Schmuckband Kreuzgang

Was ist wirklich wichtig?

Wie geht es weiter (nicht nur auf dem Pastoralen Weg)?

Weg im Mainzer Sand (c) Barbara Nichtweiß / Bistum Mainz
Weg im Mainzer Sand
Sa 13. Jun 2020
Eva Reuter

Die Dekanatsreferentin wurde nach ihrer Einschätzung gefragt und hat sich ein paar Gedanken gemacht - inspiriert von klugen Artikeln von Bischof Willmer (Was ist eure Relevanz, ihr Kirchen? Wozu braucht man uns Christen überhaupt?, ZEIT vom 4.6.2020) und Christian Henneke (Überfallartiger Wandel, AMD-Quadrat, I-2020). - Die Artikel finden Sie ebenfalls in diesem Newsletter.

Die Frage nach dem Eigentlichen wird in der Krise deutlich.

Kirche ist nicht systemrelevant. So lautet eine (für manche bittere) Erkenntnis der Corona-Krise. Weder standen Seelsorger*innen von Anfang an auf der Liste der systemrelevanten Berufe noch wurden kirchliche Vertreter*innen um Stellungnahme zu gesellschaftlichen Debatten gefragt. Nicht weil sie dazu nichts hätten sagen wollen – es kam nur kaum jemand auf die Idee sie zu fragen.

Etwas Anderes ist relevant für die Menschen – auch diese Erfahrung verdanken wir Kirchenleute der Krise: Begegnung ist relevant. Tatkräftige Hilfe ist relevant. Am Anfang der Krise waren es auch kirchliche Verbände und Gemeinden, die rasch Einkaufshilfen und Botendienste anboten. Und Seelsorger*innen konnten die Erfahrung machen, was für ein wichtiger Dienst ein Anruf bei Gemeindemitgliedern in Quarantäne ist.

Öffentlich wahrgenommen wurde allerdings etwas Anderes: Diskussionen um Mundschutz und Gesang im Gottesdienst oder um Zuckerzangen für Hostien. Dazu noch krude Verschwörungstheorien medial wirksamer Kardinäle.

Daneben die Wahrnehmung eines innerkirchlichen Aktionismus, das Gottesvolk mit gestreamten Messen und qualitativ sehr unterschiedlichen Impulsen zu kirchlichen Anlässen zu versorgen. Ist es das, was die Menschen brauchen?

Zu Beginn des Pastoralen Wegs im Bistum Mainz gab Bischof Kohlgraf diese Frage mit auf den Weg: „Brauchen die Menschen was sie bekommen? Und bekommen sie was sie brauchen?“. Die Krise hat diese Frage neu und verschärft gestellt.

Der Bistumsprozess mit all seinen Projektteam-Sitzungen und Teilprojekt-Beratungen hat während der Krise eine Pause eingelegt, weil Konferenzen mit physischer Anwesenheit nicht möglich waren und digitale Möglichkeiten oft nicht vorhanden oder nicht praktikabel (auch das ist eine wichtige Beobachtung).

Nun wird es darauf ankommen, was wir mit den Beobachtungen und Wahrnehmungen der letzten Wochen machen: Fordern wir weitere Lockerungen der Corona-Beschränkungen, um so schnell wie möglich zu dem „Normalzustand“ vor der Krise zurückzukommen? Flüchten wir uns in Aktionismus aus Sorge davor, dass die zurückgehenden Steuereinnahmen Strukturreformen schneller nötig machen als geplant? Oder nehmen wir uns die Zeit, darüber nachzudenken, was die Krise - und in der Krise Gott - uns zeigt?

Das Zweite Vatikanum lehrt: „Im Glauben daran, dass es vom Geist des Herrn geführt wird, der den Erdkreis erfüllt, bemüht sich das Volk Gottes, in den Ereignissen, Bedürfnissen und Wünschen, die es zusammen mit den übrigen Menschen unserer Zeit teilt, zu unterscheiden, was darin wahre Zeichen der Gegenwart und Absicht Gottes sind…“ (Gaudium et spes 11).

Das ist nicht leicht. Die Sorgen um die finanziellen Ressourcen, an denen so viele kirchliche Angebote und Aktivitäten hängen, sind ernst und ernst zu nehmen. Auch der Rückgang der Zahl der aktiven Seelsorger*innen (besonders der Priester) wird weitergehen. Möglicherweise beschleunigt sich durch die Krise die Abnahme der aktiven Gottesdienstbesucher*innen.

Aber die Krise hat nicht nur Mangel und Defizite wie in einem Brennglas deutlich gezeigt. Auch der Schatz an Kreativität, an Eigenverantwortlichkeit in den Gemeinden vor Ort und Engagement Einzelner ist deutlich ans Licht gekommen.

Vielleicht sehen wir in diesen kleinen Aufbrüchen vor Ort einen Neuanfang. Ein Ansatz für eine neue Wirklichkeit von Kirche.

Ich schreibe „vielleicht“, weil ich es nicht weiß und auch nicht behaupten will, dass ich es weiß. Und das ist mein Wunsch für den weiteren pastoralen Weg im Bistum und ganz konkret vor Ort: Nicht mit der Haltung der Wissenden, sondern mit der Haltung der Suchenden zu den Menschen gehen. Nicht: „Ich haben den perfekten Plan für den Weg und weiß, wo es langgeht!“, sondern: „Ich habe diese und jene Zeichen gesehen. Welche hast du gesehen? Was meinst du, wo es weitergeht?“

Ich wünsche mir, dass wir mehr auf den Geist Gottes vertrauen, der uns führt und der uns Mut macht, radikal Neues zu wagen und nicht Dinge erhalten zu wollen, nach denen keiner mehr fragt.

Dieses nach dem Weg fragen braucht Zeit – weil es eben keine schnellen und einfachen und garantiert richtigen Antworten gibt. Sich diese Zeit zu nehmen und sie gegen alle scheinbaren Zwänge zu verteidigen, wird Kraft kosten. Dazu braucht es aus meiner Sicht einen Richtungswechsel (um nicht zu sagen: eine Umkehr) vom Handeln nach Konzept und Plan zu einem suchenden, hörenden Vorangehen. Und wie bei einer Bergwanderung sollte sich das Tempo nach dem Langsamsten der Gruppe richten und nicht nach der auf dem Wegweiser angegebenen Zeitvorgabe. Und wie bei einer Wanderung gehe ich lieber den schönsten Weg als den kürzesten.

Ich denke, auf so einem langsamen, suchenden Weg können die Wanderer entdecken, warum sie unterwegs sind und was wirklich wichtig ist. Möglicherweise könnte ein Zitat des Propheten Micha ein Wegweiser sein: „Es ist dir gesagt worden, Mensch, was gut ist und was der HERR von dir erwartet: Nichts anderes als dies: Recht tun, Güte lieben und achtsam mitgehen mit deinem Gott.“ (Micha 6,8). Und auch das hat mir die Krise gezeigt: Oft sind es die einfachen Dinge, die am Anfang schwer sind zu beherzigen, irgendwann zur Gewohnheit werden und dann allen helfen.

(Eva Reuter)