104. Mittwochskonzert :„Aus einer Quelle“ – mit Jonathan Pilatz und Michael Gilles

Die beiden Organisten des 104. Mittwochskonzertes wählten als Motto „Aus einer Quelle“ und damit deuteten sie vielleicht an, dass nicht nur der Hauptkomponist des Abends, Johann Sebastian Bach, sondern auch sie beide aus der gleichen Quelle schöpfen.
Pilatz und Gilles waren für dieses Konzert äußerst kurzfristig eingesprungen, weil der eigentlich vorgesehene Organist Lukas Stollhof leider erkrank absagen musste. So konnte man nur staunen, wie die beiden mit großer Selbstverständlichkeit ein großartiges Konzert kreierten und die trotz des Winterwetters recht zahlreich erschienen Zuhörer*innen erfreuten.
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Zunächst saß Jonathan Pilatz an der Orgel und spielte von Felix Mendelssohn die 2. Sonate in c-moll. Die Sonate gliedert sich in drei Sätze: ein kraftvolles Grave–Adagio, gefolgt von einem lebhaften Allegro maestoso e vivace, und einem abschließenden Fuge-Satz in Allegro moderato. Charakteristisch für dieses Werk sind der dramatische Ausdruck, die dichte Polyphonie und die geschickte Verbindung von barocken Formen mit romantischer Harmonik. Jonathan Pilatz verstand es wunderbar die technische Raffinesse mit tiefem musikalischem Ausdruck dieses Werkes zu vereinen.
Dann folgte ein großer Zyklus von Werken Johann Sebastian Bachs. Jonathan Pilatz begann diese Reihe von Bach-Orgelwerken mit drei Stücken aus dem Orgelbüchlein: „Durch Adams Fall ist ganz verderbt“, „Vom Himmel hoch“ und „in dulci jubilo“. Während das erste Stück den Sündenfall bildhaft ausdrückt, beschäftigen sich die beiden anderen Stücke mit dem Weihnachtsfestkreis. Jonathan Pilatz brachte die kleinen Stücke in der von Bach beabsichtigten kunstvollen Verbindung von Melodie und kontrapunktischer Begleitung sehr schön zum Ausdruck.
Zum Schluss seines Vortrages spielte Jonathan Pilatz „Präludium und Fuge in G-Dur“ von Johann Sebastian Bach. Diese Komposition hebt sich besonders durch ihre lebensfrohe, festliche Stimmung im Präludium und den kunstvoll verwobenen Stimmen in der Fuge hervor, die Bachs Meisterschaft im Kontrapunkt eindrucksvoll demonstrieren. Das Stück ist sowohl technisch anspruchsvoll als auch klanglich farbenreich gestaltet. Beides demonstrierte Jonathan Pilatz in überzeugender Weise.
Die Zuhörer bedanken sich an dieser Stelle mit herzlichem Applaus bei Jonathan Pilatz, der für sein Alter (18 Jahre) schon mit einer technisch weit fortgeschrittenen und emotional ausdrucksstarken Reife beeindruckt.

Nun setzte sich unser Regionalkantor Michael Gilles auf die Orgelbank. Er spielte auch einige Stücke von Johann Sebastian Bach und begann mit der Fantasie G-Dur, auch wegen ihrer französischen Stilelemente „Pièce d’orgue“ genannt. Die Fantasie besteht aus drei deutlich abgegrenzten Abschnitten: einer majestätischen Einleitung, einem kontrapunktisch dichten Mittelteil und einem kraftvollen Abschluss. Michael Gilles gelang es besonders, den reichen harmonischen Sprachgebrauch sowie die kunstvolle Stimmführung Bachs hervorzuheben.
Auch Michael Gilles spielte zwei Stücke aus dem Orgelbüchlein, zunächst „Ich ruf zu dir, Herr Jesus Christ“ (BWV 639). Die Choralmelodie, die ursprünglich von Johannes Agricola im 16. Jahrhundert stammt, wird im Pedal und in einer der Manualstimmen deutlich hervorgehoben, während die übrigen Stimmen eine zarte, fast meditative Begleitung formen.
Michael Gilles gelang es im Sinne Bachs mit diesem Stück, eine tiefe spirituelle Atmosphäre zu schaffen.
Ein zweites Stück, welches Michael Gilles aus dem Orgelbüchlein von Johann Sebastian Bach vortrug, war das Choralvorspiel „Wenn wir in höchsten Nöten sein“. Das Werk zeichnet sich durch eine ruhige, gefasste Stimmung aus, die dem ernsten Charakter des Chorals entspricht. Die Melodie erklingt meist im Sopran, während die übrigen Stimmen in kontrapunktischer Weise geführt werden. Der Choral behandelt das Thema des Trostes und der Hoffnung in schwierigen Zeiten.
Zwischen diesen beiden Stücken aus dem Orgelbüchlein spielte Gilles den 1. Satz aus dem „Concerto in a-moll“ von Johann Sebastian Bach. Das Concerto wurde ursprünglich von Antonio Vivaldi für zwei Violinen komponiert. Bachs eigene Transkription als Orgelkonzert BWV 593 verleiht dem Werk eine besondere Klangfarbe: Die Orgel übernimmt sowohl die virtuosen Läufe der Solostimme als auch die dialogischen Elemente des Orchesters und füllt damit den Raum mit einer majestätischen und kontrastreichen Atmosphäre. Michael Gilles zeichnete durch die vielfältigen klanglichen Möglichkeiten der Orgel eine dichte Klangfläche. So entfaltete der erste Satz auf der Orgel seine eindrucksvolle Energie und zog das Publikum mit seinem Wechselspiel von filigraner Virtuosität und orchestraler Wucht in den Bann.
Den Abschluss des Vortrages von Michael Gilles und damit des beeindruckenden Konzertes bildete die „Suite gothique“ (op. 25) von Léon Boëllmann. Das Werk besteht aus vier Sätzen und zeichnet sich durch seinen romantischen Stil und die harmonische Farbigkeit aus, wie sie für die französische Musik des späten 19. Jahrhunderts typisch ist. Es beginnt mit Introduction – Choral: Ein feierliches Präludium, inspiriert von der Choraltradition. Dem folgt das Menuet gothique: Ein tanzartiger, eleganter und raffinierter Satz, der eine mittelalterliche Atmosphäre heraufbeschwört. Der 3. Satz, die Prière à Notre-Dame ist ein meditatives Stück, geprägt von Sanftheit und Andacht. Der energiegeladene und virtuose Finalsatz ist bei Organisten und Publikum wegen seiner Strahlkraft besonders beliebt. Michael Gilles arbeitete die unterschiedlichen Charakteristika der einzelnen Sätze beeindruckend heraus und schloss das Konzert mit der energiegeladenen Toccata virtuos ab.
Das Publikum bedankte sich bei beiden Organisten für das sehr schöne Konzert mit stehendem Applaus.