Schmuckband Kreuzgang

Bernhard Schlink: Olga

Auf-gelesen - Literarische Fundstücke (78)

Schlink Olga (c) Diogenes (Ersteller: Diogenes)
Schlink Olga
Datum:
Do. 22. März 2018
Von:
Marcel Schneider (Red.)
Schlink, Bernhard: Olga : Roman / Bernhard Schlink . - Zürich : Diogenes, 2018. - 320 S. - ISBN 978-3-257-07015-6, 24,00 €.

"Olga" - der Titel des neuen Romans von Bernhard Schlink umfasst eigentlich schon das ganze Programm des Buches. Eine Frau steht im Mittelpunkt der Erzählung, die in Ihrer Person die Schicksalswege des 20. Jahrhunderts vereint.

Olga wird Ende des 19. Jahrhunderts als Waisenkind bei ihrer Großmutter in Pommern groß. Sie bleibt dort eine Außenseiterin, bis sie sich mit Herbert und Viktoria, den Kindern des Gutsbesitzers anfreundet. Aus Herbert und Olga wird ein heimliches Paar, denn natürlich würde die nicht standesgemäße Verbindung auf Widerstände stoßen. Gegen alle Prognosen und dank ihres unerschütterlichen Ehrgeizes schafft es Olga, sich im Selbststudium das Wissen für die Aufnahmeprüfung im Lehrerseminar anzueignen und erfüllt sich ihren Traum, Lehrerin zu werden.

Herbert dagegen hält es nie lange an einem Ort. Erst meldet er sich zur Schutztruppe nach Deutsch-Südwest-Afrika, nach den Dienstjahren geht er immer wieder auf Reisen, bis er nach einem einjährigen Aufenthalt in Sibirien der Meinung ist, er sei gerüstet für eine Expedition in die Arktis. Von dort kehrt er nie zurück und Olga lebt das Leben einer unverheirateten Lehrerin in einem Dorf. Auffallend intensiv kümmert sie sich um Eik, den Sohn einer Freundin, aber als der sich als junger Mann der SS anschließt, wendet sie sich tief enttäuscht von ihm ab.

Während des zweiten Weltkrieges ertaubt Olga nach einer Erkrankung, muss den Schuldienst in ihrem Dorf quittieren und verdingt sich künftig als Näherin. Die Vertreibungen zu Kriegsende spülen Olga mit dem großen Flüchtlingsstrom nach Süddeutschland, wo sie weiterhin als Näherin ihr Brot verdient. Schließlich arbeitet sie nur noch für eine Familie, deren Sohn eine enkelartige Beziehung zu ihr pflegt und der bis an ihr Lebensende den Kontakt hält.

Soweit erzählt der erste Teil des Buches eher chronikartig Olgas Leben. Im zweiten Teil ändert sich die Perspektive, Ferdinand, der Wahl-Enkel unternimmt es als Ich-Erzähler, dem Leben Olgas auf die Spur zu kommen.

Anlass dafür ist der Brief einer Journalistin, die sich als Eiks Tochter bei ihm vorstellt und die mehr über das Leben Olgas erfahren möchte. Ferdinand macht sich auf die Suche nach den postlagernden Briefen, die Olga ihrem Herbert noch nach Norwegen geschickt hat, als der schon lange als verschollen galt. Bei einem Antiquar wird er tatsächlich fündig und ihm fällt für viel Geld ein Packen Briefe in die Hände.
Mit diesen Briefen setzt der dritte Teil des Romans ein, jetzt kommt Olga selbst zu Wort und manche offene Frage über Olgas Leben und ihr Sterben bekommt eine Antwort.

Alles in allem ein eher unscheinbares Leben, das uns Schlink da präsentiert. Spannung wird vor allem durch die Perspektivwechsel aufgebaut, die immer neue Facetten in Olgas Lebensweg freilegen, bis schließlich die Briefe ihre eigenen Gefühle und Hoffnungen ins Spiel bringen und die Geschichte abrunden.

Beeindruckend führt Schlink vor Augen, wie sehr das Schicksal einer Frau vor noch nicht allzu langer Zeit von außen bestimmt war, ohne dass es für sie wirklich eine Wahl gab.

Olga konnte sich ihre Wohnsitze nicht aussuchen, meist sind es äußere Zwänge, die sie von Ort zu Ort treiben. Zäh hat sie dafür gekämpft, Lehrerin zu werden, aber bei einer Eheschließung wäre es mit dem Beruf vorbei. Den Mann ihrer Träume kann sie nicht heiraten, weil er die durch seine Familie gesetzten Standesgrenzen nicht durchbrechen will.

Und doch ist sie diejenige, die ihr Leben lebt, indem sie die wenigen Chancen beherzt ergreift und sich sonst in die Veränderungen fügt, die ihr das Schicksal beschert.

Dagegen stehen die Männer, die scheinbar jede Wahl treffen könnten, aber wie Olga sagt "immer zu groß denken" und damit schuldig werden.

Warum aber geht Schlink mit seinem neuen Roman erneut so weit in die Vergangenheit zurück? Weil er, wie er in einem Interview sagte, der Meinung ist, dass wir nur erfahren können, wer wir sind, wenn wir wissen, wo wir herkommen. Und dieser immer wieder notwendigen Vergewisserung fügt er einen lesenswerten Mosaikstein hinzu.



Katharina Dörnemann