Schmuckband Kreuzgang

Die Historie der Cavaillé-Coll-Orgel von St. Bernhard

Geschichte

Orgel1 (c) Besten Dank an Luise Florin und Carsten Lambert - http://www.ancaluma.de
Orgel1
Datum:
Mi 16. Sep 2020
Von:
Michael Schwarz

Die kleine zweimanualige Orgel des berühmten französischen Orgelbauers Aristide
Cavaillé-Coll (1811-1899) gilt in der überaus mannigfaltigen Orgellandschaft
Deutschlands als eine absolute Rarität, ist sie doch das bislang einzige
Originalinstrument Cavaillé-Colls auf deutschem Boden. Zunächst verwundert dies
sehr, da über 600 Orgeln des renommierten Orgelbauunternehmens Cavaillé-Coll
mit Sitz in Paris im 20. Jahrhundert in der ganzen Welt verstreut zu finden sind. Die Retrospektive auf die Geschichte Deutschlands erklärt diesen Umstand aber. Aufgrund der sehr angespannten politischen Beziehungen und der immer wieder
aufkommenden kriegerischen Auseinandersetzungen der beiden europäischen Großmächte Frankreich und Deutschland entschied Aristide Cavaillé-Coll, dass keine seiner Orgeln in deutschen Kirchen erklingen sollte.

In einem Verkaufskatalog des Hauses A. Cavaillé-Coll konnten kaufinteressierte Kunden zwischen verschiedenen Orgeltypen wählen. Diese waren, je nach Größe und Ausstattung des Instruments, dementsprechend unterschiedlich ausgepreist. Das Angebot von einer kleinen einmanualigen bis hin zu einer großen dreimanualigen Orgel war groß, und so fand sich für jeden Geldbeutel ein
passendes Instrument. Cavaillé-Coll lieferte in Kirchengemeinden, aber auch in große Konzerthäuser auf der ganzen Welt. So ist dem Katalog zu entnehmen, dass Orgeln nach A wie Amerika bis V wie Venezuela verschickt wurden.


Die Ursprünge der Orgel von St. Bernhard gehen, was den klingenden Teil des Instruments betrifft, auf die Jahre 1876 bis 1877 zurück. Umbauten am Instrument wurden bis ca. 1890/1892 vorgenommen. Das Orgelgehäuse besteht aus massiver Eiche und wurde einer ca. 250 Jahre alten „ausgedienten“ Orgel entnommen. Diese Vorgehensweise war für Cavaillé-Coll bei der Fertigung seiner Orgeln durchaus üblich. Zunächst für die Pfarrgemeinde Saint Ferdinand et Sainte Thérèse
de l’enfant de Jésu bestimmt, kehrte die Orgel in die Werkstatt Cavaillé-Colls als Ausstellungs-instrument zurück. Hier wurde sie u.a. zu Tests neuester und innovativer Technik im Orgelbau verwendet. Den zahlreichen Interessenten konnte dies direkt vor Ort praktisch vorgeführt werden. So erwarb im Jahre 1912 die Tochter des elsässischen Metallfabrikanten Jakob Holtzer, Cécile Comte (1869-1950), die Orgel vom unmittelbaren Nachfolger Cavaillé-Colls, Charles Mutin. Im
Pariser Stadtpalais, dem Anwesen der Familie Comte, stand das Instrument bis 1951 und wurde dann dem Oratoire de Louvre, der größten lutherischen Kirche von Paris, überlassen. Gut 20 Jahre später gelangte die Orgel im Jahr 1971 dann nach Suresnes, einem kleinen Ort vor Paris. In der protestantischen Kirche erklangen die Orgelpfeifen bis 1997. Leider ging die Zeit an der Orgel, die über ca.120 Jahre im Wesentlichen unverändert blieb, nicht ganz spurlos vorüber. Teile der
Mechanik und Windversorgung waren in einem äußerst desolaten Zustand. Kleinere "Reparaturen“ an dem Instrument, die in Eigenregie mehr oder minder unsachgemäß durchgeführt wurden, trugen letztendlich dazu bei, dass die Orgel am Ende nicht mehr bespielbar war und, in großen Teilen zerlegt, auf der Empore der Kirche lag. Da die Kosten für eine umfangreiche und professionelle Restauration das Budget der kleinen Gemeinde bei weitem überstiegen, wurden mit Hilfe des Orgelbauers François Delangue und des Pariser Titularorganisten Frédéric Denis erste Kontakte zur Pfarrgemeinde St. Bernhard und dem Eigentümer Patrice Comte, dem Urenkel Cécile Comtes, geknüpft. Die Verhandlungen beider
Parteien waren erfolgreich und so erwarb die Bretzenheimer Pfarrgemeinde das Instrument. Für die gründliche Überholung und Wiederherstellung des Instruments zeichnete die Orgelbaufirma Claude Berger (Clermont d’Herault/Montpellier) verantwortlich. Im 100. Todesjahr von A. Cavaillé-Coll weihte Generalvikar Prälat Dr. Werner Guballa (+) die Orgel in einem Festgottesdienst am 17. Dezember 1999. In den darauffolgenden Jahren fanden regelmäßig Orgelkonzerte mit namhaften Interpreten, wie z.B. Daniel Roth (Paris), Luca Scandali (Perugia), Andrew Canning (Uppsala), Carolyn Shuster Fournier (Columbia), Albert Schönberger (Weimar) u. a. in St. Bernhard statt.

Dank der jährlichen Wartung durch die Orgelbaufirma Goll (Luzern) versieht die Cavaillé-Coll-Orgel seit gut zwei Jahrzehnten zuverlässig ihren Dienst in der Liturgie der
Pfarrgemeinde St. Bernhard. Leider sind in letzter Zeit allerdings wieder gravierende Mängel in der Windlade und den Blasebälgen, welche die ausreichende Luftzufuhr unter
Einhaltung eines gleichbleibend austarierten Luftdrucks in die Orgelpfeifen regelt, aufgetreten. Die „Lunge“ des Instruments kränkelt. Auch diverse kleine „Gelenkschmerzen“ in der Mechanik sind zu beklagen. Damit dem „Patienten“ am Ende nicht die Luft ausgeht ist eine größere „Operation“ notwendig geworden. Für den Erhalt dieses „kleinen Juwels“ benötigen wir allerdings Ihre großzügige Spende. Mit dem Kauf des Booklets incl. der beiliegenden CD-Aufnahme von Barbara Ludewig (Querflöte) und Andreas Hoffmann (Orgel) unterstützen Sie nachhaltig ein bemerkenswertes Stück deutsch-französischer Geschichte. Begleitet von den Klängen der Orgel und den zarten Tönen der Querflöte, möchten wir Ihnen für Ihre Unterstützung mit dem Psalm 33, dessen Vertonung von Paschal de l’Estocart (?1539-1584) im auf der CD eingespielten Introitus anklingt, von Herzen danken.

Psalm 33
Réveillez vous chacun fidèle, Wacht auf ihr Gläubigen alle,
Menez en Dieu joye or endroit, freut euch des Herrn allerorten.
Louange et très séante et belle Für die Frommen ziemt es sich,
En la bouche de l’homme droit. das Lob Gottes im Munde zu führen.
Sur la douce harpe Lobet und preiset den Herrn
Pendue en escharpe, mit lieblichen Harfen,
Le Seigneur louez, die ihr umgehänget tragt,
De luts, d’espinettes, von Epinetten und Lauten begleitet,
Sainctes chansonnettes singt fromme Lieder
A son nom jouez. und rühmt seinen Namen.
Text: Andreas Hoffmann (Quelle: Prof. Peter Reifenberg)