung.

Bistumsweit ist bis zum Jahr 2030 von etwa 50-60 Pfarreien auszugehen. Für das Dekanat Bergstraße-West sind zwei solcher großer Verwaltungseinheiten vorgesehen, bei einem gleichzeitigen Rückgang von 16,5 auf 10,5 Vollzeitstellen im pastoralen Bereich. Diese „Pfarreien“ sind in ihrem Verständnis nicht mit dem heutigen Pfarreibegriff gleichzusetzen, sondern eher so etwas wie rechtliche Einheiten mit hauptsächlich verwaltungsmäßigen Befugnissen. Jede dieser Pfarreien steht unter der Gesamtleitung eines Priesters und wird je einen Pfarreien- und einen Verwaltungsrat bilden.

Die Verwaltungstätigkeiten in den Pfarreien sollen zukünftig mehr von hauptamtlich tätigen Verwaltungsfachkräften übernommen werden, um den pastoralen Kräften die seelsorgerliche Arbeit zu ermöglichen. „Auch werden wir uns aufgrund der schwindenden Finanzmittel von etwa der Hälfte der kirchlichen Gebäuden trennen müssen“, kündigte Stroth an.

Bis Sommer 2021 sollen nun ein Leitungsteam, verschiedene Projektteams und eine sogenannte „Resonanzgruppe“ gebildet werden, die mit einer bunten Vielfalt bisheriger Engagierter aber auch neuer interessierter Personen von außen besetzt sein werden. Diese sollen ein pastorales Konzept innerhalb der vorgegebenen Rahmendaten für das Dekanat entwickeln.

Natürlich kamen in der anschließenden Gesprächsrunde auch erhebliche Bedenken gegen diese Planung zum Vorschein, besonders auf dem Hintergrund einiger ungeklärter Prozesse und Enttäuschungen in Viernheim und Lampertheim. Auch die Sinnhaftigkeit der im November turnusgemäß anstehenden Pfarrgemeinderatswahlen wurde dabei infrage gestellt. „Ist das Dekanat als solches am Ende dieses Weges dann überhaupt noch eine sinnvolle Ebene?“, wollte ein Teilnehmer wissen. „Wenn es uns nicht gelingt, in den letzten Jahrzehnten verspieltes Vertrauen der Menschen in die Kirche durch wegweisende und mutige Reformen, wie z.B. in den Fragen des Zölibats und dem Umgang mit Frauen in kirchlichen Ämtern, wieder zurück zu gewinnen, ist alles Mühen auf diesem Pastoralen Weg vermutlich vergebens“, nahm ein anderer auch die Kirchenleitung in die Pflicht. Eine neue Glaubwürdigkeit von Kirche müsse ein wichtiges Ziel sein, wie sie eine Stellungnahme des Diözesankatholikenrates bereits eingefordert habe. Insgesamt war eine größere Skepsis als positive Aufbruchsstimmung im Raum zu spüren.

Dennoch gebührte das letzte Wort der Austauschrunde der Mut machenden Äußerung eines hauptamtlichen Mitarbeiters: „Es war höchste Zeit, sich auf diesen offenen, ehrlichen und vertrauensvollen Weg in der Kirche zu begeben, der nun endlich beginnt. Ich freue mich darauf und habe Lust, ihn mit allen Menschen guten Willens zu gehen.“