Schmuckband Kreuzgang

Geschichte der Binger Rochuswallfahrt und der Rochuskapelle

Während der großen Pest im Rhein-Main-Gebiet in den Jahren 1663 – 1667, von Algerien durch ein Baumwollschiff eingeschleppt, bahnte sich die Pest unaufhaltsam ihren Weg den Rhein hinauf. In Köln, Bonn und Frankfurt hinterließ sie ihre tödlichen Spuren. Anfang des Jahres 1666 kam es zu den ersten Todesfällen im Dorf Münster bei Bingen. Ende April hielt die Krankheit Einzug im Binger Stadtgebiet. Nach vorsichtigen Schätzungen starben bis zum Januar 1667 etwa 450 Personen. Unter den Opfern waren der Pfarrer und seine vier Kapläne.

Zu allen Zeiten haben die Menschen die Pest als Strafgericht betrachtet, das Gott über die sündige Menschheit verhängte. Darum versuchten die Menschen Gott durch vorgeschriebene Gebete und Gelübde zu besänftigen. In den geistlichen Herrschaften Köln und Mainz wurden die traditionellen Pestheiligen, die schmerzhafte Mutter, der heilige Sebastian und der heilige Rochus in die Bittgebete und Gelübde einbezogen. Am 16. Juli 1666 berichtete der Binger Amtmann Baron Frey von Dehren an das Mainzer Domkapitel, „daß die gesamte Stadt allda ein Votum getan, in honorem S. Rochi eine Kapelle auf dem Hesselingen zu bauen. alljährlich am Tag des hl. Rochus eine Prozession dorthin zu führen und den halben Tag zu feiern“. Der Amtmann bat um Zustimmung des Domkapitels, das seine Einwilligung gab. Am 7. August berich-tete der Amtmann nach Mainz, daß der erste Stein zu der neuen Kapelle gelegt sei. Baumeister der ersten Rochuskapelle war der Guardian des Kapuzinerklosters in Mainz, Pater Archangelus.

Bis zum Jahre 1769 feierte man den Rochustag am versprochenen Tag. Prediger und Beichtpriester stellten die Binger Kapuziner. Große Erbitterung entstand in der Bevölkerung, als durch erzbischöfliche Verordnung 1769 der Rochustag auf den folgenden Sonntag verlegt wurde, aber erst 1774 gestattete der Erzbischof, den Rochustag wieder am 16. August als versprochenen Feiertag zu begehen.

Zwischen 1710 und 1730 erbaute man an der Ostseite der Kirche eine Michaelskapelle. Bis 1795 wurde auch der zweite Pestheilige St. Sebastian in der Rochuskapelle durch eine jährliche Wallfahrt der Schüler des Gymnasiums in Bingen verehrt. In der ersten Kapelle war einer der Altäre dem heiligen Sebastian geweiht. Für die regelmäßigen Gottesdienste in der Kapelle waren die Kapuziner zuständig. Alle Bitt-prozessionen der Pfarrgemeinde führten im 18. Jahrhundert auf den Rochusberg, allein von 1742 bis 1788 zählte man 68 „Bittfahrten“. Zur Verbreitung der Verehrung des heiligen Rochus am Mittelrhein wurde 1754 die Rochusbruderschaft gegründet.

Als Folge kriegerischer Auseinandersetzungen wurde die Rochuskapelle 1689 z um ersten Mal verwüstet. Französische Truppen setzten die Stadt Bingen in Brand, verschleppten alle Wertgegenstände, selbst die Glocke der Kapelle, als Kriegsbeute. Erst nach Jahren konnte die Kapelle wieder hergerichtet und neu eingeweiht werden. 1795 geriet die Rochuskapelle unter Beschuß der deutschen und österreichischen Truppen, die oberhalb von Rüdesheim in Stellung gegangen waren. Turm und Dach wurden zerschossen. Die auf dem Rochusberg verschanzten Franzosen benutzten das ganze Holz der zerstörten Kapelle als Brennmaterial. In der folgenden französischen Zeit der Stadt Bingen, von 1801 bis 1813, galt die zerstörte Rochuskapelle als nichtgeduldete Kirche, ihr Vermögen wurde mit der Pfarrkirche St. Martin vereinigt. Das 1666 gelobte Rochusfest wurde in der Pfarrkirche gefeiert.

Nur einmal in diesen Jahren, und zwar 1802 zogen die Binger auf den Rochusberg; dafür hatten die Fischer aus Segeln ein großes Zelt genäht.

Nach der Völkerschlacht bei Leipzig 1813 schleppten die über den Rhein zurückfließenden Truppen das Lazarettfieber nach Bingen. Viele Menschen starben. In dieser Notzeit erinnerte man sich an das Pestgelübde von 1666. Unter Führung der Rochusbruderschaft wurde 1814 mit dem Wiederaufbau der Rochuskapelle begonnen. Die Bruderschaft erwarb die Inneneinrichtung der 1803 aufgelösten Abteilkirche zu Eibingen für die neu errichtete Kapelle. Bei der feierlichen Einweihung durch den Mainzer Domherrn Ludwig Jonas, ein geborener Binger, war Johann Wolfgang von Goethe Gast auf dem Rochusberg. Zur Erinnerung an diesen Aufenthalt beschrieb er das Binger Rochusfest und ließ sich als Rochus malen. Dieses Bild schenkte Goethe der Kapelle; es wird noch heute in der sogenannten Goethekapelle aufbewahrt. Von 1814 an wurde das Rochusfest wieder regelmäßig auf dem Berg gefeiert, in Form des gebotenen halben Tages am 16. August. 1822 wurde dieser gelobte Feiertag von der Regierung abgeschafft und das Rochusfest nach Maria Himmelfahrt gefeiert.

Im Jahre 1889 wurde die Rochuskapelle zum Rochusfest einer gründlichen Renovation unterzogen. Sechs Wochen vor dem Fest fuhr in der nacht vom 11. auf den 12. Juli der Blitz in den Turm der Kapelle. Trotz Rettungsversuche der Binger und Kempter Bürger brannte die Kapelle bis auf das Mauerwerk vollständig nieder. Spontan entschloß man sich zum sofortigen Neubau der Kirche. Ehemalige Binger in Amerika spendeten 10.000, die Binger selbst in wenigen Tagen 30.000 Goldmark. Die Pfarrgemeinde St. Martin bewilligte 100.000 Goldmark für den Neubau, eine Weinlotterie mit geschenkte Weinen erbrachte nochmals 36.000 Mark. Z um Architekten der neuen Rochuskapelle berief der Binger Dekan Josef Engelhardt den Freiburger Dombaumeister Max Meckel, der den Neubau in Form der rheinischen Spätgotik entwarf. Am 18. Mai 1891 wurde durch den Mainzer Bischof Dr. Haffner der Grundstein gelegt. Bereits am 17. August 1895 war der Bau vollendet und erhielt an diesem Tag durch den Mainzer Bischof in Anwesenheit der Bischöfe von Köln, Trier, Limburg, Fulda und Eichstätt unter großer Anteilnahme der Bevölkerung seine kirchliche Weihe.

1995 wurde mit großen Feierlichkeiten das 100jährige Jubiläum der heutigen St. Rochuskapelle begangen.

Bis heute ist das Rochusfest und die Wallfahrt für Bingen, den gesamten Mittelrhein und die Nahegegend, ja weit darüber hinaus ein religiöses Ereignis. Tausende von Pilgern strömen alljährlich in der Oktav zu den Wallfahrtsgot-tesdiensten. Die Tradition, daß die Feierlichkeiten durch einen Bischof oder Abt eröffnet werden, ist bis heute nicht abgerissen.

(P. Dr. Josef Krasenbrink OMI +)