113. Mittwochskonzert:Stephan Rommelspacher führt die Zuhörer „Abseits der Wege“

Eine solche Erfahrung konnte man auch beim 113. Mittwochskonzert machen, in dem Stephan Rommelspacher (Leipzig) den Zuhörer*innen Orgelwerke präsentierte, die entweder von Komponisten stammten, die nur wenige Orgelwerke schrieben oder es sich ursprünglich nicht um ein Orgelstück, sondern wie bei den beiden letzten Werken des Konzertes von Richard Wagner, um bekannte Orchesterstücke handelten. Dabei spannte er einen weiten Bogen von der Renaissance bis zur Spätromantik.
Zu Beginn spielte Rommelspacher die Toccata Septima von Georg Muffat, einem Komponisten des 17. Jahrhunderts. Die Toccata septima in C-Dur ist die siebte der zwölf Toccaten aus Georg Muffats 1690 veröffentlichtem Apparatus musico-organisticus. Das Werk steht in der süddeutschen Orgeltradition des Hochbarocks und verbindet italienisch geprägte Virtuosität mit strengem kontrapunktischem Satz. Freie, improvisatorisch wirkende Passagen, rasche Läufe und markante Akkordfolgen wechseln mit dichten gearbeiteten Abschnitten. Dadurch entsteht ein abwechslungsreicher Spannungsbogen zwischen festlicher Klangentfaltung und konzentrierter Stimmführung. Die Toccata stellt an den Interpreten hohe Anforderungen an Artikulation, Beweglichkeit und klanglicher Gestaltung.
Giovanni Gabrielis Canzon del 2o tono gehört zur venezianischen Instrumentalmusik am Übergang von der Renaissance zum Frühbarock. Charakteristisch ist ein prägnantes, rhythmisch bewegtes Anfangsmotiv, das von mehreren Stimmen nacheinander aufgegriffen und kontrapunktisch weitergeführt wird. Imitatorische Abschnitte wechseln mit stärker akkordisch geprägten Passagen. Als Orgelstück wirkt die Canzon del 2o tono besonders durch eine klare, farblich abgestufte Registrierung. Die imitierenden Stimmen blieben im Spiel Rommelspachers transparent hörbar durch schlanke Prinzipal- und Flötenregister, ergänzt durch dezente Zungenstimmen. Eine Verteilung einzelner Stimmen oder Abschnitte auf verschiedene Manuale verdeutlichte den dialogischen Charakter der Komposition und die ursprüngliche Mehrchörigkeit ließ sich klanglich sehr schön nachzeichnen.
Georg Böhms Partita über den Choral „Freu dich sehr, o meine Seele“ entfaltet die bekannte Melodie in sieben abwechslungsreichen Variationen. Die Choralmelodie bleibt dabei stets der musikalische Bezugspunkt, erscheint jedoch in wechselnden Stimmen, Klangfarben und Bewegungsformen. Ruhige, gesangliche Abschnitte stehen neben lebhafteren Figurationen, sodass jede Variation einen eigenen Charakter erhält. Das Werk verbindet eine klare formale Anlage mit kunstvoller kontrapunktischer Arbeit und zeigt beispielhaft, wie fantasievoll die norddeutsche Orgeltradition einen geistlichen Choral ausdeuten konnte.
Die einleitende Sinfonia der Kantate „Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit“ BWV 106, bekannt unter dem Beinamen „Actus tragicus“, gehört zu den eindringlichsten Instrumentalsätzen des jungen Johann Sebastian Bach. Der ruhige, wiegende Dreiertakt und die behutsam ineinandergreifenden Stimmen schaffen eine stille, von Trost und Sammlung erfüllte Atmosphäre. Über einem gleichmäßig schreitenden Fundament entfalten sich kantable Linien, deren Vorhalte und sanfte Dissonanzen dem Satz eine schwebende, zugleich schmerzlich gefärbte Ausdruckskraft verleihen. Die Musik eröffnet einen Raum der Besinnung: Sie wirkt weniger wie eine dramatische Einleitung als wie ein stilles Innehalten. Auf der Orgel gewinnt dieser Charakter durch den langen Atem des Instruments und die fein abgestufte Klanggestaltung eine eigene Intensität. So verbindet die Sinfonia barocke Klangrede mit zeitloser Ruhe und führt unmittelbar in die zentrale Aussage der Kantate über Vergänglichkeit, Vertrauen und göttliche Zeit.
Es folgte aus der h-Moll-Messe BWV 232 von Johann Sebastian Bach das Agnus Dei, welches von verhaltener, klagender Ausdruckskraft geprägt ist. Die weit ausschwingende Melodielinie entfaltet sich über einer ruhig schreitenden Begleitung und verleiht der Bitte „Lamm Gottes, erbarme dich unser“ eine eindringliche, persönliche Tiefe. In der Orgelbearbeitung treten die gesangliche Linienführung, die harmonischen Spannungen und die meditative Grundhaltung besonders deutlich hervor.
Mit dem Dona nobis pacem weitet sich die individuelle Bitte zur gemeinschaftlichen Friedensvision. Bach greift hier die Musik des festlichen „Gratias agimus tibi“ wieder auf: Ein feierlicher Chorsatz, getragen von kraftvoller Polyphonie, lässt die Worte „Gib uns Frieden“ zugleich bittend und zuversichtlich erscheinen. Emmanuel Legrandes Orgelbearbeitung überträgt die vokale und orchestrale Fülle auf das Instrument und macht die kontrapunktische Architektur sowie die feierliche Steigerung bis zum Schluss unmittelbar erfahrbar, sehr schön und überzeugend von Rommelspacher an der Eule-Orgel umgesetzt.
Es folgte noch Musik aus einem dritten Werk von Johann Sebastian Bach, dem Präludium und der Fuge Es-Dur BWV 876 aus dem Wohltemperierten Klavier, Teil II. Obwohl das Werk nicht ausdrücklich für Orgel bezeichnet ist, lässt sich seine kontrapunktische Anlage auf diesem Instrument besonders plastisch entfalten.
Das Präludium steht im wiegenden 9/8-Takt. Seine fließende Bewegung, die klaren Linien und der heitere Grundton verleihen ihm einen pastoralen, beinahe tänzerischen Charakter. Harmonische Eintrübungen und überraschend weite Intervallsprünge beleben den Verlauf, bevor eine markante Schlusswendung die Musik zur Ruhe führt. Auf der Orgel hob der Organist mit einer leichten, transparenten Registrierung den beweglichen Duktus und die feinen Stimmverläufe hervor.
Die vierstimmige Fuge bildet dazu einen deutlichen Kontrast. Im ruhigen Alla-breve-Takt entfaltet sich ein gesangliches Thema im Stil des stile antico, das an die Strenge älterer Vokalpolyphonie erinnert. Die Stimmen treten nacheinander hinzu, werden zunehmend dichter miteinander verflochten und begegnen einander mehrfach in Engführungen. So wächst aus schlichter thematischer Gestalt ein feierlicher, architektonisch klarer Satz. In der Orgelfassung wurden die beiden Seiten des Werkpaares besonders anschaulich: die lichte Beweglichkeit des Präludiums und die würdige Geschlossenheit der Fuge.
Das Andante con variazioni von Felix Mendelssohn Bartholdy verbindet liedhafte Schlichtheit mit kunstvoller kontrapunktischer Arbeit. Zu Beginn erklingt ein ruhig schreitendes, klar gegliedertes Thema, dessen gesangliche Linie an Mendelssohns „Lieder ohne Worte“ erinnert. Die folgenden Variationen bewahren den Grundcharakter des Themas, beleuchten es jedoch durch veränderte Bewegungsformen, unterschiedliche Satzdichte und wechselnde Klangfarben immer wieder neu. Auf der Orgel lässt sich dieser Verlauf besonders plastisch gestalten: Zurückhaltende Grundstimmen unterstreichen die ruhige Eröffnung, während fein abgestufte Registrierungen die einzelnen Variationen voneinander abheben.
Mit der „Intrade“ von Arthur Piechlers wurde in diesem Konzert ein Wechsel zur Spätromantik vollzogen. Die Intrada eröffnet eine Sammlung von fünf kurzen, leicht ausführbaren Improvisationen für Orgel. Ihrem traditionsreichen Titel entsprechend besitzt sie einen festlichen, einleitenden Charakter. Prägnante Klanggesten, klare Gliederung und ein wirkungsvoller Wechsel der Orgelregister verleihen dem Stück repräsentative Strahlkraft. Dabei verbindet Piechler spätromantische Klangfülle mit einer knappen, unmittelbar verständlichen Form.
Den Abschluss bildeten zwei Orchesterwerke von Richard Wagner. Zunächst der Pilgerchor „Beglückt darf nun dich, o Heimat, ich schauen“ aus dem dritten Akt von Richard Wagners romantischer Oper Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg. Die aus Rom heimkehrenden Pilger besingen dankbar die Heimat, die erfahrene Gnade und den Frieden, der dem Büßer verheißen ist. Ihr Gesang bildet einen feierlichen Gegenpol zu Tannhäusers Verzweiflung und verdichtet ein zentrales Thema der Oper: die Hoffnung auf Erlösung. In der Orgelfassung wird der vokal-orchestrale Charakter des Chores auf die Klangfarben des Instruments übertragen. Das choralartig schreitende Hauptthema wird zunächst zurückhaltend und kantabel vorgestellt; durch den stufenweisen Aufbau der Register gewinnt es zunehmend an Weite und Festlichkeit. Durch den Wechsel zwischen einzelnen Manualen wurden räumliche Nähe und Ferne der Pilger angedeutet, während das Pedal dem Zug Ruhe und Fundament verlieh. So entfaltet sich aus einem innigen Beginn ein majestätischer Gesamtklang, bevor die Musik in verklärter Ruhe ausklingt.
Zum Schluss des Konzertes erklang von Richard Wagner die Festmusik aus „Die Meistersinger von Nürnberg“. Die einzige komische Oper des Komponisten verbindet festlichen Glanz mit liedhafter Wärme und kunstvoller kontrapunktischer Arbeit. Die Festmusik bündelt markante Themen aus der Oper zu einem wirkungsvollen Konzertstück. Feierliche Akkordfolgen, weit gespannte Melodien und kraftvolle Steigerungen prägen den repräsentativen Charakter. Sigfrid Karg-Elert übertrug das Werk im Rahmen seines Richard-Wagner-Albums mit 18 Konzertbearbeitungen auf die Orgel. Seine Fassung ist keine bloße Reduktion des Orchestersatzes: Durch differenzierte Manualwechsel, abgestufte Dynamik und eine effektvolle Registrierung nutzt sie die klanglichen Möglichkeiten der großen romantischen Orgel. So entsteht ein ebenso monumentales wie farbenreiches Klangbild, das den festlichen Gestus der Vorlage bewahrt und zugleich den eigenständigen Charakter des Instruments zur Geltung bringt.
Das zahlreich erschienene Publikum bedanke sich nach diesem fulminanten Abschluss mit stehendem Applaus.
(der Text dieses Rückblicks ist z.T. KI-unterstützt)