Mitteilungen vom 15.8. bis 13.9.26

Zwei Bücher und zwei Redewendungen
„Quod licet Jovi, non licet bovi“- so sagten es die alten Römer. Was dem Jupiter – dem Gott, dem Reichen, dem Mächtigen – erlaubt ist, ist dem Ochsen – dem normalen Menschen – noch lange nicht erlaubt. Wenn zwei Männer ein Kind in den USA bestellen und einer davon Mitglied in einer Partei ist, die das ablehnt und die deutschen Gesetze umgeht, dann scheint er genau nach dieser Maxime zu handeln. Dieser Politiker ist inzwischen zurückgetreten, aber viele andere handeln weiter danach. Die Leihmutterschaft ist in vielen Ländern ein milliardenschweres Geschäft - das durch die befeuert wird, die viel Geld investieren und jenen, die das Geld brauchen und dafür Eizellen spenden oder Kinder austragen. Wenn Frau Brosius- Gersdorf – die Gott sei Dank nicht Verfassungsrichterin geworden ist – in diesem Zusammenhang von Freiheit und Autonomie als den höchsten Gütern spricht und damit diese Praxis rechtfertigen will, dann ist das infam und lächerlich. Hier geht es um Asymmetrien, um Geld und Macht und Einfluss. Birgit Kelle hat darüber ein Buch geschrieben: Ich kauf mir ein Kind. Sie entlarvt, wie verlogen diese „schöne, neue Welt“ ist. Sie zeigt die hässliche Kehrseite mit Frauen in Knebelverträgen, mit Kindern, die abgetrieben werden, weil die Adressaten sie storniert haben, mit den psychischen Schäden bei den sogenannten Leihmüttern. Letztlich geht es um Geld, um viel Geld; um Macht und Einfluss. „Quod licet Jovi, non licet bovi“ – die Zeiten und Möglichkeiten ändern sich, der Mensch bleibt doch irgendwie gleich. Birgit Kelle`s Buch spricht dazu Klartext.
„Du hast wohl ne Schraube locker“ – Dieser Spruch stammt nicht aus der Antike und wir ahnen: Das ist wenig schmeichelhaft. Andererseits: Nur lockere Schrauben ermöglichen, dass da noch etwas Spiel ist. Genau darüber schreibt der deutsche Soziologe Harmut Rosa in seinem Buch: Situation und Konstellation. Vom Verschwinden des Spielraums. Er beklagt, dass in allen Bereichen des Lebens die Schrauben inzwischen so sehr angezogen sind, dass es keinen Spielraum mehr gibt. Was meint er damit? Fast alles in unserem Leben ist durchrationalisiert. In Kindergarten, in der Schule, in Pflege und Krankenhaus, in den Betrieben: Alles soll nach berechenbaren Kriterien ablaufen. In den Kitas gibt es Portfolios, in der Pflege wird dokumentiert auf Teufel komm raus, bei den Klassenarbeiten werden die Wörter gezählt, Qualitätsstandards verlangen das Abhaken von allen möglichen Punkten. Die Menschen innerhalb dieser Prozesse erfahren sich nicht mehr als Handelnde, sondern „nur noch“ als Ausführende – und das erzeugt Frustration. Das eigene Urteil, die eigene Einschätzung zählen nicht mehr. Hartmut Rosa plädiert für die Wiedergewinnung des Spielraums. Ein inspirierendes Buch: Denn Handeln, eigenständiges Handeln ist Leben.
Martin Weber, Pfr.