Historienbericht aus Ober-Mörlen:Als die Rhöner in die Wetterau kamen

Erzählt von Kai Schraub

Schon bevor die vielen Heimatvertriebenen des 2. Weltkrieges den Ortschaften zugewiesen wurden, zogen bereits Jahre zuvor arbeitssuchende Auswärtige in die Dörfer der hessischen Wetterau. Schilderung einer Sichtweise der einstigen Situation die viele Wetterauer Dörfer, in diesem Fall Ober-Mörlen im Kreis Friedberg, damals erlebten als Zuwanderer aus dem Mittelgebirge der Rhön die Region erreichten.
Es ist sind schon bereits über 100 Jahre ins Land gezogen seit die Verdienstmöglichkeiten außerhalb der Landwirtschaft zunahmen. Seit Beginn des letzten Jahrhunderts reichten die Arbeitskräfte in den bäuerlichen Betrieben nicht mehr aus. Die Ober-Mörler Gemarkung war groß und mit Äckern nur so gesäumt, diese alle zu bewirtschaften war stets eine Herausforderung für alle Kleinbauernfamilien mit ihren Landarbeitern. In vielen Bauernhäusern in der Wetterau beschäftigte man von „Lichtmess“ (2. Februar) bis „Martini“ (11. November) eine Magd, meist aus dem „Fulderland“. Besonders zur Ernte- und Dreschzeit kamen weitere Saisonarbeiter an, so auch in Ober-Mörlen. Es waren Menschen aus der Region um die Stadt Fulda und der hessischen Rhön bis hin aus der bayerischen Rhön. Sie besaßen einen eigenen Typ von Sense, den sie aus der Heimat mitführten. Auch im aufstrebenden Kurbad Bad Nauheim wurden stets saisonale Arbeitskräfte gesucht. Aus den ärmeren Gegenden des ehem. kath. Fürstbistums Fulda und Teilen der heutigen Region Unterfranken, besonders aus dem Dorf Premich und dem Nachbarort Zahlbach kamen diese in die wohlhabende Wetterau, da sie aus kinderreichen Familien stammten und zu Hause kein ausreichendes Auskommen fanden. Das Holzschnitzerhandwerk war in der Rhön weit verbreitet und bestimmte besonders in den langen Wintermonaten den Alltag der Menschen.
Viele der damaligen rhöner Arbeiter, die man herabwertend auch „Fulder“ und „Fulderinnen“ nannte, blieben in der Wetterau, heirateten und gründeten eine Familie. So auch in den 1920er Jahren die Schwestern Maria und Rosamunde Stühler aus Premich, mundartlich „Bramich“ genannt, in der bayerischen Rhön. Nicht durch Vertreibung, sondern mit der Dreschmaschine kamen sie und viele andere in den Sommermonaten in die goldene Wetterau. Ein damals weiter und beschwerlicher Weg, den es zu bestreiten galt. Die Landschaften der Rhön sind im Gegensatz zur ebenen Wetterau weit und kuppig. Es nennt sich auch das Land der „sanften Fernen“ und ist heute über die drei Bundesländer Hessen, Bayern und Thüringen verteilt. Viele der Wetterauer Kleinbauern waren über Generationen ortsansässig und so war es nicht selten der Fall, dass man im Ort von Verwandtschaft ringsum umgeben war. Eine passende Gemahlin zu finden, die nicht mit einem selbst näher oder ferner verwandt war, war umso schwerer. Da kamen die fleißigen Fremden aus der Ferne genau zur rechten Zeit in die Dörfer der Region und sorgten somit für „frisches Blut“, wie man es im Volksmund nannte. Mit der Hochzeit eines ortsansässigen Bauern war somit quasi das Hierbleiben besiegelt. Es war sicherlich nicht einfach seine vertraute und schöne Heimat hinter sich lassen zu müssen mit dem Gedanken sie vielleicht kaum noch oder gar nicht mehr wieder sehen zu können. Der Weg dorthin war weit, das Geld knapp und die Kinder daheim, sowie das Vieh im Stall mussten versorgt werden. So lernte auch die Rhönerin Maria Stühler Anfang der 1920er Jahre den Kleinbauern Adolf Scheibel aus der Ober-Mörler Pfarrgasse kennen und lieben. Nach der Heirat erblickten drei Kinder das Licht der Welt.
Maria Stühlers Schwester Rosamunde heiratete den Schreiner Heinrich Werner und blieb ebenfalls in Ober-Mörlen wohnhaft, ihnen wurde eine Tochter geschenkt. Beide Schwestern pflegten stets bis zu ihrem Ableben einen guten und regen Kontakt miteinander und in die rhöner Heimat zu den vielen Verwandten und deren Nachkommen bis in die neuere Zeit hinein, denn Blut ist dicker als Wasser. Es tat den beiden rhöner Mädchen damals gut, zu wissen, dass eine Schwester im neuen fremden Dorf wohnhaft war. Nach und nach übernahmen landtechnische Neuerungen die schwere Landarbeit auf Feld und Hof, die Zeit der Saisonarbeiter aus der Rhön schwand zunehmend. Mit Ausbruch des 2. Weltkrieges fand eine Zeitenwende statt, die alles veränderte. Verwandtschaftliche Beziehungen rissen ab und vieles geriet in Vergessenheit, so aber nicht bei den Nachfahren der beiden Schwestern, die noch immer gute Beziehungen in die bayerische Rhön pflegen und sich besuchen. An der Stelle des heute abgerissenen Elternhauses im 1518 gegründeten Dorf Premich ist nun ein Garten angelegt und dahinter ein neuerer Hausbau wo Familienangehörige bzw. Nachfahren der „Stühler“-Verwandtschaft auch heute noch wohnen. Geblieben sind Erinnerungen an eine rhöner Heimat die heute gerne als Urlaubs- und vielseitige Freizeitregion genutzt wird. In den alten Gassen der Ortskernen von Wetterauer Dörfern finden sich noch heute zahlreiche schmucke und gepflegte Kleinbauernhäuser aus Fachwerk, wo jedes seine ganz eigene Geschichte erzählen könnte und vielleicht früher auch eine fleißige rhöner Magd beherbergte.