Schmuckband Kreuzgang

"Die Schmerlenbacher Erklärung"

Bei der Fortbildungswoche des Dekanates Mainz-Stadt im März 1998 hat sich eine Gruppe von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern auf den Weg gemacht, Seelsorge in der Stadt Mainz zu überdenken und neu zu gestalten. Mit Hilfe externer Fachberater - Prof. Michael N. Ebertz (Freiburg i. Br.), später auch Prof. Ottmar Fuchs (Tübingen) und Prof. Dorothea Sattler (Münster) - und mit Unterstützung aus dem Bischöflichen Ordinariat haben sie zunächst in Form eines auf drei Jahre angelegten Projektes an Denkgewohnheiten gearbeitet, neue Handlungsformen gelernt und sie in einzelnen Projekten angewendet. Nach Ablauf der drei Jahre zeigte sich, dass die inzwischen eingeleiteten Veränderungen unumkehrbar waren. Aus dem Projekt war ein Prozess geworden, der mehr und mehr die Formen und Strukturen der Alltagsarbeit zu verändern begann in Richtung auf eine "lebensraumorientierte Seelsorge - LOS". Neue Interessierte kamen hinzu und engagierten sich, der Arbeitsverbund wuchs. Jedes Jahr trifft sich die Gruppe in der ersten Woche der Fastenzeit in Schmerlenbach zur Fortbildung. - In diesem Jahr haben sich weiterführende Perspektiven aufgetan, die wir in der Form dieser "Schmerlenbacher Erklärung" denen mitteilen wollen, die bei dem Vorhaben LOS engagiert oder daran interessiert sind. Uns, den Teilnehmerinnen und Teilnehmern dieser Fortbildung, ist sie Vergewisserung, Ertragssicherung und grundlegende Wegweisung im gegenwärtigen Stadium unseres Vorhabens. Seinen beiden Schwerpunkten entsprechend ist sie theologisch und soziologisch ausgerichtet.

Die Herausforderungen annehmen im Vertrauen auf den, der sie uns zumutet

- Schmerlenbacher Erklärung 2003 -

"Ich weiß, was für Gedanken ich über euch denke".
Eine rätselhafte Aussage im Brief des Propheten Jeremia an die Verbannten in Babel
(Jer 29,11, Zürcher Übersetzung), auch wenn der Schreiber sogleich hinzufügt, es seien Gedanken zum Heil und nicht zum Unheil.

Unsere Gesellschaft hat sich in den vergangenen Jahrzehnten maßgeblich gewandelt: das Leben der Menschen ist wesentlich vielseitiger, aber häufig auch schwieriger geworden: Verschiedenste Möglichkeiten der Lebensgestaltung stehen heute gleichberechtigt nebeneinander und es kann und muss in diesem Punkt eine Wahl getroffen werden. Zugehörigkeit zur Kirche und religiöse Einstellung, erst recht kirchliches Engagement sind nicht mehr aus sich heraus plausibel. Gleichzeitig ist die Sehnsucht der Menschen nach erfülltem Leben und "religiöser Verwurzelung" allem Augenschein nach ungebrochen groß. Dies wird in Seelsorgegesprächen spürbar.
Eine maßgebliche Veränderung hat sich dabei aber in der Erreichbarkeit der Menschen ergeben. Ihr Leben vollzieht sich nicht mehr schwerpunktmäßig an einem einzigen Ort, sondern an sehr unterschiedlichen: Ihr Wohnort ist vielfach weit entfernt vom Arbeitsort, und die Freizeitgestaltung wird immer häufiger an nochmals ganz anderen Orten vollzogen. Will man die Menschen heute in dieser veränderten Situation erreichen, bedarf es seelsorglicher Konzepte, die eine rein territoriale Einteilung und Perspektive überschreiten.

Für die Adressaten ist das schwer zu verstehen. Noch befremdlicher wird es ihnen erschienen sein, dass diese Aussage von Gott stammen und ihnen Zukunft und Hoffnung vor Augen stellen soll. Zu groß ist der Unterschied zu der Situation, in der sie sich vorfinden: eine Gegenwart voller Bedrängnis, düster und hoffnungslos, Ratlosigkeit und Verzweiflung weckend. Was der Prophet aufträgt in Babel, widerspricht allem, was bisher überkommen war, sich bewährt hatte und für unumstößlich gehalten wurde: sich klar abzugrenzen und sich nicht gemein zu machen mit einer gottlosen Umwelt. Statt sich ins vertraute Jerusalem zurückzusehnen, solle die Gemeinde sich in der Fremde einrichten - dort, wo ein gottgefälliges, traditionsgemäßes Leben ganz unmöglich scheint. - Entschiedener Widerspruch liegt nahe!
Auf dem Weg zu einer "lebensraumorientierten Seelsorge" in Mainz ist der Brief des Propheten Jeremia an die Verbannten in Babel für uns ein beeindruckendes Zeugnis dafür geworden, wie Israel in äußerster Bedrängnis die Größe Gottes neu entdeckte. Das Volk musste das Glaubenswagnis eingehen, der Heilszusage zu trauen: "Ich weiß, was für Gedanke ich über euch denke".

Die Menschen mussten lernen: Ein Zurück in die alte Herrlichkeit wird es nicht geben, erst nach 70 Jahren - und dazu: Wie auch immer das Kommende Gestalt gewinnt, es geschieht zum Heil und nicht zum Unheil Israels.
Die Aktualität des Briefes des Jeremia an die im Exil lebenden Israeliten ist uns bei unserer diesjährigen Fortbildungswoche in Schmerlenbach aufgegangen, der sechsten seit Beginn unseres Weges. Von Anfang an gab uns der Jeremia-Brief wertvolle Orientierung: zunächst die so eindeutige wie provozierende Weisung: "Suchet der Stadt Bestes!", gerichtet an die, die ihren Aufenthalt in der Stadt Babel als härteste Strafe und äußerste Gefährdung ihrer Existenz und Gottesbeziehung empfinden mussten.
Für uns bot sich diese Weisung "Suchet der Stadt Bestes" als Leitmotiv an, die Zukunft der Seelsorge besonders darin zu sehen, neu und ohne Beschränkung auf unser Vorwissen danach zu fragen: Wie leben die Menschen heute in der Großstadt Mainz, besonders die vielen, die wir nicht mehr in den Kirchengemeinden finden. Wir wollten neu suchen, wo und wie Gott diesen Menschen nahe ist, auf (s)eine Weise, die wir noch nicht kennen, oder nicht mehr kennen.

Jetzt brachte uns Dekan Schmitz in den geistlichen Impulsen der Fortbildungswoche den ganzen Jeremia-Brief nahe. Inspiriert hat uns die Auslegung dieses Textes, die Rolf Zerfaß vor 35 Jahren veröffentlicht hat. Wir fanden darin viele Entsprechungen zu dem, was wir in den zurückliegenden Jahren versucht hatten, was uns aufgegangen war. In kritischer Auseinandersetzung entdeckten wir Verbannung und Exil als stimmige Bilder für unsere Situation: Wir sind auf unabsehbare Zeit verwiesen auf eine Existenz in der Glaubens-Fremde. Wir spürten, wie schwer es ist, diese Situation anzunehmen. Sie verlangt von uns, vertraute Wege zu verlassen, lange gewohnte pastorale Aktivitäten in Frage zu stellen, und uns von manchem zu verabschieden.


Viele Menschen erleben, dass Kirche nur etwas für "Insider" ist: Sie verstehen die religiöse Sprache und gottesdienstliche Rituale nicht mehr und kirchliches Leben ist für sie zur "fremden Welt" geworden. Selbst als getaufte Christen "gehören sie dazu" - und fühlen sich doch nicht zugehörig.
Das Vertrauen in die liebevolle Zuwendung Gottes zu uns Menschen ist nicht mehr selbstverständlich. Leistungsorientierung der Gesellschaft und viele andere Orientierungsmöglichkeiten und Bedeutsamkeiten lösen die Verankerung von Religion und Glaube im Leben der Menschen auf. Die Zugehörigkeit zu Kirche muss mehr und mehr begründet werden und wird auf verschiedene Weisen gelebt.

Es entstehen Unsicherheiten: Ist unser Versuch, neue Wege zu gehen nicht zu kurzatmig? Haben wir den kirchlichen Auftrag gut im Blick, wenn wir "adressatenorientiert" die Menschen an den vielfältigen Orten der Großstadt aufsuchen und danach fragen, wie sie ihr Leben wahrnehmen und deuten? Wird es uns gelingen, diakonisch-pastoral Weggemeinschaften auf Zeit mit ihnen zu bilden und mit ihnen unterwegs zu sein?
Fragen, Unsicherheiten und Anfechtungen sind uns sehr nahe gekommen - wie den Israeliten im Exil. Wir müssen nicht erst ins Exil gehen. Wir sind als Kirche mitten drin, es ist in gewisser Weise auch unsere Wirklichkeit!
Ungewollt in der Fremde zu sein, weckt wehmütige Erinnerungen an die früheren Verhältnisse. So liegt es nahe, auch im Exil so weiter zu machen wie früher im gewohnten "Zuhause". Strengen wir uns an! Bei gutem Willen und mit einer Portion gehöriger Standfestigkeit werden wir die alten gewohnten Zustände wieder erreichen, in Babel wie in Mainz!

Eine Verengung der Sichtweise findet vielfach auch auf Seiten kirchlich Engagierter statt: "Die Gesellschaft", "die Menschen von heute", "die Fernstehenden" werden oft als Bedrohung für die Stabilität der Kirche angesehen. Es kommt zu Abgrenzungsversuchen "den anderen" gegenüber und zur Solidarisierung kirchlich Engagierter unter sich: "Man versteht sich" (man spricht ja auch "dieselbe Sprache"...) und lebt dabei in der Illusion "Zu uns kann jeder kommen ...". Dass die Menschen aber "trotzdem" fernbleiben, erzeugt bei den verantwortlich Mitarbeitenden - ehrenamtlichen wie hauptamtlichen - Ratlosigkeit, Enttäuschung, Unzufriedenheit, Resignation, Verunsicherung und mitunter auch Ärger.

Wir haben die Antwort, die Jeremia den Verbannten ausrichtet, so verstanden: So können wir nicht bestehen, schon gar nicht im Vertrauen auf die eigenen Kräfte. Aus dem Exil in Babel gibt es kein Zurück ins alte Jerusalem, für niemanden! "70 Jahre" wird es dauern - eine symbolische Angabe für eine unabsehbar lange Zeit. Und: Die Zumutung der Fremde besteht nur, wer bereit ist, sich einzulassen auf die Fremde und sich dabei auf den zu verlassen, der in die Fremde geführt hat, und der weiß, welche Gedanken er dabei hegt.
So haben wir "Fremde", "Verbannung" und "Exil" als Metaphern für unsere gegenwärtige kirchliche Situation verstehen gelernt. Sie sind uns Herausforderung und zugleich Chance, Gott und unseren Mitmenschen neu zu begegnen, sie neu kennen zu lernen.

Neue Formen von Gemeinschaften können daraus entstehen, die danach trachten, im Fremden Gott zu begegnen, ihn im Andersdenkenden und -handelnden wahrzunehmen, anzunehmen. Sie suchen Wege, etwas gemeinsam ins Werk zu setzen zum "Besten der Stadt". Diakonie und Eucharistie werden uns, die wir im Namen Jesu unterwegs sind, einen, sie werden für uns Zeichen der Nähe Gottes sein.
Daraus können Transformationen entstehen, verwandelnde Übergänge des Volkes Gottes, statt eines in sich zurückgezogenen Restes ein neues "Volk", das sich nicht gegen seine Umwelt abschließt, sondern in ihr lebt und sie nach Kräften mitgestaltet. "Transformation von einer Volkskirche I zu einer Volkskirche II" heißt für uns die Kurzformel dafür.
In den Tagen in Schmerlenbach haben wir viele Initiativen in unserer Stadt und im Bistum zusammengetragen, die je auf ihre eigene Weise zu diesem Transformationsprozess beitragen. Wir versuchen, Beziehungen zu solchen Initiativen aufzunehmen. Wir sind auch aufmerksamer geworden für Sorgen vor Verlusten und Ängsten vor Veränderungen, die in Zeiten des "Exils" lebendig werden. Es ist uns bewusst, dass es auf dem Weg der Transformation unterschiedliche Geschwindigkeiten gibt, auf die es zu achten gilt.
Wir werden immer wieder auf Schwierigkeiten stoßen und Widerstände werden sich auftun. Auch dafür finden wir im Jeremia-Brief Hinweise: Die Fremde ist der Ort immer neu aufbrechender Krisen, und in diesen und aus diesen erwachsen wider alles Erwarten Möglichkeiten für Schritte, die weiterführen. So haben wir es im Umgang miteinander und in der gemeinsamen Arbeit mit denen kennen gelernt, die den LOS-Prozess mittragen und begleiten. Neue Verbundenheit und verlässliche Partnerschaften sind hinzugekommen, etwa mit der evangelischen Stadtkirchenarbeit in Mainz. Verstärkt haben sich auch die Kontakte zu Verantwortlichen auf der Bistumsebene.
Sechs Jahre lang hat uns jener alte Brief des Jeremia begleitet. Bis heute hat es gedauert, bis uns zentrale Aussagen in ihrer tieferen Bedeutung aufgegangen sind. Wir haben viel dabei gelernt, haben Blick- und Horizonterweiterungen erfahren. Neue Kontakte sind entstanden, viel Offenheit und Ermutigung sind uns begegnet bei führenden Vertreterinnen und Vertretern der Stadt und des öffentlichen Lebens. Die Kriterien lebensraumorientierter Seelsorge, die wir anfangs formulierten und immer wieder überprüfen, sind im Laufe des Prozesses präziser geworden und haben sich als taugliche Richtschnur bewährt.
Die Herausforderung der Fremde anzunehmen, wird uns weiter begleiten. Sie ist die Situation, die uns zugemutet wird. Sie bleibt der Ort des Suchens und Fragens nach Gott, der sich auch und gerade in der Fremde finden lassen will.

 

Für die nächste Zeit heißt das für uns insbesondere:

  • Wir wollen unser Tun als Beitrag für den Übergang zu einer neuen, veränderten Gestalt der Volkskirche verstehen, diese Perspektive in das Dekanat hineintragen und strukturell wirksam werden lassen.
  • Wir wollen die vielfältig differenzierten Lebensräume von Menschen ("Lebensrauminseln") in Mainz genauer in den Blick nehmen.
  • Wir möchten zu Menschen unterschiedlichster Lebensstile und Kommunikationsgewohnheiten (Milieus) Zugänge finden, vor allen zu denen, zu denen der Kontakt abgebrochen scheint.
  • Wir sind bereit, Routinen in Frage zu stellen und wollen unser Handeln verstärkt durch klar formulierte Ziele steuern.
  • Wir wollen den Dialog mit den Gemeinden im Dekanat intensivieren, um gemeinsam - jeder mit seinen Stärken - das kirchliche Engagement für das Beste unserer Stadt arbeitsteilig zu profilieren.
  • Wir wollen Verbindung aufnehmen zu Initiativen und Gruppen, die auf ihre Weise lebensraumorientiert arbeiten, und Möglichkeiten der Vernetzungen vereinbaren.
  • Wir wollen weiter und verstärkt dafür sorgen, die theoretischen Grundlagen und die Handlungsformen lebensraumorientierter Seelsorge zu verdeutlichen und für Interessierte darzustellen.


Mainz, 04.06.2003


Adresse für Rückmeldungen und weitere Informationen:
Kath. Dekanat Mainz-Stadt
Pfaffengasse 4 (Postanschrift: Pfaffengasse 2), D-55116 Mainz
E-Mail: dekanat.mainzSymbol für den elektronischen Schriftverkehrbistum-mainz.de
Stichwort "LOS".