107. Mittwochskonzert mit Matthias Maierhofer aus Freiburg:Zerrissene Zeit
Die Passacaglia c-Moll, BWV 582, von Johann Sebastian Bach zählt zu den bekanntesten und eindrucksvollsten Orgelwerken des Barock. Das sich stetig wiederholende Bass-Thema bildet die Grundlage für eine Vielzahl kunstvoll gestalteter Variationen, die sich zu einem großen klanglichen Bogen entwickeln. Die Vielfalt dieser Passacaglia wurde durch die klare, zugleich satte und variabel eingesetzte Registrierung hervorragend zum Ausdruck gebracht. Der Klang blieb stets transparent und differenziert, während sich die anschließende Doppelfuge zu einem kraftvollen und mitreißenden Höhepunkt steigerte.
Mit der „Paduana lachrymae“ von Melchior Schildt wandte sich das Programm der frühbarocken Klangwelt zu. Das Werk entführte die Zuhörenden in längst vergangene Zeiten und lebt von seiner ruhigen, melancholischen Grundstimmung. In der einfühlsamen Interpretation blieb diese Melancholie jedoch nie hoffnungslos, sondern wurde von einer inneren Ruhe getragen. Die fein ausgearbeiteten Verzierungen und die im Verlauf zunehmenden Koloraturen machten die Paduana zu einem besonders eindrücklichen und berührenden Hörerlebnis.
Einen deutlichen Kontrast hierzu bildeten die „Fünf Meditationen zur Passion“ (2021) von Johannes Matthias Michel. In dieser zeitgenössischen Komposition wurde die Orgel selbst zum Erzähler: ausdrucksstark, gewaltig und von großer klanglicher Intensität. Die einzelnen Sätze – „Verstummender Schmerz“, „Zerreißendes Kreuz“, „Geronnener Wind“, „Zerbrochene Nacht“ und „Gefrorene Zeit“ – entfalteten eindringliche Klangbilder, die die Zuhörenden unmittelbar erfassten. Die Musik riss mit, ließ aufhorchen und regte zum Nachdenken an. Sie ließ den Zuhörer in keinem Moment unberührt und machte wirkungsvoll deutlich, warum die Orgel als „Königin der Instrumente“ bezeichnet wird.
Mit dem Choralvorspiel „O Mensch, bewein dein Sünde groß“, BWV 622, kehrte das Programm zu Johann Sebastian Bach zurück. Dieses Werk zählt zu den innigsten Chorälen des Orgelbüchleins. In einer sehr einfühlsamen und melodischen Gestaltung ließ Matthias Maierhofer jede Phrase für sich wirken. Die fein abgestimmte Registrierung und das ruhige Tempo ermöglichten es, die einzelnen Abschnitte bewusst zu erleben und sich in die musikalische Aussage zu vertiefen. Besonders die Schlussgestaltung mit ihrer deutlichen Verlangsamung verlieh dem Werk eine eindringliche, kontemplative Wirkung.
Deuxième Choral von César Franck bildete den Abschluss, ein herausragendes Beispiel romantischer Orgelmusik. Gerade bei diesem Werk zeigte sich, wie die Eule-Orgel mit ihrer spezifischen Disposition bestens geeignet ist für die Klangsprache der französischen Romantik: Die vielfältigen Register, die große dynamische Bandbreite und die Möglichkeit zu fein abgestuften Klangmischungen kamen hier in besonderer Weise zur Geltung. Die wechselnden Themen, die fortschreitenden Steigerungen und die facettenreiche Gestaltung machten das Werk zu einem überzeugenden Finale des Konzertes. Matthias Maierhofer verstand es dabei, die klanglichen Möglichkeiten dieses Instruments differenziert und wirkungsvoll auszuschöpfen.
Das Publikum zeigte sich von der musikalischen Darbietung tief beeindruckt und dankte dem Künstler für diesen abwechslungsreichen und klanglich faszinierenden Konzertabend mit einem herzlichen Applaus.
