Schmuckband Kreuzgang

Sich nicht mit Hütten begnügen

(c) Bistum Mainz / Blum
Datum:
Mi. 7. Juli 2021
Von:
Bischof Peter Kohlgraf

In der Kirchenzeitung äußert sich Bischof Kohlgraf kritisch zu Bewegungen, die zu sehr am Alten festhalten wollen. "Wir sollen nicht Räume besetzen, sondern Wege gehen" zitiert er Papst Franziskus. Er erlebe im Moment manch anderes...

Stehen gerade binnenkirchliche Diskussionen zu sehr im Mittelpunkt? Obwohl die Welt ganz andere Probleme hat? Im „Wort des Bischofs“ in der aktuellen Ausgabe von "Glaube und Leben" sagt Bischof Peter Kohlgraf: „Wir sollten die Augen und alle Sinne aufmachen für unseren Auftrag.“

Die politische Botschaft des Christentums darf nicht gegen die Verheißung ewigen Lebens ausgespielt werden

Wenn ich morgens verschiedene Zeitungen lese, finde ich ausreichend Themen für mein tägliches Morgengebet und die Fürbitten in der Heiligen Messe. Selten erreichen uns gute Nachrichten, die Probleme dieser Welt sind massiv. Klimaerwärmung, Kriege und Aufrüstung, Menschenrechtsverletzungen aller Art, Mord und Totschlag, politischer Extremismus, Armut und Hunger, Flucht, und natürlich derzeit die Pandemie mit ihren verheerenden Folgen gerade auch für die armen Länder. Ich meine, konkreter muss ich hier nicht werden. Das Gebet soll nicht nur die Hilfe Gottes erbitten. Gott braucht immer Menschen, die mit ihm die Welt gestalten wollen. Das Gebet soll auch mich persönlich sensibler machen und motivieren, das zu tun, was in meinen Möglichkeiten liegt.
Unser Glaube und das Evangelium haben zu diesen Themen sehr viel zu sagen und Menschen in der ganzen Weltkirche nehmen sich dieser Themen an. Sie geben dem Wort Gottes Hand und Fuß. Das Evangelium will prophetische Impulse setzen, dass wir uns nicht zu leichtfertig mit den Verhältnissen abfinden, dass wir nicht abstumpfen. Es kann ja nicht folgenlos bleiben, dass Christinnen und Christen sich zu einem gekreuzigten Erlöser bekennen. Christentum ist hoffentlich nicht zu einer bürgerlichen Wohlfühlgemeinschaft geworden. Die politische Botschaft des Christentums darf nicht gegen die Verheißung ewigen Lebens ausgespielt werden. Natürlich haben wir die große Heilsverheißung auf ein Leben im Himmel. Der Himmel, das Reich Gottes, beginnt jedoch hier und jetzt, im Leben des einzelnen Menschen und im Leben der Kirche und der Welt insgesamt.
Ich erlaube mir im Hinblick auf unsere Präsenz in der Gesellschaft einige kritische Töne. Als Jesus mit drei Jüngern auf dem Berg ist und sie seine „Verklärung“ erleben (zum Beispiel Markus 9,2-8), wollen sie sofort drei Hütten bauen. Sie wollen den schönen Augenblick einfangen. Bei diesem Text muss ich an manchen Brief und manchen Konflikt bei unseren kirchlichen Strukturveränderungen etwa auf dem Pastoralen Weg denken. Kritik nehme ich ernst, und es gibt ja viele Formen, aktiv mitzumachen, auch kritisch. Aber immer wieder, das gestehe ich, möchte ich auch zornig werden. Plötzlich hängt das Heil der Welt an einer Immobilie, an einer bestimmten Person, an gewohnten Strukturen. Unser Papst würde sagen: Ihr habt den Glauben schön in feste Räume geordnet. Wir haben Hütten gebaut, und in der Wahrnehmung ist es doch so schön. Ehrlich gesagt, frage ich mich: War es wirklich immer so schön? Wollen wir tatsächlich die Kirche des 19. Jahrhunderts und der 1950-er Jahre mumifizieren? Manche Zuschriften oder Kommentare lassen mich das befürchten. Manchmal würde ich gerne fragen: Habt ihr eigentlich verstanden, wie die Situation unserer Kirche und unserer Welt ist?
Bei aller Wertschätzung für die katholischen Medien, frage ich mich manchmal, ob auch dort die Themen „der Welt“ die ihnen gebührende Rolle spielen. Versuchen sie, Antworten anzubieten, Hilfe und Deutung? Oder gibt es nicht sogar in unseren Medien, besonders im Netz, die Tendenz, die binnenkirchlichen Themen zu sehr in den Mittelpunkt zu stellen und sich auf die Amtsträger zu fixieren? Darin koalieren „Progressive“ und „Konservative“. Damit will ich nicht die Probleme der Kirche kleinreden, sie sind mir wahrlich bewusst und wir müssen darüber reden und berichten. Aber wir sollten die Augen und alle Sinne aufmachen für unseren Auftrag und unsere Botschaft. Dieser Verpflichtung darf ich mich als Bischof nicht entziehen, und ich bin dankbar für jeden Menschen, der sich nicht damit begnügt, sich in der Kirche eine schöne Hütte gebaut zu haben.
Ich wünsche allen gesegnete Wochen, auch mit Erholung und Aufatmen.
Ihr Bischof Peter Kohlgraf