111. Mittwochskonzert:Josua Velten entfaltet Weimarer Klanglinien auf der Eule-Orgel

Nach dem Abschluss des Kirchenmusikstudiums in Leipzig hat Velten gemerkt, „dass ich meine Ausbildung weiter vertiefen möchte“. Er bewarb sich erfolgreich für das Fach „Orchester dirigieren“ an der renommierten Hochschule Franz Liszt in Weimar.
So entstand auch die Idee, ein Orgelkonzert mit dem Titel „Weimarer Klanglinien“ zu gestalten. In seiner Einführung vor dem Konzert teilte er gleich eine kleine Programmänderung mit: Er tauschte die ursprünglich vorgesehene Prélude aus Englischen Suite Nr.3 aus und wählte als Eingangsstück wegen des Bezugs zu Weimar Präludium und Fuge in D-Dur (BWV 532) von Johann Sebastian Bach. Das Präludium und Fuge in D-Dur gehört zu den glanzvollen frühen Orgelwerken Johann Sebastian Bachs und entstand vermutlich in seiner Weimarer Zeit. Schon der Beginn des Präludiums mit einer aufwärtsstürmenden Pedaltonleiter zeigt den virtuosen, festlichen Charakter des Werkes. In mehreren kontrastierenden Abschnitten verbindet Bach norddeutsche Orgeltradition, französische Ouvertürenrhythmik und italienisch-konzertante Leuchtkraft zu einer wirkungsvollen musikalischen Architektur. Josua Velten ließ diese Leuchtkraft Bach’cher Musik wunderbar erstrahlen und setzte damit gleich zu Beginn ein eindrucksvolles Beispiel seines sehr ausgereiften Könnens.
Es folgte das ursprünglich als Eingangsstück vorgesehene Vorspiel zu Richard Wagners „Lohengrin“, das zu den eindrucksvollsten Klangbildern der romantischen Opernliteratur zählt. In schwebenden, hellen Streicherklängen entfaltet Wagner eine Atmosphäre entrückter Reinheit und verweist musikalisch auf die Gralswelt, aus der Lohengrin erscheint. Edwin H. Lemare hat diese fein abgestufte Klangsprache wirkungsvoll auf die Orgel übertragen: Zarte Registerfarben, große dynamische Steigerungen und ein weiter Atem lassen die ursprünglich orchestrale Vision in sinfonischer Orgelgestalt neu erstehen, fein von Josua Velten herausgearbeitet.
Liszts erster Mephisto-Walzer geht auf eine Episode aus Nikolaus Lenaus Faust zurück: Mephisto reißt in einer Dorfschenke den Tanz an sich und entfacht eine immer rauschhaftere, dämonisch aufgeladene Szene. In der Orgelbearbeitung tritt die orchestral gedachte Klangfantasie des Werks besonders plastisch hervor — von scharf konturierten Tanzrhythmen bis zu weit ausgreifenden, farbigen Klangflächen. Der Bezug zu Weimar liegt nahe: Liszt wirkte dort ab 1848 als Hofkapellmeister und prägte mit seinen Sinfonischen Dichtungen und Programmmusiken das musikalische Profil der Stadt. Auch der Mephisto-Walzer Nr. 1, eng verbunden mit den Zwei Episoden aus Lenaus Faust, steht in diesem Umfeld einer weimarischen Kunstidee, in der Literatur, Bühne und Musik zu dramatischer Klangrede verschmelzen.
Richard Strauss "Mondscheinmusik" aus der Oper Capriccio in einer Bearbeitung für die Orgel. von Jonas Schauer. Dieser hat die Musik so eingerichtet, dass sie auf der Orgel spielbar und klanglich überzeugend wird. Dabei geht es nicht nur darum, die Noten „umzuschreiben“, sondern die orchestralen Farben auf die Möglichkeiten der Orgel zu übertragen: Streicherflächen können auf der Orgel durch weiche Grundstimmen entstehen. Bläserfarben lassen sich durch Solo-Register, Zungenstimmen oder charakteristische Prinzipale nachbilden. Orchesterweite und Klangsteigerungen werden durch Manualwechsel, Koppeln und Registeraufbau gestaltet. Da die Orgel Töne anders hält als ein Orchester, muss die Bearbeitung oft Atem, Phrasierung und Klangabstufungen besonders sorgfältig berücksichtigen. Kurz gesagt: Die Orgelbearbeitung versucht, den mondhellen, schimmernden und spätromantischen Orchesterklang der Vorlage mit den Mitteln der Orgel neu zu erschaffen, ohne den musikalischen Charakter des Originals zu verlieren. Dies wurde von Jonas Schauer überzeugend eingerichtet und von Josua Velten einfühlsam umgesetzt.
Die Orgelsonate „Der 94. Psalm“ in c-Moll von Julius Reubke gehört zu den bedeutendsten Werken der romantischen Orgelliteratur. Julius Reubke vollendete sie 1857 während seiner Studienzeit bei Franz Liszt; im selben Jahr spielte er selbst die Uraufführung an der Ladegast-Orgel des Merseburger Doms. Das Werk ist von ausgewählten Versen des 94. Psalms inspiriert und verbindet die Form einer großen Sonate mit dem Ausdruck einer sinfonischen Dichtung.
Die einzelnen Abschnitte gehen ohne eigentliche Zäsur ineinander über: Aus dem düsteren „Grave – Larghetto“ entwickelt sich ein dramatisches „Allegro con fuoco“, das die Anklage und den Aufruhr des Psalmtexts musikalisch verdichtet. Das „Adagio“ bildet einen kontemplativen Gegenpol: Klage, innere Bedrängnis und Trost erscheinen hier in weit gespannten Linien und farbigen Harmonien. Im abschließenden „Allegro“ steigert sich das Werk zu einer leidenschaftlichen Fuge, die den Konflikt zuspitzt und in machtvoller Klangwirkung zum Ende führt.
Die Sonate stellt hohe technische, musikalische und klangliche Anforderungen. Josua Velten zeigte in seinem Spiel eine sichere Beherrschung virtuoser Manualpassagen, eine sehr fortgeschrittene Pedaltechnik sowie große Ausdauer im Umgang mit langen Spannungsbögen und dichten Steigerungen.
Das mit über 200 Zuhörern sehr gut besuchte Konzert fand so einen würdevollen Abschluss. Die Zuhörer*innen bedankten sich mit lang anhaltendem und stehenden Applaus für dieses beeindruckende Konzerte.