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Kirche Maria Königin

Katholische Kirche von Drais
Datum:
Di. 1. Sept. 2026
Von:
Dr. Rainer Metzendorf

Die Anfänge

Eine Besonderheit der Katholischen Kirche in Mainz-Drais ist ihre bedeutsame und zugleich wechselvolle Geschichte. Um das Jahr 1000 stand hier die Eigenkirche eines fränkischen Adelshofes, der in karolingischen Zeiten Teile des Königswaldes, einem Bannforst der Ingelheimer Kaiserpfalz, verwaltete. Eine Kapelle über einem Quadrat mit einer Seitenlänge von 4,70 Meter und einem 5/8el Chorschluss. Seine Grundmauern wurde im Jahre 2000 teilweise freigelegt, gewertet und als spätfränkisches Bauwerk eingeordnet. Widerlegt sind damit Vermutungen, der Vorgängerbau der Draiser Kirche sei ein römischer Tempel gewesen.

Neubau durch die Hirzenacher Probstei

Klosterhof Hirzenach mit Kirche

Durch eine ottonische Schenkung kam das Anwesen 1149 in Besitz des Benediktinerklosters Hirzenach bei Boppard, das sowohl den Großen als auch den Kleinen Zehnten vor Ort bezog und somit die Kirche baulich zu unterhalten hatte. Das Draiser Klostergut lag an dem Höhenpfad, den Pilger auf den Weg nach Rom zur Abkürzung der Rheinbiegung bei Mainz und als Herberge nutzten. Zwischen 1580 und 1600 wurde die Kirche abgerissen und durch einen deutlich größeren Saalbau mit dreiseitigem Chor und einer Westempore ersetzt. Er liegt 1,50 Meter über dem historischen Niveau, um die bestehenden Gräber des ihn umgebenden Friedhofs unberührt zu lassen. Nach damals üblichen Gepflogenheiten wurden Altar bzw. Tabernakel über dem Heiligtum des Vorgängerbaus angelegt. Die Länge der Draiser Urkirche entspricht dabei exakt dem Abstand zwischen  Triumphbogen und Chorraum des Neubaus. Von der "Hirzenacher" Kirche sind zwei wichtige Bauteile erhalten. Zum einen der Scheitelstein am Westportal mit der Darstellung eines Schlüssels als neues Patrozinium (1548 war es noch Walpurga), zum anderen das Sakramenthäuschen in der östlichen Nordwand. Von der Innenausstattung existiert nur das an der Nordseite unter der Empore angebrachte "Pesttuch", aus dem Jahre 1632, das im Zusammenhang mit der verheerenden Epidemie zwischen 1632 und 1635 stehen dürfte. Auf einem Seidentuch ist mit Goldfäden ein Totenkopf mit gekreuzten Gebeinen gestickt. Die lateinische Unterschrift lautet: VIVIT POST FUNERA VIRTUS (es lebe nach dem Tode die Tugend).

Die Jesuitenkirche

Kirche der Jesuiten 1737

1670 erwarb Nicolaus Lutz, Rektor des Noviziats der Gesellschaft Jesu zu Mainz das Draiser Klostergut der Propstei Hirzenach samt Ländereien, um in den damaligen Notzeiten einen gesunden Zufluchtsort zu finden und als Selbstversorger unabhängig zu sein. Mit diesem Kauf übernahmen die Jesuiten auch die Seelsorge vor Ort, den Zehnt und die bauliche Unterhaltung der Kirche. 1737 erfolgte durch sie eine Grundsanierung der im 30-jährigen Krieg (1619-1648) und pfälzischen Erbfolgekrieg (1688-1697) baulich heruntergekommenen und verwahrlosten Kirche. Der einsturzgefährdete Dachstuhl und seine Turmhaube wurden ersetzt und die mittlerweile verpönten, spitzbogig spätgotischen Fenstergewände gegen zeitgemäße Rundbögen des Barocks ausgewechselt. (Bild 3) Im Osten erfolgte ein kleiner, quadratischer Anbau als Sakristei. Darüber hinaus kümmerten sich die Jesuiten um den inneren Ausbau und stifteten in zeitlichen Abständen einen prachtvollen Taufstein, die Kommunionbank, den Hauptaltar, zwei Seitenaltäre und die Orgel. Die originale Innenausstattung samt Kanzel ging verloren, als die Kirche während der Französischen Revolution geplündert, das Inventar verheizt und 1794 sogar als Stall missbraucht wurde.

Spätgotische Pieta

Pieta 1670

Lediglich der barocke Taufstein aus dem Jahre 1739 blieb wegen seines nicht brennbares Materials unversehrt. Erhalten ist auch die spätgotische, in Ton gebrannte Pieta (1670), ein Geschenk der Jesuiten zu ihrem Einstand in Drais.  Beherzte Bürger hatten sie seinerzeit vor der Zerstörung gerettet. Heute ziert sie das Seitenschiff der Kirche.

Filiale von Finthen

Innenaufnahme vor 1925

Nach Auflösung des Jesuitenordens (1773) und der folgenden Säkularisation wurde die Draiser Pfarrei von 1797 bis 1952 eine Filiale von Finthen. Zur symbolischen und rechtlichen Beendigung der mittelalterlichen Pfarrei Drais wurde ihr Taufstein nach Finthen beordert, wo er bis heute in der Kirche St. Martin aufgestellt ist. In der Amtszeit des umtriebigen Finther Pfarrers Anton Paul Autsch (1837-1863) erfolgten mehrere Umbauten. Die Hauptfassade mit dem stilistisch in die Jahre gekommenen, barocken Krüppelwalm bereinigte man im Stil des aufkommenden Klassizismus, indem der spitzhelmige Dachreiter 1845 nach Westen verschoben und in den neuen Giebel zur Straße eingebunden wurde. Die nun turmbekrönte Front setzt sich im Straßenbild kraftvoll in Szene und bildet seitdem ein Wahrzeichen von Drais. Den nach den Plünderungen im ausgehenden 18. Jahrhundert ausgeraubten Innenraum füllte Pfarrer Autsch mit zahlreichen Kostbarkeiten, die er auf dem Kunstmarkt erwarb oder aus den Deponien aufgelöster Klöster erhielt. Raumbeherrschender Mittelpunkt des Kirchenschiffes ist der barocke, dreigeschossige Hochaltar (um 1730), ein 1844 erworbener, ehemaliger Seitenaltar von St. Quintin in Mainz. In seinem Mittelteil ist die als farbiges Holzrelief mit der symbolischen Zahl von sieben Engeln begleitete Himmelfahrt Mariens und im Oberteil als Ölbild ihre Krönung durch die Heilige Dreifaltigkeit dargestellt. Als wohl einmalige Kuriosität kommt hier der Heilige Geist in der Gestalt einer Taube gleich zweimal vor - das Ergebnis einer in den 1950er Jahren begonnen, dann aber abgebrochenen Freilegung eines früheren, übermalten Bildes. 

Neue Orgel

Empore mit Orgel

Im Jahre 1874 erhielt die Draiser Kirche eine neue, dreiteilige Orgel.  Sie ist ein Meisterwerk von Johann Schlaad (1822-1892), die viert älteste, weitgehend original erhaltene Orgel von Mainz, und wird heute noch gespielt. Eine Besonderheit ist, dass der Organist an der Seite des Instrumentes sitzt und dadurch von der Empore aus im direkten Blickkontakt zur Gemeinde und zum Priester steht.

Neuplanung und Erweiterung

Entwurf 1915

Anfang des 20. Jahrhunderts dachte man an einen Abriss der zu klein gewordenen Dorfkirche und den Bau eines deutlich größeren Gotteshauses. Überliefert ist ein Entwurf von Dombaumeister Prof. Ludwig Becker (1855-1940) aus dem Jahre 1914. Sein Vorschlag im modischen Jugendstil fand wohl wenig Gegenliebe, denn ein Jahr später erfolgte die Ausschreibung eines Planungswettbewerbes, bei dem der Kölner Architekt Fritz Kunst den Vorzug erhielt.  Sein Vorschlag mit neobarocken Zügen entsprach eher den Erwartungen an eine stolze, selbstbewusste Dorfkirche. Mittlerweile tobte der I. Weltkrieg und das ehrgeizige Projekt musste verschoben werden. Nach Inflation und Wirtschaftskrise plante der Draiser Architekt Josef Seng auf einem Grundstück Am Stumpf einen Neubau samt Pfarr- und Gemeindehaus in einem modernen, doch zeitlosen Stil. Als preisgünstigere Alternative dazu entschied sich die Draiser Gemeinde für eine behutsame Erweiterung des Bestandes. Durch Architekt Ferdinand Rehm erfolgte 1934 der südliche Anbau des Seitenschiffes, der die Anzahl der Sitzplätze um ein Drittel vergrößerte und dadurch den zweiten Eingang erforderte.  Geschickt wurde der Charakter des Bestandes aufgenommen und Haupt- und Seitenschiff durch drei mit einem Korbbogen geschlossenen Arkaden verbunden. Mit der baulichen Erweiterung ergab sich ein günstigerer Zugang von der Sakristei zum Chorraum. Bisher musste der Hauptaltar frei vor der Wand stehen, damit der Priester durch die direkt dahinter liegende Türe den Kirchenraum betreten konnte. Durch die nun seitlich liegende Zugangstüre rückte der Altar an die Wand und die Vorfläche vergrößerte sich. Wegen der Sichtverbindungen vom Seitenschiff auf den Hauptaltar musste der Triumphbogen zwischen Chorraum und Saal entfernt werden.

Die Pfarrkirche ab 1952

Innenraum 2025

Im Jahre 1952 wurde Drais wieder eine eigene, selbständige Pfarrei. Pfarrer Wilhelm Rettig (1953-1975) ließ den Innenraum der Kirche 1955 radikal umgestalten. Die Kanzel an der Nordwand wurde entfernt, die zahlreichen, den Kirchenraum schmückenden Plastiken  landeten in den kirchlichen Lagerstätten Arnsheim bei Alzey sowie Sprendlingen bei Bad Kreuznach oder auf dem Kunstmarkt und die bunten, teils figürlichen Fenster durch eine einheitliche Verglasung mit farblosen, neutralen Rautenmustern ersetzt. Ebenso entfernt wurde die Kommunionbank, ein mit Symbolen verziertes Holzschnittkunstwerk von dem Draiser Schreiner Weber aus dem Jahre 1935. Eine Befreiung vom schwülstigen Barock, sagten die einen, eine Rücksichtslosigkeit gegenüber überkommener Baukultur, meinten die anderen. 1974 erfolgte der Wechsel des Patroziniums von "St. Petrus in vinculis" in "Maria Königin" und später mit zwei um 1740 entstandenen Plastiken demonstriert: Linkerhand die jetzige Kirchenpatronin "Maria Königin" als bekrönte Madonna mit dem Kind im Arm auf einer Schlange stehend und rechterhand, der ehemalige, "entthronte" Kirchenpatron "Petrus" mit dem Schlüssel einträchtig gegenüber. 

Im Zuge der Liturgiereform erhielt der Chorbereich in den Jahren 1964/65 mit der Aufstellung eines schlichten Zelebrationsaltares eine grundlegende Neugestaltung. Um den dafür erforderlichen Platz zu gewinnen, verkürzte man den Hauptaltar samt davor liegendem Podest auf das Nötigste. 

1987, zur 250-Jahr-Feier der Kirche kam es unter Pfarrer Beheim (1987-1996) zu einigen Veränderungen. Der Taufstein wurde aus dem Chorraum in das Seitenschiff verlegt und die Figurengruppe der Vierzehn Nothelfer (um 1830) sowie das große Kruzifix (1862), einst Bestandteile der Draiser Votivkapelle "Maria-Hilf" am Ortsrand, erhielten an der Nordwand einen neuen Standort.