112. Mittwochskonzert mit Michael Vettern (Bautzen):Balance zwischen Wiedererkennbarkeit und Verwandlung

Für die ausgewählten Werke aus vier Jahrhunderten galt als Grundstimmung, dass eine Melodie, ein Thema meist als Orientierungspunkt wahrnehmbar bleibt, doch das Umfeld sich fortwährend ändert: einmal von bewegten Figuren umspielt, dann in imitatorische Zusammenhänge gestellt.
Gleich im ersten dargebotenen Werk „Cento partite sopra passacagli“ von Frescobaldi zeigte sich dieses Prinzip, aus einem einfachen, wiederkehrenden Bassmodell eine vielgestaltige musikalische Architektur zu entwickeln. Der Passacaglia-Bass bildet dabei den festen Ausgangspunkt: Über seiner stetigen Wiederkehr entfaltet Frescobaldi eine Folge von „Partiten“, also Variationen, die rhythmisch, harmonisch und satztechnisch immer neue Gestalten annehmen. Tänzerische Abschnitte, imitatorische Verdichtungen, virtuose Spielfiguren und meditative Passagen wechseln einander ab. Im Spiel von Michael Vetter gewann die Komposition eine besondere Farbigkeit: Der gleichsam kreisende Bass gibt Halt und Orientierung, während sich darüber ein lebendiges Spiel aus Klangfarben, Bewegungen und Affekten entfaltete.
Einen Höhenpunkt dieses wunderbaren Orgelkonzertes bildete die Partita „Sei gegrüßet, Jesu gütig“ von Johann Sebastian Bach (BWV 768). Die elf Variationen sind nicht bloße Ausschmückungen des Chorals, sondern eigenständige Charakterstücke. Bach variiert vor allem Satzart, rhythmisches Profil, Dichte, Registerwirkung und Verhältnis von Manual und Pedal. Dadurch entsteht eine Steigerung vom schlicht figurierten Choralsatz bis zur groß angelegten Schlussvariation im vollen Orgelklang. Das Werk bewegt sich zwischen kammermusikalischer Transparenz und repräsentativer Orgelpracht. Besonders bemerkenswert ist, dass die Musik zwischen kontemplativen und virtuosen Momenten pendelt. Der Choral ist gemeinschaftlich und vertraut, die kunstvolle Ausarbeitung aber öffnet einen Raum persönlicher Andacht und theologischer Vertiefung. Die Variationen wirken deshalb wie Predigt, Meditation und musikalische Demonstration zugleich. Michael Vetter verstand es durch sein präzises und feines Spiel den besonderen Anforderungen an Registrierung, Artikulation und formale Übersicht überragend gerecht zu werden.
Es folgte von Olivier Messiaen „Les corps glorieux“, ein siebenteiliger Orgelzyklus. Inhaltlich kreist das Werk um die christliche Vorstellung der Auferstehung: Der sterbliche Leib wird verwandelt, verklärt und in eine neue geistige Existenz erhoben. Jeder Satz ist mit einem Bibel- oder Liturgiezitat verbunden, das die jeweilige musikalische Vision deutet. Michael Vetter präsentierte in diesem Konzert die 7. Vision „Le Mystère de la Sainte-Trinité” (Das Geheimnis der heiligen Dreifaltigkeit). Dieser abschließende Satz wirkt kontemplativ und bündelt die theologischen Dimensionen des Zyklus. Die Musik ist weniger erzählend als visionär angelegt. Messiaen arbeitet mit modalen Klangfeldern, unbewegten oder ostinaten Strukturen, gregorianisch geprägten Linien, komplexen Rhythmen und stark charakterisierten Registrierungen. Die Orgel erscheint dabei nicht nur als liturgisches Instrument, sondern als Trägerin von Licht, Farbe, Raum und theologischer Symbolik. Diese Vision von Messian wusste Michael Vetter überzeugend und zugleich ergreifend umzusetzen.
Franz Liszt: „Präludium und Fuge über BACH“ ist eines der bedeutendsten Orgelwerke des Komponisten. Liszt greift darin das berühmte B-A-C-H-Motiv auf, bei dem die Tonfolge B–A–C–H als musikalische Signatur Johann Sebastian Bachs erscheint. Bereits im Präludium erscheint das Motiv in markanten Gesten, dramatischen Steigerungen und virtuosen Figurationen. Dadurch entsteht der Eindruck einer improvisatorischen Entfaltung, wie sie besonders zur Orgel und ihrer klanglichen Monumentalität passt. Die Fuge greift das B-A-C-H-Motiv in stärker geordneter Form auf und entwickelt daraus ein dichtes kontrapunktisches Geflecht. Michael Vetter präsentierte dieses Stück mit all seiner Wucht und Eindringlichkeit und nutzte den gesamten Klangkörper der Eule-Orgel und der Bonifatius-Kirche.
Die erfreulich zahlreich erschienenen Zuhörer bedankten sich mit langanhaltendem und stehendem Applaus für das beeindruckende Konzert.
(der Text dieses Rückblicks ist z.T. KI-unterstützt)