Aufarbeitung des Sexuellen Missbrauchs im Bistum Mainz

Datum:
Mo. 4. Apr. 2022
Von:
Ovine Gottschalk

Aufarbeitung des Sexuellen Missbrauchs im Bistum Mainz

(Vollversammlung des Katholikenrats im Bistum Mainz am 12.03.2022)

 

Um zu verstehen wie die Aufarbeitung im Bistum Mainz erfolgt, welche Schritte gegangen und welche Maßnahmen eingeleitet wurden bzw. werden, berichtete Stephanie Rieth der Vollversammlung. Zum besseren Verständnis möchte ich zunächst den dazugehörigen Pressebericht (befindet sich auch auf der Homepage des Bistums) zitieren. Darin werden m.E. das Vorgehen der Bistumsleitung sowie die Verantwortlichkeiten gut zusammengefasst:

 

Stephanie Rieth, persönliche Referentin des Mainzer Weihbischofs und Generalvikars, Dr. Udo Markus Bentz, ist zuständig für Aufarbeitung, Intervention und Prävention im Zusammenhang mit sexuellem Missbrauch im Bistum Mainz. Sie koordiniert und verantwortet in enger Abstimmung mit der Bistumsleitung die genannten Bereiche und informierte die Teilnehmenden über den Stand der Dinge. Der Umgang mit sexuellem Missbrauch sei „eine der größten Herausforderungen für die Kirche in Deutschland“, sagte sie. „Die Zeiten, in denen Missbrauch in diesem Ausmaß stattfinden konnte, wie uns dies die Studien dieser Tage vor Augen führen, sind vorbei“, stellte sie klar. Um eine Retraumatisierung von Betroffenen zu verhindern, sei es wichtig, in der Kommunikation sorgsam und sensibel vorzugehen. Künftig soll es eine Handreichung geben, wie auch ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Pfarreien mit Anfragen von Betroffenen, Ratsuchenden oder Interessierten angemessen umgehen können. Gerade im Hinblick auf die Veröffentlichung des Abschlussberichts der Mainzer Aufarbeitungsstudie EVV (Erfahren.Verstehen.Vorsorgen) im Spätherbst dieses Jahres braucht es eine Unterstützung auf den verschiedenen Ebenen kirchlichen Handelns.

Rieth stellte die Aufarbeitungskommission im Bistum Mainz vor und betonte, dass es zusätzlich noch einen Beraterstab mit externen Experten gibt. Oft sei die Kritik zu hören, dass Aufarbeitung nur „von außen“ sinnvoll sei. Rieth sagte dazu: „Aufarbeitung braucht einen schonungslosen Blick von außen und von innen. Denn damit Maßnahmen greifen, muss das System auch dazu fähig sein, diese anzuwenden.“ Die Aufarbeitungskommission setzt sich zusammen aus elf stimmberechtigten Mitgliedern. Am kommenden Donnerstag, 17. März, soll ein Vorsitzender oder eine Vorsitzende des Gremiums gewählt werden. „Wir suchen seit eineinhalb Jahren nach einer Person, die bereit ist, diese Aufgabe zu übernehmen“, erklärte Rieth. 

Mittlerweile wurde die Vorsitzende der Aufarbeitungskommission gewählt: es handelt sich dabei um Frau Ursula Groden-Granich. [PL]

Zudem gibt es derzeit im Bistum zwei unabhängige Ansprechpersonen, Ute Leonhardt und Volker Braun, an die sich Betroffene wenden können. Wenn dem Bistum ein Vorwurf bekannt wird, ob aktuell oder aus der Vergangenheit, werden diese Angaben konsequent an die Staatsanwaltschaft übermittelt. Die einzige Ausnahme besteht, wenn Betroffene dies ausdrücklich nicht möchten. Dann müssen sie dies jedoch nach Beratung in einer externen Fachstelle erklären. In allen Maßnahmen ist die Perspektive von Betroffenen leitend. Zusätzlich wird eine fortlaufend aktualisierte Liste mit Hinweisen auf mögliche Täter zwei Mal im Jahr an die Generalstaatsanwaltschaften in Hessen und Rheinland-Pfalz übermittelt. Wenn ein Beschuldigter noch lebt, wird er von seinem Dienst freigestellt und ein kirchliches Voruntersuchungsverfahren wird eingeleitet, das jedoch ruht, solange die Staatsanwaltschaft ermittelt. Dies gilt trotz der Unschuldsvermutung, die auch bei weltlichen Verfahren der Maßstab ist. Wenn die Staatsanwaltschaft ermittelt hat, werden manche Verfahren aufgrund der Verjährungsfrist eingestellt. „Oder die Taten sind zwar grenzverletzend, aber nicht strafbewehrt“, sagte Rieth. Und ergänzte: „Kirchliches Recht kommt auch dann zur Anwendung, wenn staatliches Recht aus diesen Gründen nicht greift.“

Auch die Prävention werde im Bistum Mainz kontinuierlich weiterentwickelt, sagte Rieth. Sie sei Teil der Ausbildung pastoraler Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, alle Priesteramtskandidaten müssten ein forensisches Gutachten eines Psychiaters vorweisen, und auch die Jugendverbände schulten ihre Gruppenleiterinnen und Gruppenleiter. Die Erarbeitung eines Institutionellen Schutzkonzeptes sei derzeit die Aufgabe für jeden kirchlichen Rechtsträger.

Aus meiner Sicht wurde in dem Bericht von Frau Rieth deutlich, dass im Bistum ein klarer Wille zur Aufarbeitung und zur Vermeidung zukünftigen Missbrauchs besteht. Auch das Bemühen den Opfern von Missbrauch und sexualisierter Gewalt gerecht zu werden, wurde deutlich. Ob dies in jedem Fall gelungen ist, lässt sich leider nicht bis ins letzte Detail beurteilen. Hier ist Vertrauen in die Verantwortlichen nötig! Mit der Entscheidung eine Frau mit  entsprechenden Befugnissen auszustatten und ihr die Umsetzung der Aufarbeitung zu übertragen hat, zumindest aus meiner Sicht, die Bistumsleitung ein positives Zeichen gesetzt. Schließlich bleibt noch abzuwarten, wie der Bericht von Rechtsanwalt Weber zu den Systemischen Hintergründen von Missbrauch im Bistum Mainz ausfällt. Hier können wir gespannt sein und hoffen, dass die Bereitschaft zur Transparenz weiterhin besteht. Der Katholikenrat bleibt zumindest dran!

 

Aktuelle Informationen zur Aufarbeitung, zu Hilfeangeboten, zum Vorgehen des Bistums sowie zur Prävention finden sich auf Bistumshomepage.   

 

 

Patrick Landua