Historienbericht aus Ober-Mörlen:Zuflucht, Glaube und Hoffnung erzählt von Kai Schraub


Flucht und Vertreibung bestimmen seit Jahren das Tagesgeschehen in der Welt, dies war auch vor über 80 Jahren nicht anders. Die Wirren von Krieg und Vertreibung führten Menschen an neue Orte und zu fremden Leuten. So geschah es auch der jungen katholischen Familie Hoffmann aus Köln-Rodenkirchen, die dort in einem Neubaugebiet 1939 ein Haus gebaut hatte. Obwohl sich weit und breit keine militärischen Anlagen befanden, fielen in ihrer Straße die ersten vier Bomben auf die Stadt. „Das war der Anfang des 2. Krieges für uns“, so erzählen es Hans Josef Hoffmann, heute 95 Jahre, und seine Schwester Ingeborg Mechler, geb. Hoffmann Rufname Inge, heute 90 Jahre. Immer öfter musste die Nacht im Keller auf zwei Notbetten verbracht werden, das pfeifen der Bomben verursachte eine Menge Angst. Der Vater war bei einem Schifffahrtsunternehmen mit Schlepper und Ausflugsschiffen beschäftigt. Im Jahre 1943 wurde der Betrieb mit Ausflugsschiffen aufgrund der Bedrohung durch Tiefflieger eingestellt und Vater Karl Hoffmann arbeitslos. Er fand eine neue Stelle in einem sogenannten „kriegswichtigen Betrieb“, den „Fieselerwerken“. Hoffmann hatte seine Ausbildung als kaufmännischer Angestellter bei der Druckerei „Fieseler“ in Bonn gemacht und dabei den Sohn Gerhard kennengelernt. Dieser Sohn war der Erfinder und Erbauer vom „Fieseler Storch“ einem Langsamflieger und somit als Aufklärungsflugzeug im Einsatz.
Durch diese Bekanntschaft erhielt er die Stelle in Kassel. Die Ehefrau Margarethe, genannt Gretl, mit den beiden Kinder sollte nicht allein in Köln zurück bleiben. Oma Margarethe war eine geborene König und stammte aus Ober-Mörlen. Dort lebte noch deren Schwester Elisabeth Burk in der Usinger Straße. Die Eltern mieteten dort ein Zimmer und die Räucherkammer als Kochstelle. Tante Elisabeths Tochter Anna war mit dem Feuerwehrkommandanten Wilhelm Jeckel verheiratet. Sein Bruder Julius Jeckel und seine Frau Sophie, eine christliche Familie mit zwei Kindern, waren die Besitzer der Gaststätte „Goldener Hirsch“ in der Frankfurter Straße. Hier konnte die Familie im 1. Stock den Tanzsaal mieten und die Möbel unterstellen. Kurze Zeit nach dem Umzug wurde das neue Haus in Rodenkirchen bei einem Bombardement getroffen und brannte völlig aus. Eine Rückkehr war nun nicht mehr möglich. „Onkel Julius“, wie die Kinder ihn nennen durften, vermietete noch einen weiteren Saal im ersten Stock des Hirschen, so dass dort Küche und Wohnzimmer einrichtet werden konnten. Es wurde im ehemaligen Tanz- und Festsaal geschlafen da über die Kriegsjahre keine Veranstaltungen stattfanden.
So wohnte die Familie von 1943 bis 1951 im „Goldenen Hirsch“. In den Schulferien wurde bei Jeckels zur Ernte von Getreide, Kartoffeln oder Rüben mit aufs Feld gegangen und kräftig angepackt. Auch durfte Hans Josef eigenständig im Herbst mit dem Kuhgespann die Jauche auf einen der Äcker ausbringen. Ebenfalls im Herbst half er beim Dreschen, konnte Gast- und Landwirt Julius Jeckel hin und wieder bei anderen Bauern vertreten und im Pfarrgarten bei der Kirschernte mithelfen. Mit den beiden Töchtern der Jeckels, Sophia und Anna, haben sich die Geschwister schnell angefreundet. Hinter der Scheune des Anwesens befand sich eine ungenutzte Ecke, dort konnten die Kinder einen Hasenstall bauen und Hühner halten. Die Versorgung der Tiere war dann natürlich auch deren Aufgabe.
Der Krieg fand mit dem Einmarsch der Amerikaner in Ober-Mörlen während dem Gründonnerstagsgottesdienst am 29. März 1945 ein Ende, der Küster rief damals laut in die Messe „sie kommen“. Da unter den Soldaten auch Katholiken bzw. Christen waren, wurde die Messe fortgeführt und das Dorf kampflos übergeben, so die Erinnerungen.
Als die dann durchgeführte Entnazifizierung überstanden war, kamen in den Folgejahren zahlreichen Heimatvertriebene in die Wetterau und wurden auf die Dörfer verteilt. Auch Ober-Mörlen bekam viel Zuzug, besonders aus den nach dem Krieg verlorenen Ostgebieten.
Das Leben musste weitergehen, so auch für die Geschwister Hoffmann, Hans Josef wurde aktiv in der katholischen Jugend. Er führte eine Jungschargruppe von zehnjährigen Knaben. Es wurden Wanderungen und Radtouren unternommen und an den Isselteichen am Hausberg gezeltet. Im „Heiligen Jahr“ 1950, folgte ein unvergessliches Ereignis, es fuhren damals 5 Mädchen und 6 Jungen mit dem Jugendpilgerzug von Mainz nach Rom. Zum Fest der Firmung von Inge Hoffmann wurde Anna Jeckel deren Firmpatin. Inge, die bereits 1946 in Ober-Mörlen die Erstkommunion feierte, fand viele neue Freundinnen im Ort, so auch die Tochter des Küsters und erinnert sich noch heute gerne an ihre Zeit in Ober-Mörlen, wie auch ihr Bruder Hans Josef. Noch bevor Anna Jeckel mit Josef Roth, einem Heimatvertriebenen aus dem katholisch geprägten Egerland liiert war, verließen die Geschwister Hoffmann nach acht Jahren als nunmehr junge Erwachsene mit ihren Eltern den Ort ihrer Kindheit. Karl Hoffmann konnte nach dem Krieg beim ZOV (Zweckverband Oberhessischer Versorgungsbetriebe) in Friedberg als Leiter des Einkaufs tätig werden und so zog die Familie 1951 in eine Werkswohnung des ZOV nach Friedberg um. Hans Josef verzog später nach Eisingen in Baden, dann nach Würzburg und Ingeborg letztendlich nach Heilbronn. Inge besuchte am 08. Juli 1953 die Hochzeit von Anna und Josef Roth und war noch ein letztes mal vor Jahrzehnten in Ober-Mörlen zu Gast.
Da ihre Wohnstätte im Gasthaus in ihrem Zufluchtsort dieses Jahr ihr 225-jähriges Bestehensfest begeht, haben sich die Geschwister Hoffmann, nach Bekanntwerden des Jubiläums, bei der Betreiberfamilie Schraub gemeldet. Waltraud Schraub ist die jüngste Tochter von Anni Roth. Waltrauds ältester Sohn Kai hat die Geschichte der Familie Hoffmann als Biografie erhalten, mit Daten und Fakten erweitert und Bebilderung versehen.
Fotonachweise:
Bild 1: Familien Jeckel und Hoffmann 1943 im Torhaus des „Goldenen Hirsch“, Foto Inge Mechler
Bild 2: Kommunion von Inge Hoffmann mit Bruder Hans Josef und den Eltern Margarethe und Karl 1946 vor der Mariengrotte an der „St. Remigius“ Kirche, Foto Inge Mechler