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F1 im Wald

Kirche St. Franziskus

MITTEN IM WALD UND DENNOCH IN DER STADT

Anlässlich der 2000-Jahr-Feier im Jahre 1962 hatte der Mainzer Stadtrat beschlossen, im und am Rande des Ober-Olmer-Waldes eine Jubiläumssiedlung für 12.000 Bewohner - es wurden dann nur 8.000 - gegen die wachsende Wohnungsnot der Landeshaupt- und Universitätsstadt zu errichten. Nach den Prinzipien der Gartenstadt entstand oben auf dem Lerchenberg ein autarker Stadtteil mit Einkaufsmöglichkeiten, Bürgerhaus und zwei Kirchenzentren. Als markante Dominanten mit einer Fernwirkung bis nach Mainz und Wiesbaden sah der städtebaulichen Leitplan für die beiden Kirchen hohe, schlanke Türme vor. Das katholische Gemeindezentrum sollte dabei an der tangential von Nord nach Süd verlaufenden Rubensallee und dadurch mitten im traditionsreichen Ober-Olmer-Wald liegen.

EINER DER LETZEN KIRCHENNEUBATEN

 

Im September 1966 erfolgte der Baustart des neuen Stadtteils. Schon zwei Jahre später hatte sich die junge katholische Pfarrgemeinde von Lerchenberg für die Realisierung ihres Zentrums mit Gemeindehaus (1969), Kindergarten (1974) und Kirche entschieden. Mit dem Bau der Kirche, die entsprechend ihrem Patron "franziskanisch einfach und doch festlich" sein sollte, mussten sie noch 15 Jahre warten. Vorausgegangen war 1980 ein Architektenwettbewerb mit renommierter, internationaler Beteiligung u. a. aus Rom (Silvio Galizia) und Wien (Hans Hollein). Gewonnen hat ihn das Team Hans Schilling (1921-2009) und Peter Kulka (1937-2024) aus Köln. Der damals noch junge Kulka, später Professor und anerkannter Architekt in Dresden, übernahm federführend die anschließende Ausführung.

 

Der im Stadtmodell von 1966 noch wahrzeichenhaft dargestellte, 40 Meter hohe Kirchturm konnte aus zwei Gründen so nicht umgesetzt werden. Zum einen waren vom Bischöflichen Ordinariat im Wandel der Auffassungen dominante Kirchtürme nicht mehr erwünscht, zum anderen untersagten die amerikanischen Behörden Gebäudehöhen, die oberhalb der Abschusslinien ihrer Mittelstreckenraketen aus dem Ober-Olmer-Wald und der Einflugschneise des Wackernheimer Militärflugplatzes lagen. Die beiden Architekten lösten die Probleme in einem klugen Kompromiss. Der von der Gemeinde nach wie vor gewünschte Kirchturm wurde nicht als Campanile freigestellt, sondern in den Baukörper funktional eingebunden und auf die Höhe von 27,50 Meter reduziert, sodass er sich unter den militärisch vorgegebenen Linien wegducken konnte.

F2 im Weg

EINE KIRCHE AM UND IM WEG

Als städtebaulicher Akzent steht das Bauwerk im mittigen Knick der Rubensallee bewusst "am Weg und im Weg". 

Der signifikante Vierkantturm mit flachem Zeltdach und die mit roten Sandsteinlinien betonten Ecken der gelbocker verputzten Außenwände stehen für eine unaufdringliche Postmoderne. 

F3 Grundriss

Im hinteren Bereich liegt in Anlehnung an das Paradies frühchristlicher Basiliken ein fünfseitiges Atrium, umgeben von Sakristei, Pfarrbüro, Pfarrhaus und einem der beiden Hauptzugänge zur Werktagskapelle

F4 Empore

Über diese erschließt sich der zentrale, durch seine Diagonalachsen bestimmte Festraum. Zum einen die durchgehende Hauptachse von der Kapelle zum Altar, zum anderen die Querachse mit der geknickten Ecknische gegenüber der halbrund in den Raum ragenden Orgelempore.

In die Südmauer um 90 Grad eingedreht ist der Turmquader, der sich übereck als Taufkapelle in den Raum öffnet. Kreuzungspunkt der beiden Achsen ist ein gefächerter, raumbeherrschender Holzpfeiler. Er trägt eher symbolisch, weniger statisch, die nachtblau schimmernde Holzdecke als Zelt des Himmels über den umbrarot verputzten Innenwänden. Seinen Fuß aus Gusseisen umrahmt das Alphabet von A bis Z, von Alpha bis Omega mit der Deutung von Geburt und Tod.

In die Südmauer um 90 Grad eingedreht ist der Turmquader, der sich übereck als Taufkapelle in den Raum öffnet. Kreuzungspunkt der beiden Achsen ist ein gefächerter, raumbeherrschender Holzpfeiler. Er trägt eher symbolisch, weniger statisch, die nachtblau schimmernde Holzdecke als Zelt des Himmels über den umbrarot verputzten Innenwänden. Seinen Fuß aus Gusseisen umrahmt das Alphabet von A bis Z, von Alpha bis Omega mit der Deutung von Geburt und Tod.

EIN GESAMTKUNSTWERK

 

Untrennbar verbunden mit dem Bauwerk sind die 23 farbenfreudigen Glasfenster von Prof. Georg Meistermann (1911-1990), die er von 1984 bis 1989 im engen Austausch mit dem Pfarrer und studierten Kunsthistoriker Josef Beheim (1987-1996) entwarf. Diese Fenster zählen zu den bedeutendsten Werken der Glaskunst im 20. Jahrhundert. Über die Vermittlung der Kölner Architekten kam es zum Kontakt zwischen der Kirchengemeinde und Georg Meistermann, der bereits mit seiner Wand im Foyer des Zweiten Fernsehens am Lerchenberg ein Zeichen gesetzt hatte. Eine glückliche Fügung, denn mit diesem kongenialen Dialog zwischen Architektur und Malerei konnte etwas ganz Besonderes entstehen. Sogar bei den Farben für die Innen- und Außenwände stimmten sich beide miteinander ab, um das Optimum der gegenseitigen Wirkungen zu erreichen. Der Glasfensterzyklus von G. Meistermann samt den 14 Kreuzwegstationen gibt Denkanstöße in zeichenhafter Form. Signifikant das Fenster mit dem stigmatisierten Franziskus. (Abb. 5) Weitere Motive zeigen die Geburt Christi, die Auferstehung, das Himmlische Jerusalem, den Brennenden Dornbusch oder Allegorien der christlichen Grundtugenden Glaube, Liebe und Hoffnung. Den Abschluss des Kreuzwegzyklus und Höhepunkt der Meistermann-Fenster bildet das Auferstehungsfenster (Abb. 6) im Chor der Kirche, bei dem der Künstler den Auferstandenen ohne Gesicht darstellt, damit jeder sein eigenes Gesicht in diese Gestalt setzen kann.

 

Am 28. Oktober 1984 erfolgte die Kirchweihe durch Bischof Karl Lehmann. St. Franziskus ist eine der letzten Kirchenneubeuten in den Stadtdekanaten von Mainz. Ihre Ausstattung einschließlich der fünf Glocken und der Orgel hatten Mitglieder der Gemeinde gespendet. Durch die interdisziplinär perfekte Zusammenarbeit von Architekt, Künstler, einem umtriebigen Pfarrer und der engagierten Gemeinde ist mit der Pfarrkirche St. Franziskus ein Gesamtkunstwerk entstanden, das als baukulturelles Zeugnis des ausgehenden 20. Jahrhunderts 2025 unter Denkmalschutz gestellt wurde.

Dr.-Ing. Rainer Metzendorf

Stand 01.12.2025