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Predigt vom 4. Ostersonntag

Predigt
Datum:
7. Mai 2026
Von:
Norbert Holzamer

„Dieses Gleichnis erzählte ihnen Jesus, aber sie verstanden nicht den Sinn dessen, was er ihnen gesagt hatte.“ Es geht um das Gleichnis vom „Guten Hirten“, von dem wir gerade den vielleicht brisantesten Abschnitt gehört haben. Verstehen wir den Sinn? Mit dem Bild des guten Hirten verbinden wir allzu leicht die Vorstellung von einer romantischen Schäferidylle. In Wirklichkeit geht es Jesus um das Thema „Machtmissbrauch“, das heutzutage auch uns bewegt. Das ist der Sinn seiner Rede; Jesus übt harsche Kritik an den Führungskräften seiner Zeit. Er knüpft an dem Propheten Ezechiel an, durch den Gott sagen ließ: „Wehe den Hirten Israels, die sich selbst geweidet haben. Die Schwachen habt ihr nicht gestärkt, die Verletzten nicht verbunden, die Vertriebenen nicht gesucht. Mit Härte und Gewalt habt ihr sie niedergetreten. Deshalb, so spricht der Gott, werde ich jetzt meine Schafe selber weiden und sie ruhen lassen.“ – Seit David von der Schafherde weg zum König berufen wurde, sollten die Mächtigen den ihnen anvertrauten Menschen Schutz und Fürsorge wie durch einen guten Hirten zuteilwerden lassen. Stattdessen haben sie sich auf Kosten der Menschen bereichert, sie ausgebeutet und in sinnlose Kriege geschickt. So sind sie zu einem Zerrbild eines guten Hirten geworden. Jesus nennt sie „Diebe und Räuber“, denen es nur um sich selbst und ihre eigenen Interessen geht.

Für das Thema „Machtmissbrauch“ sind wir heute sensibel geworden. Wie vielen Egomanen geht es um die Ausbeutung der Erde und der Menschen, um das Recht des Stärkeren, um die Missachtung von Gerechtigkeit und Menschenwürde! Machtmissbrauch in der Politik, und auch Machtmissbrauch, der im Messgewand daherkommt, Menschen klein hält und zutiefst verletzt.

Dem stellt Jesus das Bild des guten Hirten entgegen, dem es um das Leben und das Wohl derer geht, die ihm anvertraut sind. Der gute Hirte ist Gott selbst, dessen Hirtensorge in Jesus unter uns Menschen sichtbar und greifbar geworden ist. Deshalb kann Jesus auch von sich sagen: „Ich bin die Tür“, durch die Gottes Zuwendung, Liebe und Fürsorge zu den Menschen kommt. Für Gott – und hier Jesus – geht es immer zuerst um den Menschen. Es geht Ihm um uns, um unser Leben. Für ihn sind wir keine namenlose „Hammelherde“, die er für seine Zwecke „rekrutiert.“ Er kennt jeden von uns und ruft uns bei unserem Namen: Du, du bist mir wichtig! –

Und für uns ist es wichtig, unter all den Parolen und Heilsversprechen vom „Goldenen Zeitalter“ die Stimme des einzig wahren, guten Hirten herauszuhören, die uns nicht verführt, sondern durch den Wirrwarr hindurchführt zum Frieden, zur Freiheit, zur Gerechtigkeit, zur Fülle des Lebens. Zu einem guten Leben! Die Zuhörer damals, so heißt es, verstanden nicht, was Jesus ihnen mit dem Hirtengleichnis sagen wollte. Vielleicht können wir heute es besser verstehen in einer Zeit, in der es nicht immer um den Menschen, sondern um die Macht über ihn geht. Vielleicht können wir heute besser denn je verstehen, was es heißt, dass da Einer ist, dem es nicht um Wählerstimmen oder die Anzahl von Followern in den sozialen Medien geht, um Mitgliederzahlen oder um Beitragszahler, um Zustimmung oder Einschaltquoten. Sondern dass da Einer ist, der sagt: Es geht mir um dich! Ich kenne deinen Namen. Ich meine dich. Du bist mir wichtig!

Am Ende habe ich einen Text von Irmtrud Schweigert gefunden, der es auf den Punkt bringt: „Hör genau hin im engen, dunklen Raum, ob nicht im Stimmengewirr der Klang Einer Stimme dich anspricht. – Was für ein Glück, beim Namen gerufen zu werden, von Ferne, vertraut. Was für ein Glück, die Tür weit geöffnet zu finden. – Hinaus! Folgt furchtlos dem Ruf, gemeinsam ans Licht, ins Freie, ins gute Leben.“

Pfarrer i.R. Anton Sauer