Muttertag

Ritualisierte Dank-Feiern (c) pixabay
Ritualisierte Dank-Feiern
So 10. Mai 2020
Pfarrer Matthias Schmid

Es ist schon ein Kreuz. Die Pandemie bringt hervor, was keiner je für möglich hielt. Da sitzen die Mütter und Großmütter und keiner besucht sie. Am Sonntag ist Muttertag. Keine echten Blumensträuße und Kuchen, keine leibhaftigen Küsse und auch live keine sonstigen Zuneigungserweise. Zumindest nicht legal, denn noch gilt die Kontaktsperre. 
Aber seien wir ehrlich zueinander. Die Muttertagsrituale, waren sie nicht ein wenig verblaßt seit den letzten Umrundungen der Erde um die Sonne? Mutter sein ist ein großes Ideal. Hieß es immer. Viele Mütter, die jetzt nicht besucht werden, nun, ich weiß nicht so recht, ob sie wirklich wegen Muttertag weinend, alleine zuhause sitzen.

Ritualisierte Dank-Feiern

Alle wissen es. Mutter sein war und ist eine Last, eine Aufgabe und vor allem ein wichtiges Familienmitglied. Die individuelle Person selbst war von dem Nimbus der archetypischen Gebärerin ganz überformt. Ein asexuelles, bedürfnisloses und halb jenseitiges Wesen, das durch göttliche Fügung die Genehmigung hat alle Bitten zu erhören und erfüllen muß.

In meiner Erinnerung überwiegt dazu allerdings die äußerst kritische Haltung der Betroffenen selbst. Meine Mutter, aber auch meine Oma Anni, verzogen keine Miene an diesem Tag. Vater freute sich am meisten über die schönen Rosen, die er meiner Mutter schenkte. Wir Kinder standen dabei und umarmten sie. Mutter nahm die Blumen ungerührt entgegen und ging dann, wie üblich am Sonntag, in die Küche. Mich hat das immer etwas merkwürdig, fast schmerzhaft berührt. Später, als ich älter war, ist mir bewußt geworden, warum der Muttertag so unfeierlich war. Meine Mutter selbst sagte es mir, einmal im Jahr ein Danke und sonst nur Forderungen und Erwartungen erfüllen, darauf verzichte sie. Sie fühle sich nicht wie ein Mensch, sondern sei nur für andere da. Klare und auch harte, verbitterte Worte. Was ist geworden, dass die Frauen sich so "geknechtet" (Ausdruck meiner Mutter) fühlen und auch wurden?

Keine Krise ohne Chance?

Haben wir da was übersehen? In einer Krise wie der unseren gehen uns die Dinge wie von selbst auf den Grund. Die erwerbsarbeitenden Mütter und emanzipierten Frauen von heute mahnen und nerven zu recht: Homeoffice bedeutet in Wahrheit Home, statt Office. Die alten Fallen funktionieren noch. Oder ist das alles eine Frage der Perspektive? Mütter von heute sind viel eher bereit die gesellschaftlichen Konventionen und Selbstbilder kritisch zu befragen. Aber am Schluß stehen sie mit zwei Beinen in Beruf mit Kind und Haushalt. Ok, viele Väter und Männer denken um und leiden ebenso am Dilemma das moderne Leben zu organisieren. Verblüfft sehen wir: Da sind die Familien nun zusammen und es sollte so schön sein, so viel Zeit und Gemeinsamkeit. Doch die Belastungen werden zu groß. So viel Zusammensein hält keiner aus. Keine Krise ohne Chance. Viele sehen sich genervt an und fragen, wer sich diesen blöden Spruch ausgedacht hat. 

Mutterbilder hinterfragen

Andererseits, es ist mit dem Pandemiemuttertag ja Distanz verbunden. Da sollten ehrliche Worte und Anerkennung ihren Platz finden dürfen. Keine Höflichkeiten und Küsse aus Anstand. Aus Abstand wird ein Schuh daraus. Vielleicht. Die Gesichter der Mütter und Großmütter sind in Wahrheit nicht auf den Bildschirmen zu sehen, ohne dass wir uns eingestehen müssen, dass es unsere Bilder sind, die wir uns von ihnen machen. Der Muttertag ist in diesem Jahr kein Tag der "Plingpling Gedönserei". Vielleicht ja ein Tag der Wahrhaftigkeit und der Sehnsucht. Wann kann ich die Mutter wirklich wieder in den Arm nehmen? Wie nehme ich sie in den Arm und spüre endlich den Verlust. Einen Verlust den ich mir und ihr zugemutet habe als ich sagte, Mutter und dabei vergaß, dass diese Person eben nicht mein ist. Das es nicht das ist, was sie meint, wenn sie sagt, ich bin deine Mutter. Sie gehört zuerst sich und bleibt sie. Gehören tut sie sich. Ist verantwortlich ihrer Person und Würde als Mensch und Frau. Und so, gerade auch, die Väter. Wenn es eine Redlichkeit dieses Tages in der Pandemiekrise gibt, ja vielleicht tatsächlich den: stellen wir uns unsern Verwirrungen und Unübersichtlichkeiten des Mutterseins und Vaterseins. Das ist der erste Schritt. Alles weitere ergibt sich dann. Hoffentlich.

In der Krise liegt eine Chance, denn die Dinge führen uns wie von selbst, oh ja, schmerzhaft auf den Grund. Apropos, ich glaube es ist Gottes Grund, von daher geht nichts verloren. Denke und bete ich.

Pfarrer Matthias Schmid (c) Pfarrer Matthias Schmid

Pfarrer Matthias Schmid

Klinikseelsorger

Pfarrer Matthias Schmid ist Klinikseelsorger am Universitätsklinikum am Standort Gießen und war in den Jahren von 2011 bis 2018 Pfarrer der St. Thomas Morus Gemeinde Gießen.