Neubegründung und Weiterentwicklung

Predigt zum Dreifaltigkeitssonntag, den 7. Juni 2020

La Trinitá von Masaccio in der Kirche Santa Maria Novella Florenz (1428) (c) gemeinfrei
La Trinitá von Masaccio in der Kirche Santa Maria Novella Florenz (1428)
So 7. Jun 2020
Thomas Ransbach

Anlässlich des Hochfests der Dreifaltigkeit hat Seminarist Thomas Ransbach seine Gedanken zu Johannes Kapitel 3, Vers 16-18 in seiner Predigt zur Wortgottesfeier am heutigen Sonntag formuliert, die hier zur Niederschrift und Veröffentlichung bekanntgemacht werden.

Der Missionsauftrag Jesu an seine Jünger

Liebe Mitchristen,

mit Trinitatis, dem Fest der Verehrung der heiligen Dreifaltigkeit oder Dreieinigkeit, früher auch goldener Sonntag oder Frommtag genannt, beginnt am Sonntag nach Pfingsten die ruhigere zweite Hälfte des Kirchenjahres – ohne große Feste mit heilsgeschichtlichen Anlässen wie Weihnachten, Ostern oder Pfingsten. Es gehört zur Gruppe der sog. Ideenfeste und gründet erkennbar in seinem theologischen Anliegen, dem Missionsauftrag Jesu an seine Jünger, wie ich Euch zeigen will.

Um die erste Jahrtausendwende bei den Benediktinerklöstern in Frankreich entstanden und 1334 durch Papst Johannes XXII. in den römischen Kalender eingeführt, ist der heutige Termin seit dem 18. Jahrhundert in der katholischen Kirche gebräuchlich als Glaubensbekenntnis des dreieinigen Gottes, der sich nach den biblischen Erzählungen den Menschen geoffenbart hat im Schöpfungswerk des Vaters, dem Versöhnungswerk des Sohnes und dem Vollendungswerk des heiligen Geistes.

In den orthodoxen Kirchen gilt hingegen das Pfingstfest selbst als Fest der Dreifaltigkeit. Der Sonntag nach Pfingsten wird dort als Allerheiligen-Fest begangen.       

"Aus freien Willen können wir uns für Jesu Lehren entscheiden - oder nicht"

Im Kapitel 3 seines Evangeliums beschreibt Johannes im Kern das Ziel der Sendung Jesu: Die Menschen sollen nicht gerichtet werden, wie wir es kennen aus manchen Episoden des alten Testamentes oder der jüdischen Tora, sondern durch seine Präsenz in der Welt eine Neubegründung und Weiterentwicklung ihrer Existenz erfahren. Im nächtlichen Gespräch mit dem schriftgelehrten Ratsmitglied  Nikodemus sagt Jesus zu ihm, der Mensch muß neu geboren werden aus Wasser – Quell und Symbol des Lebens - und Geist, damit er das Reich Gottes sieht und das „ewige Leben“, also ein Leben im Lichte und bei Gott hat. Dies garantiert er jedem, der an ihn glaubt und seine Sendung versteht.

In 3.21 sagt Johannes dazu: „Wer aber die Wahrheit tut, kommt zum Licht, damit offenbar wird, daß seine Taten in Gott vollbracht sind“.

Den inhaltlichen Gegensatz hierzu bilden die Textstellen in 3.19: „Das Licht kam in die Welt, und die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht, denn ihre Taten waren böse“ – und 3.20: “Jeder, der Böses tut, haßt das Licht  und kommt nicht zum Licht, damit seine Taten nicht aufgedeckt werden."

Damit aber wird klar, daß wir Menschen uns aus Verständnis und freiem Willen für Jesu Lehren, seine Macht über den Tod im Ostergeschehen und das Licht der Wahrheit entscheiden können - oder nicht. Es ist eine kraftvolle Heilsgeschichte voller Liebe zu uns Menschen. Für die Entfaltung unseres Lebens, unserer inneren und äußeren Welt macht das einen großen, ganz realen Unterschied in allen Qualitäten.         

Lebensfeindlicher Dogmatismus

Wahrheit ist heute, wie zu allen Zeiten, dynamisch-evolutiv – und nicht statisch – und doch zutreffende Wirklichkeit – und wiederum immer ein Kind ihrer jeweiligen Zeit. Ewige, absolute Wahrheiten sind mit Blick auf zwei Jahrtausende Geschichte und Kirchengeschichte seit Jesus von Nazareth stets suspekt, lebensfeindlich und oft lebensgefährlich.   

Position beziehen!

Wahrheit ist seit dem Einsetzen der Aufklärung in Europa vor rund 240 Jahren nicht länger vom Glauben und seinen dogmatischen Postulaten bestimmt, sondern vom menschlichen Forschergeist, vom Fragen, Prüfen, Messen, Rechnen, Vergleichen und systematischen Validieren, von der verantwortungsvollen Debatte in der Demokratie, vom Argument, vom Zuhören, von Logik.

Niemand hält da alleine die Wahrheit in der Hand, aber die öffentliche Debatte von und mit den Forschern und Naturwissenschaftlern unserer Zeit bringt uns nah an die Wahrheit der Welt und weg von Sektierern, populistischen Schreihälsen und irren Verschwörungstheoretikern, die in allen Ländern ähnlich ihre Wahnideen verbreiten und Tatsachen leugnen.

Sie sind nicht von Geist oder Liebe gelenkt, sondern ausschließlich von archaichem, unreflektiertem Haß.

Sie haben nicht das Leben auf der Erde im Blick, daß es nach Gottes 10 Geboten und ebenso dem deutschen Grundgesetz entschlossen und tatkräftig zu schützen und zu bewahren gilt, sondern einzig den stets schnell ausfindig gemachten äußeren und schuldigen Feind und seine Komplizen.

Sich selbst sehen sie stets in der unschuldigen Opferrolle und fühlen sich paranoid von fremden Mächten oder Kräften überwacht.

Ihre Lügen, allzu einfachen Antworten und Verzerrungen der Wirklichkeit gefährden öffentlich engagierte Menschen wie Wissenschaftler und Politiker und deren Familien. Vielfach wird auch die Presse mißbraucht durch nicht belegte und seriös überprüfte Behauptungen, so daß das Vertrauen in sie zunehmend zurückgeht, was den Verschwörungsgläubigen Zulauf verschafft.

Hier müssen wir uns klar abgrenzen und als Christen Position beziehen für seriöse Fakten!      

Unbequeme Wahrheit

„Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“, schreibt die Schriftstellerin Ingeborg Bachmann. Mit dem Wort „Zumutbar“ beschreibt sie die Herausforderung und Kompliziertheit, die komplexe Pluralität, oft auch den Schmerz und die Unbequemlichkeit der Wahrheit. Jesus Christus und seine Apostel haben das bis zur Neige erfahren!

Wahrheit heute, das bedeutet, zu akzeptieren, daß das Corona-Virus in unserer Gegenwart gefährlich ist, bösartiges Potenzial besitzt, Menschen töten und langzeitschädigen kann an Lungen-und/oder Hirngewebe. Es tritt uns als weltweite Pandemie entgegen und hat unser Leben in den letzten Monaten stark beeinflußt und verändert – bis hin zu den strengen Hygiene-Regeln, denen auch diese Wortgottesfeier folgt. Auch diese sind der Ausdruck von Vernunft und dem Willen, das Leben auf der Erde und in unserem Land obsiegen zu lassen.

Die Wahrheit suchen ist der Kern der Wissenschaft – auch der medizinisch-virologischen Disziplin – und aller verantwortungsbewußt denkenden. handelnden und forschenden Menschen. Es ist sehr viel besser, in einem permanenten, öffentlichen Erkenntnisprozeß mit all seinen Lücken, Schwächen und Fehlern nach den physischen Eigenschaften und dem biochemischen Lebenszyklus des Corona-Virus zu suchen, wie wir das seit März erleben, als darüber irgendetwas zu behaupten und das gewinnträchtig zu verbreiten.

Nur dieser öffentliche, vorsichtig tastende, aber doch zielstrebige Erkenntnisprozeß, der offen mit den gegebenen Schwierigkeiten umgeht, wird uns Allen zuletzt eine medizinische Lösung und Heilung bringen.

Der gemeinsame Nenner

Ein vergleichender Blick in die Ethnologie und Religionsgeschichte zeigt uns, daß es nicht nur im Christentum die Vorstellung einer Dreiheit gibt. Sie war sogar in der gesamten antiken Welt Europas und des Mittelmeerraumes verbreitet unter dem geflügelten Wort: „Drei ist göttlich“, entspricht also einem Archetypus des vorchristlichen, außerchristlichen wie christlichen kollektiven Bewußtseins, wie es von dem Arzt und Psychoanalytiker Carl Gustav Jung zwischen 1933-1955 beschrieben wurde.

Als kleinster Vielheit kommt der Dreizahl seit ältester Zeit eine große Bedeutung zu. Diese Zahl, die Anfang, Mitte und Ende einschließt, steht für Unendlichkeit, Vollkommenheit und allumfassende Einheit. Sie begegnet uns weltweit und überzeitlich in Religion und Göttlichkeit; in Recht und Volksbrauch; in Mythologie und Magie. Dreimal muß eine Anrufung erfolgen; dreimal muß ein Bann ausgesprochen werden; dreimal die Geister beschworen werden. Toi, toi, toi! Drei gute Gaben legt eine gute Fee in die Wiege und Glückskindern gibt sie drei Wünsche frei.

Der Trinitätsgedanke hat somit eine lange Geschichte und tiefe Wurzeln in zahlreichen Kulturen. Er lief über viele Kulturstufen bis in unsere zeitgenössische christliche Glaubenspraxis. Deshalb ist er jedoch nicht weniger wert in der Gegenwart, sondern heilsam und kostbar, da er der Bewußtseinstiefe vieler Menschen und Kulturen dieser Welt entstammt.

Wir Menschen haben seit dem März weltweit erlebt, was wir können, wenn wir nur wollen! Nun liegt es bei uns, unserem Geist und Willen, aus der Krise auch positive und heilsame Konsequenzen für die Zukunft von Erde und Mensch zu ziehen. Ich finde: Die Suche nach der Wahrheit und unser frei forschender Geist sind das wahre Kapital unserer Existenz als Homo sapiens.

Das Wort Gottes aber steht für Wahrheit, Frieden und Gerechtigkeit auf der Erde!
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen Allen eine gute Woche im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen!