Schmuckband Kreuzgang

Wenn der Mensch nicht mehr zählt

Einen krassen Standort hatte das Kreuz bei der letzten Station der Kreuzgänge durch Rüsselsheim an einem Müllcontainer. (c) Susanne Rapp
Einen krassen Standort hatte das Kreuz bei der letzten Station der Kreuzgänge durch Rüsselsheim an einem Müllcontainer.
Fr 12. Apr 2019
Susanne Rapp
Die letzte der Stationen der »Kreuzgänge durch Rüsselheim« galt den Geschehnissen, die die Teilnehmer als ungerecht empfinden und die für sie Beispiele dafür sind, wie der Mensch im direkten Umfeld verraten und verkauft wird. Symbolisch wurde für jede Ungerechtigkeit ein Nagel ins Kreuz geschlagen.

Auch bei der vierten und letzten Station der Kreuzgänge durch Rüsselsheim steht das hölzerne Kreuz nicht in einer Kirche, sondern davor am Böllenseeplatz. Angelehnt an einen rostigen Müllcontainer hat es einen ungewohnten Platz gefunden. Der hässliche Müllcontainer vor der Matthäuskirche steht dort, weil das Gemeindehaus am Böllenseeplatz abgerissen wird, um Platz für das neu entstehende Nachbarschafts- und Familienzentrum zu machen.
Der krasse Standort passt zu den Problemen der Veranstaltung in diesem Jahr, die während der Passionszeit angesprochen wurden. Weibliche Arbeit, die noch immer abgewertet wird, mangelnder Wohnraum und Arbeit die krank macht waren die Themen der vergangenen Wochen. Krasse Themen, die viele Menschen in soziale Schieflage bringen. Drei der Kreuzstelen geben Zeugnis der Ungerechtigkeit. Der vierte Teil, der beim letzten der Kreuzgänge gefüllt werden soll, ist rot und bietet Raum, um die Teilnehmer der Veranstaltung zu Wort kommen zu lassen. »Wenn der Mensch nicht mehr zählt! – Verraten und verkauft im (Arbeits-) Alltag« lautet das Thema der letzten Station. Ein Experiment soll es sein, mit dem eigene Erfahrungen und Eindrücke angesprochen werden sollen. Wer will, darf sich äußern und einen Nagel in das rote Holz schlagen.
Ingrid Reidt von der katholischen Betriebsseelsorge erinnert an eine ehemalige Schleckerangestellte. Fast 30 Jahre war sie da. »Nun werde ich weggeworfen wie ein gebrauchtes Tuch«, sagt sie. Sie, die ehemalige Schleckermitarbeiterin, stehe für viele andere, die verraten und verkauft wurden, sagt Reidt. Wie einst Judas, der Jesus für 30 Silberlinge verriet. Dann schlägt Reidt den ersten Nagel ins Holz.
David Hüser, Dekanatsreferent des katholischen Dekanats Rüsselsheim spricht von vielen, die im Namen der Kirche gearbeitet und das Vertrauen von Menschen, nicht nur Kindern, missbraucht haben. Ein anderer Teilnehmer der Veranstaltung erzählt von einer Türkin, die nach Deutschland kam und immer nur Minijobs annehmen konnte. Nach 35 Versicherungsjahren stehen ihr 500 Euro Rente zu. Zu wenig. Die Minijobs sorgen dafür, dass ihr nicht genügend Absicherung trotz vieler Jahre Berufs- und Erwerbsleben zustehen.
Dreieinhalb Jahre arbeitete er als Zeitungsausträger unter schwersten Bedingungen und meist nachts. Irgendwann habe er gekündigt, erzählt ein anderer Teilnehmer. »Das kann man nicht lange aushalten«, sagt er und fügt an, dass dieser Beruf besser bezahlt und besser anerkannt werden sollte.
Eine Krankenschwester berichtet, dass sie einspringen muss, wenn ihre Kollegen sich krank melden, da sie die Belastung nicht aushalten. Dann kümmert sie sich um drei bis vier Schwerstkranke. Die Situation in Pflegeberufen werde immer schlimmer, während andere damit an der Börse spekulieren, um Gewinne zu machen.
Pfarrer Andreas Jung von der Martinsgemeinde berichtet von einer Eritreerin, die verschleppt und versklavt wurde, bis sie fliehen konnte. Als Asylantin wird sie nicht anerkannt, weshalb ihr Kirchenasyl angeboten wurde.

Zum Abschluss der Kreuzgänge wurde das Kreuz in die Kirche getragen. (c) Astrid Buchal
Zum Abschluss der Kreuzgänge wurde das Kreuz in die Kirche getragen.

Immer mehr Nägel werden in das rote Holz geschlagen. Jedes Thema ist eines, das direkt vor der Haustür geschieht, nicht irgendwo in weiter Ferne. Jede Ungerechtigkeit beweist, dass der Mensch in der Gesellschaft nicht mehr zählt, dass er verraten und verkauft wird.
Doch bevor das Kreuz zurück in die Kirche getragen wird, findet Ingrid Reidt für die Anwesenden Worte der Hoffnung: »Der jüdisch-christliche Glaube verheißt: Jeder Mensch ist unendlich viel wert. Jenseits von Leistung, Herkunft oder Geschlecht. An diesem Grundsatz ändert auch unsere oft schmerzliche Erfahrung nichts. Darauf dürfen wir vertrauen und auch aufbauen. Am Ende unserer Kreuzerfahrungen steht die Auferstehung – das Ungerechtigkeit und Verrat und Enttäuschung am Ende nicht das letzte Wort behält, sondern Menschlichkeit, Gerechtigkeit und Solidarität.«