Schmuckband Kreuzgang

Rausgehen oder Fenster aufmachen?

raus-gehen (c) Rannenberg friends
raus-gehen
Datum:
Do. 8. Juli 2021
Von:
Eva Reuter

„Rausgehen ist wie Fenster aufmachen – nur krasser!“ so steht es auf einer Postkarte, die an meiner Pinnwand hängt. Zuerst habe ich nur an das schöne Sommerwetter gedacht, und dass ich nach den vielen Einschränkungen endlich wieder ausgehen kann. Aber dann fiel mir eine interessante kirchenpolitische Parallele auf:

"Macht die Fenster der Kirche weit auf!" ist das Motto, das Papst Johannes XXIII. (1958-1963) laut einer nie bestätigten Anekdote nach seinem Amtsantritt ausgegeben haben soll. Für viele hat das damals wohl wie eine Befreiung geklungen, für andere wie eine Bedrohung. Auch damals waren bei Weitem nicht alle in der Kirche der Meinung, dass es ein „Aggiornamento“, eine Annäherung der Kirche an die Welt von heute braucht – und schon gar kein Konzil!

Trotzdem hat es geklappt: Johannes XXIII. hat die Fenster der Kirche so aufgestoßen, dass frischer Wind in die Kirche kam. Allein die neue Sicht auf Ökumene und interreligiösen Dialog ist unendlich wertvoll bis heute. Und auch die Liturgiereform mit der Grundsatzentscheidung, das Evangelium in der Landessprache zu verkünden! Auch wenn noch manche Wünsche offen bleiben und noch in manchen Ecken der Staub der Jahrhunderte hängt – wo wären wir heute ohne diese wegweisenden Entscheidungen?

Und dann kam Papst Franziskus und hat gesagt, dass wir nicht nur das Fenster öffnen sollen, sondern rausgehen! Eine verbeulte Kirche sei ihm lieber. Das Reich Gottes sei nicht in behaglichen kirchlichen Milieus, sondern am Rande der Gesellschaft zu finden!

Für die Kirche in Mainz wünsche ich mir diesen Mut auch: Rausgehen aus alten Strukturen, Mut zum ersten Schritt in eine offene Landschaft. Den Text der Postkarte quasi als Überschrift über den Weg in Zukunft.

Natürlich ist das bei Sommerwetter angenehmer als bei Gewitter und Sturm. Und natürlich ist es im Haus viel sicherer und wärmer und gemütlicher – da kenn ich mich auch aus.

Aber macht es nicht das Leben aus, „krasse“ Dinge zu tun? Der Alltag mit all seinen Gewohnheiten bringt weder neue Erkenntnisse noch andere Blickwinkel. Dazu muss ich schon den Standpunkt mal ändern – zum Beispiel rausgehen und von außen auf mein Haus schauen.

Die Sommerzeit bietet reichliche Gelegenheiten, rauszugehen. Das Wetter ist oft schön und vielleicht ist auch mehr Zeit, Ideen zu spinnen und zu überlegen, wo in meinem Leben ich ein Fenster öffnen oder sogar rausgehen könnte.

Dazu wünsche ich Ihnen Gottes Segen und eine gute Zeit!

Eva Reuter, Pastoralreferentin