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105. Mittwochskonzert mit Markus Reich und Michael Gilles:Copy and Paste – Wie Bearbeitungen zu besonderen Kunstwerken werden

In diesem besonderen Mittwochskonzert zweier zunächst so unterschiedlicher, aber gerade deshalb wunderbar harmonisch miteinander musizierenden Künstler, trafen sich der klassische Organist und der Percussion-Virtuose.
Datum:
4. Feb. 2026
Von:
Bruno Bellinger

Markus Reichs „Love Too Percussion Solo“ ist ein dynamisches und ausdrucksstarkes Werk, das die emotionale Bandbreite und technische Meisterschaft des Perkussionisten hervorhob. Mit einer Mischung aus rhythmischer Komplexität und melodischer Sensibilität erschafft Reich eine Darbietung, die das Publikum fesselte und die Vielseitigkeit von Schlaginstrumenten demonstrierte.

Ein erstes Stück auf der Eule-Orgel durch Michael Gilles war die Aufführung von Camille Saint-Saëns’ berühmtem „Danse macabre“, arrangiert von Edwin H. Lemare für Orgel. Lemare gelingt es in seiner Bearbeitung, die geheimnisvolle und schaurige Atmosphäre des Originals meisterhaft auf die Klangfarben der Orgel zu übertragen. Mit virtuosen Passagen und raffinierten Registerkombinationen entsteht ein faszinierendes Klangbild, das die Zuhörer in die düstere Welt des Totentanzes entführte.

Es folgten drei Stück von Johann Sebastian Bach. Zunächst das Concerto a-Moll BWV 593, das auf Antonio Vivaldis berühmtem Doppelkonzert für zwei Violinen basiert. In seiner Bearbeitung für Orgel gelingt es Bach, die barocke Virtuosität und den dialogischen Charakter des Originals detailreich und mitreißend umzusetzen. Das Werk ist ein Paradebeispiel für Bachs Fähigkeit, fremde musikalische Einflüsse kreativ zu verarbeiten und in seinen unverwechselbaren Stil zu überführen. Sehr schön und eindrucksvoll von Michael Gilles umgesetzt.

Nun folgte die Bearbeitung von Johann Sebastian Bachs berühmter „Air“ aus der Orchestersuite Nr. 3 in D-Dur, BWV 1068. Ursprünglich als Satz innerhalb einer Kantate konzipiert, besticht die „Air“ durch ihre lyrische Melodieführung und den sanften, schwebenden Charakter. In der Orgelbearbeitung wird die Eleganz und Tiefe des Stücks besonders hervorgehoben, wobei die warmen Klangfarben und die ausgewogene Dynamik der Orgel die emotionale Wirkung noch verstärken. Die Interpretation durch Michael Gilles zeigte eindrucksvoll, wie ein Kantatensatz in neuer Instrumentierung eine ganz eigene Atmosphäre entfalten kann.

Die Sinfonia aus Johann Sebastian Bachs Ratswahlkantate „Wir danken dir, Gott, wir danken dir“ (BWV 29) folgte in einer Bearbeitung für Orgel von Alexandre Guilmant. Guilmant gelingt es, die festliche und majestätische Stimmung des Originals in seinem Arrangement zu bewahren, wobei die Orgel alle klanglichen Nuancen eindrucksvoll zur Geltung bringt. Die kunstvolle Transkription erlaubte es Michael Gilles, die reichen kontrapunktischen Strukturen und die energiegeladene Thematik in einem neuen Licht erscheinen zu lassen, was die Zuhörer*ìnnen ebenfalls begeisterte.

Nun folgten mehrere Stücke, in denen Orgel und Percussion miteinander musizierten.

Zunächst „Day and Night and Day“ von Markus Reich für Orgel und Percussion, welches ein faszinierendes Werk ist, das den Wechsel von Licht und Dunkelheit musikalisch erfahrbar macht. Mit kontrastreichen Klangfarben, rhythmischen Akzenten und fein abgestimmtem Zusammenspiel zwischen Orgel und Schlaginstrumenten entsteht eine atmosphärische Reise durch die verschiedenen Stimmungen eines Tages. In diesem Stück hat der Percussion-Part durch Markus Reich den Hauptanteil, während Michael Gilles auf der Hopkins-of-York-Orgel einfühlsam begleitete.

Ein besonderes Highlight des Abends war die Bearbeitung von Maurice Ravels berühmtem „Boléro“ durch Michael Gilles für Orgel und Percussion. Reich eröffnete dieses Stück mit der Berimbau, einem traditionellen angolanischen Musikbogen. Gilles nahm den Rhythmus an der Hopkins-Orgel auf und es gelang ihm eindrucksvoll, die hypnotische Steigerung und die charakteristischen Rhythmen des Originals in die klangliche Welt von Orgel und Schlaginstrumenten zu übertragen. Die Orgel übernahm dabei die spannungsgeladene Melodieführung und sorgt mit ihren vielfältigen Klangfarben für eine orchestrale Dichte, während Markus Reich mit präzisem Percussion-Spiel den markanten Boléro-Rhythmus lebendig werden ließ. Im Zusammenspiel entfaltete das Werk eine ganz eigene Dynamik, die das Publikum fesselte und dem bekannten Stück eine frische, faszinierende Facette verlieh.

Nun folgte ein Solostück von Markus Reich, Celtic Dreams. In diesem Percussion-Solo entführt Markus Reich die Zuhörer*innen mit fantasievollen Rhythmen und sanften Klangfarben in die mystische Welt keltischer Träume. Durch den gekonnten Einsatz unterschiedlichster Schlaginstrumente gelang es ihm, stimmungsvolle Landschaften und bewegte Szenen zu zeichnen, die an grüne Hügel, neblige Morgen und alte Legenden erinnerten. Das Stück lebt von einem Wechsel zwischen ruhigen, meditativen Passagen und dynamischeren Abschnitten, wodurch eine intensive, fast erzählerische Atmosphäre entsteht. Reichs sensibles Spiel und seine kreative Klanggestaltung lassen die keltische Tradition auf moderne Weise neu aufleben und begeisterten das Publikum mit einer eindrucksvollen Klangreise.

Dem Percussion-Solo folgte nun ein Orgelsolo, jetzt wieder auf der Eule-Orgel. Das Stück „Experience“ von Ludovico Einaudis war in einer Bearbeitung von Michael Gilles zu hören. Gilles gelang es in seiner Bearbeitung, die charakteristische meditative Stimmung und die feinen dynamischen Nuancen des Originals auf die Orgel zu übertragen. Die klaren, repetitiven Motive Einaudis werden durch differenzierte Registerwahl und geschickte Klanggestaltung atmosphärisch verstärkt.

„Anywhere“ erklang als ein weiteres Stück von Markus Reich für Handpans. In diesem Werk entfalten die sphärischen Klänge der Handpans eine faszinierende, meditative Stimmung, die das Publikum auf eine klangliche Reise an weit entfernte Orte mitnahm. Die schwebenden Melodien und rhythmischen Strukturen ließen Raum für Assoziationen und weckten Fernweh, während Reich mit feinem Gespür für Dynamik und Klangfarbe die vielfältigen Ausdrucksmöglichkeiten dieses besonderen Instruments auslotete.

Nun folgte wieder ein Stück auf der Orgel, wobei dieses Stück ganz gewiss nicht in seiner ursprünglichen Form für die Orgel geschrieben ist: „Fluch der Karibik“ von Klaus Badelt. In diesem Arrangement gelang es Michael Gilles, die energiegeladene Filmmusik in die Klangwelt der Orgel zu übertragen. Besonders beeindruckend war, wie die charakteristischen Themen und dramatischen Rhythmen, die das Abenteuergefühl des Originals ausmachen, durch die Registervielfalt und den kraftvollen Klang der Orgel neue Dimensionen erhielten. Die Zuhörer*innen wurden mitgerissen von der spannungsgeladenen Atmosphäre und das virtuose Spiel ließ die bekannte Filmmusik in einem überraschenden, festlichen Licht erscheinen.

Den Abschluss des besonderen und hinreißenden Konzertes bildete eine Improvisation „Rhythm and Pipes“ für Orgel und Percussion. Markus Reich eröffnete das Stück auf einer Djembe, einer einfelligen Bechertrommel aus Westafrika, deren Korpus aus einem ausgehöhlten Baumstamm besteht. Hier begegneten sich die klangliche Vielfalt der Orgel und die pulsierende Energie der westafrikanischen Trommel in einem spannenden musikalischen Dialog. Während die Orgel mit harmonischen Flächen und melodischen Motiven einen weiten Klangraum eröffnete, brachte die Djembe mit variantenreichen Rhythmen und kraftvoller Dynamik eine mitreißende Lebendigkeit ins Spiel. Das Wechselspiel von frei gestalteten Themen, spontanen rhythmischen Akzenten und dem sensiblen Zusammenspiel der beiden Musiker sorgte für eine intensive Atmosphäre, die das Publikum begeisterte.

Und diese Begeisterung drückte sich nun zum Schluss des Konzertes in lang anhaltendem stehendem Applaus des erfreulich zahlreich erschienenen Publikums aus, das sich darin einig war: Gerne wieder!

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