Schmuckband Kreuzgang

Barmherzigkeit – für heute

Regenbogen (c) Angelika Haite / pfarrbriefservice.de
Regenbogen
Datum:
Mi. 6. Jan. 2021
Von:
Eva Reuter

„Wir werden einander viel verzeihen müssen“, sagte der Bundesgesundheitsminister Jens Spahn zu Beginn der Pandemie. Damals klang der Satz für mich etwas rätselhaft. Inzwischen habe ich eine Idee, was er gemeint haben könnte.

Was das Zitat des Ministers mit der Jahreslosung zu tun hat...

„Wir werden einander viel verzeihen müssen“, sagte der Bundesgesundheitsminister Jens Spahn zu Beginn der Pandemie. Damals klang der Satz für mich etwas rätselhaft. Inzwischen habe ich eine Idee, was er gemeint haben könnte.

Es sind nicht nur Fehler der Politiker*innen. Die kann ich leicht verzeihen, weil sie auch nur Menschen sind. Schwieriger wird es mit dem Verhalten der Mitmenschen, die mir begegnen – ohne Maske, die in der Kassenschlange rücksichtslos drängeln oder dir mit einem dummen Spruch antworten, falls ich den Mut habe, sie darauf anzusprechen.

Und dann lese ich die Jahreslosung für das Jahr 2021: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“. Sie stammt aus dem Lukasevangelium (6,36) und ist von der ökumenischen Arbeitsgemeinschaft für Bibellesen schon vor drei Jahren ausgewählt worden. Wie passend – für mich kein Zufall!

‚Barmherzigkeit‘, ‚Jahreslosung‘, alles so alte Worte und irgendwie klingen sie verstaubt und etwas verklärt. Aber eigentlich ist es das gar nicht, wenn man Barmherzigkeit mit Nächstenliebe übersetzt und dabei an Respekt, Solidarität und Hilfsbereitschaft denkt. Dann ist es plötzlich ganz aktuell für heute und für dieses 2021, von dem wir alle nicht so richtig wissen, was auf uns zukommt.

Auch wenn wir auf das letzte Jahr zurückschauen, haben die scheinbar altmodischen ‚Werke der Barmherzigkeit‘ große Aktualität: Hungrige und Durstige satt machen, Fremde aufnehmen, Nackte bekleiden, Kranke pflegen, Gefangene besuchen, Tote bestatten. – Ganz praktische Dinge, die in Zeiten der Pandemie noch wichtiger geworden sind.

Und auch die geistige Dimension hat an Bedeutung gewonnen und wird für mich konkreter:  Unwissende lehren, Zweifelnde beraten, Trauernde trösten, Sünder (ich würde lieber von „Irrenden“ sprechen) zurechtweisen, Beleidigern verzeihen, Lästige geduldig ertragen, für Lebende und Verstorbene beten. – Zu jedem dieser Punkte fallen mir konkrete Situationen aus meinem Alltag in den letzten Monaten ein. Und so gesehen, liegt Jens Spahn ganz auf dieser Linie mit seiner Idee vom Verzeihen.

Alle diese Aspekte haben nicht nur eine persönliche Relevanz für mich, sondern auch eine gesellschaftliche und politische. Insofern finde ich die Jahreslosung eine gute Überschrift für mein Handeln in diesem Jahr als Christin. Ich möchte – heute – die Herausforderung annehmen und dazu beitragen, dass Nächstenliebe und Verzeihung sichtbar und spürbar werden.

Auf ein gelingendes neues Jahr!