Was verbirgt sich hinter „Keyserlings Geheimnis"?
Eduard Graf von Keyserling war ein baltischer Graf, der 1855 in Tels-Paddern in Kurland, im heutigen Lettland geboren wurde. Er verfasste Romane, die noch heute gern gelesen werden. Sein Werk „Wellen" (1911) ist das bekannteste, ein Zeitgemälde des „Fin de Siècle".
Klaus Modick nimmt uns in seinem teilweise fiktiven Künstlerroman mit in die Zeit um 1901 nach Bernried am Starnberger See.
Eingeladen von seinem Freund Max Halbe und Frau verbringt er dort mit Lovis Corinth und dessen Partnerin Charlotte Berend den Sommer. Hier lässt er sich auch überreden, dem Maler Corinth Modell zu sitzen. Das Gemälde hängt heute in Münchens Neuer Pinakothek. Es zeigt den 46-jährigen, bereits von Syphilis gezeichneten Keyserling im Porträt.
Mit Frank Wedekind, der auch zum Schwabinger Freundeskreis gehört, besucht er ein Konzert und begegnet der Sängerin „Roxane von Rönne". Der Name sagt ihm nichts, aber die Person ist ihm dermaßen vertraut und er fragt sich, ob sie nicht die Frau ist, die ihn damals vor zwanzig Jahren in einen Skandal verwickelte und zur Flucht zwang.
In zarten melancholischen Rückblenden erfährt der Leser in kleinen Puzzleteilen immer mehr über das Leben von Keyserling vor 1901.
Keyserling wurde als zehntes von zwölf Kindern geboren. Nach dem Abitur studierte er in Dorpat (heute: Tartu in Estland) Rechtswissenschaft ohne Abschluss, da er 1877 von der Universität verwiesen wurde. Er floh nach Wien und studierte Philosophie und Kunstgeschichte. Zeitlebens unverheiratet lebte er zuletzt ab ca. 1900 bis zu seinem Tod 1918 mit zwei seiner Schwestern zusammen, die ihm den Haushalt führten. Der am Ende erblindete, von der Krankheit gezeichnete Keyserling diktierte seinen Schwestern die letzten Romane. Der größte Teil seines Nachlasses wurde auf eigenen Wunsch hin vernichtet.
Was geschah damals in Dorpat? Warum musste Keyserling seinerzeit die studentische Verbindung „Curonia" verlassen? Wieso brachte er Schande über seine Familie?
Klaus Modick hat sich ein Bild aus den unterschiedlichen Texten (Tagebücher, Erinnerungen) von Weggefährten, Freunde und Bekannte gemacht. Hinzu kamen die Fakten der Biografie Keyserlings sowie seine Werke, die teilweise auch autobiografisch zu verstehen sind.
Geschickt verbindet Modick die Ereignisse, die Keyserling zur Flucht aus seiner Heimat über Wien zur Boheme der Münchner Gesellschaft führten.
Heraus kam eine atmosphärisch bildgewaltige Geschichte über Liebe, Leidenschaft, Betrug und Verrat.
Es ist eine wunderbare Hommage zum 100. Todestag von Keyserling.
Ihre Ursula Bittel