Liebe Leserin, lieber Leser,
es gibt Zeiten, in denen fällt das Beten uns schwer. Gott antwortet nicht. „Wenn et Bedde sich lohne däät, wat meinste wohl, wat ich dann bedde däät, bedde däät“ so sang vor Jahren schon Wolfgang Niedecken. Und geht davon aus, dass es sich eben nicht lohnt.
Auch der betende Mensch wird den Problemen und manchmal auch Tragödien des Lebens nicht entgehen. Die Glaubenden beten, um darin zu bestehen. „Gott, lass meine Gedanken sich sammeln zu dir. Bei dir ist das Licht, du vergisst mich nicht. Bei dir ist die Hilfe, bei dir ist die Geduld. Ich verstehe deine Wege nicht, aber du weißt den Weg für mich.“ So hat Dietrich Bonhoeffer in großer Bedrängnis gebetet.
Es gibt eine Passage in Michael Endes Roman „Momo“, die beschreibt, was beim Beten passiert:
„Was die kleine Momo konnte, wie kein anderer, das war: zuhören.
Das ist doch nichts Besonderes, wird nun vielleicht mancher Leser sagen, zuhören kann doch jeder. Aber das ist ein Irrtum. Wirklich zuhören können nur ganz wenige Menschen. Und wie Momo sich aufs Zuhören verstand, war es ganz und gar einmalig. Dabei schaute sie den anderen mit ihren großen, dunklen Augen an, und der betreffende fühlte, wie in ihm auf einmal Gedanken auftauchten, von denen er nie geahnt hatte, dass sie in ihm steckten. Sie konnte so zuhören, dass ratlose und unentschlossene Leute auf einmal ganz genau wussten, was sie wollten. Oder dass Schüchternen sich auf einmal frei und mutig fühlten. Oder dass Unglückliche und Bedrückte zuversichtlich und froh wurden. Und wenn jemand meinte, sein Leben sei ganz verfehlt und bedeutungslos und er selbst nur irgendeiner unter Millionen, einer, auf den es überhaupt nicht ankommt ( . . .) – und er ging hin und erzählte alles das der kleinen Momo, dann wurde ihm, noch während er redete, auf geheimnisvolle Weise klar, dass er sich gründlich irrte, dass es ihn, genauso wie er war, unter allen Menschen nur ein einziges Mal gab und dass er deshalb auf seine besondere Weise für die Welt wichtig war. So konnte Momo zuhören.“
Gott schweigt. Er scheint nicht zu antworten, wenn wir zu ihm beten. Er greift nicht ein in unsere Geschicke. Und doch ist es nicht so, dass das Gebet, das nicht erhört worden ist, wie uns scheinen mag, wirkungslos geblieben wäre.
Wenn wir uns aussprechen in der Stille, im Verborgenen, vor dem, der auch das Verborgene sieht, dann kann etwas in uns in Bewegung kommen und wir gewinnen eine neue Sicht auf uns selbst und auf das, was uns in unserer Welt und im Leben umtreibt.
Tobias Haberl, dessen lesenswertem Buch „Unter Heiden – warum ich trotzdem Christ bin“ ich auch den Verweis auf Michael Ende und Momo entnommen habe, sagt es so:
„Wer betet, ändert nicht die Wirklichkeit, sondern sein Verhältnis zu ihr. Die Welt bleibt die gleiche, man selbst wird ein anderer.“
Damit aber hat, so würde ich ergänzen, die Welt sich eben doch verändert.
Beten „rechnet“ sich nicht. Es lohnt aber, sich von Zeit zu Zeit bewusst zu machen, dass vielleicht doch ein größerer Atem durch unser Leben geht und dem Grund des Vertrauens nachzuspüren, den wir nicht selbst gelegt haben und der uns, wie immer wir ihn nennen, im Leben trägt.
Ihr Pfarrer Stefan Schäfer