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Aktueller Stand „Schwanen“ und Predigt

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Datum:
Di. 8. Sept. 2026

LAMPERTHEIM - Die plötzliche Sperrung des historischen Gasthauses „Schwanen“ am Europaplatz aufgrund akuter Einsturzgefahr letzte Woche hat viele Menschen in Lampertheim und unser Pfarrei tief getroffen. Nach Vorlage des detaillierten Statikgutachtens und intensiven Beratungen steht nun fest, wie die wir als Pfarrei mit der sehr schwierigen Situation umgehen müssen: Das Gebäude soll verkauft und mindestens teilweise abgerissen werden.

Die Entscheidung zur sofortigen Sperrung am vergangenen Montag fiel der Pfarreileitung und dem Verwaltungsrat nicht leicht, war jedoch nach dem Gutachten der Experten alternativlos. Bei der statischen Überprüfung wurden gravierende Mängel am Dachtragwerk sowie an den Giebel- und Traufwänden festgestellt. Diese sind auf unsachgemäße Sanierungen in der Vergangenheit zurückzuführen, die zu unkontrollierten Lastverlagerungen führten.

Da die Standsicherheit nicht mehr gewährleistet ist und bei Unwettern ein Kollabieren droht, hat die Sicherheit aller Bürgerinnen und Bürger sowie der Gruppen absolut vorrangige Priorität. Das Betreten des Gebäudes ist strengstens untersagt.

Bergung des Inventars und Ausweichquartiere

Der „Schwanen“ war nicht nur ein historisches Gebäude, sondern Heimat für viele kirchliche Gruppierungen, die Kulturszene und die Musikerinitiative Lampertheim (MIL). Zudem hat das Haus eine besondere geschichtliche Bedeutung: Pater Alfred Delp SJ, der Namensgeber unserer Pfarrei, wuchs hier auf.

Aktuell laufen die Planungen, wie das eingelagerte Equipment und Inventar der Gruppen und Vereine geordnet und sicher geborgen werden kann. Dies soll in enger Zusammenarbeit mit dem Statiker, der Stadt Lampertheim und auch unter Beteiligung des Technischen Hilfswerk (THW) unter strengen Sicherheitsvorkehrungen geschehen. Paralell laufen Gespräche und Überlegungen, wie die Gruppierungen unterkommen.

Verkauf und Zukunftsplanung

Nun hat sich die Pfarrei zum Verkauf des Grundstücks entschlossen, da die finanziellen Dimensionen den Rahmen der Pfarrei sprengen. Ebenso fehlen personelle Ressourcen, um ein solches Projekt gut zu begleiten.

Ein Antrag für den notwendigen Teil- bzw. Vollabriss (mindestens bis zur Decke des Erdgeschosses) ist bereits auf den Weg gebracht. Da die Stadt Lampertheim für das Grundstück am Europaplatz ein Vorkaufsrecht besitzt, befinden sich Pfarrer Christian Rauch und die Verwaltungsleitung Bettina Seibert im engen und konstruktiven Austausch mit der Stadtverwaltung und Bürgermeister Alexander Scholl.

Die Pfarrei bedankt sich herzlich bei allen Gemeindemitgliedern, betroffenen Vereinen und den Bürgerinnen und Bürgern für das entgegengebrachte Verständnis in dieser herausfordernden Zeit. Wir werden Sie über die weiteren Entwicklungen auf dem Laufenden halten.

Predigt von Pfarrer Rauch zum Pfarrfest in Bürstadt beschäftigt sich auch mit Gebäuden

Bauen wir gerade die Kirche zurück – oder bauen wir sie in Wahrheit neu um? Zwischen schmerzhaften Gebäudeabgaben und der lebendigen Gemeinschaft beim Gemeindefest lädt diese Predigt von Pfarrer Christian Rauch dazu ein, den Blick für das Wesentliche zu schärfen. Denn wo Menschen Verantwortung füreinander übernehmen, wird spürbar: Wir bauen nicht das Evangelium zurück, sondern investieren in die Zukunft unseres Glaubens.

Liebe Schwestern und Brüder,
liebe Gemeinde,

vergangene Woche wollte mir ein von mir sehr geschätzter Mensch ein Kompliment machen.

Er schaute mich an und sagte:

„Sie sind wirklich sehr erfolgreich im Rückbau der Kirche!“

Ich weiß, wie er es gemeint hat.

Und trotzdem:

In diesem Moment fühlte ich mich, als säße ich im falschen Zug.

In einem Zug, der in die falsche Richtung fährt.

Und während ich darin sitze, schaue ich aus dem Fenster und frage mich:

Wann kommt endlich der nächste Bahnhof, an dem ich aussteigen kann?

 

Denn der Hintergrund dieses vermeintlichen Kompliments ist durchaus ernst.

In den vergangenen Jahren bestand ein Teil meiner Verantwortung tatsächlich darin, Entscheidungen zu treffen, die ich mir für meinen Dienst in der Kirche nicht ausgesucht hätte.

Gemeindehäuser schließen, weil sie akut einsturzgefährdet sind.

Bauzäune vor Kirchenfassaden aufstellen lassen, weil Teile oder Fenster aus der Höhe herabzustürzen drohen.

Für aufgegebene Kirchengebäude nach neuen Nutzungsmöglichkeiten suchen.

Entscheiden, was wir überhaupt noch erhalten können.

Und gleichzeitig die Wut von Menschen aushalten, die mir sagen:

„Wie könnt ihr nur!“

Ich kann diese Wut sogar verstehen.

Denn an unseren Gebäuden hängen Erinnerungen.

Dort wurden Kinder getauft.
Dort haben Menschen geheiratet.
Dort wurde Abschied genommen.
Dort wurde gebetet, gefeiert, gestritten und gelacht.

Kirchen sind eben niemals nur Steine.

 

Aber zur Wahrheit gehört auch etwas anderes.

Wir tragen heute die Folgen von Entscheidungen – oder besser: von unterlassenen Entscheidungen – früherer Jahrzehnte.

Viele Gebäude wurden über Generationen hinweg intensiv genutzt, aber nicht entsprechend erhalten.

In Zeiten, in denen die Kirchen voll waren.

In Zeiten, in denen mehr Geld vorhanden war.

In Zeiten, in denen man Rücklagen hätte bilden und investieren können.

Das ist vielfach nicht geschehen.

Und heute fliegt uns dieser Sanierungsstau um die Ohren.

Ausgerechnet jetzt.

Jetzt, wo die Zahl der Gläubigen kleiner wird.

Jetzt, wo die finanziellen Spielräume enger werden.

Jetzt, wo wir kaum genügend Rücklagen für diejenigen Gebäude bilden können, die wir wirklich mit in die Zukunft nehmen wollen.

Das ist die Realität.

Und ich glaube, Kirche macht sich unglaubwürdig, wenn sie diese Realität schönredet.

 

Aber – und dieses Aber ist mir heute wichtig:

Ist Rückbau wirklich die ganze Geschichte?

Vielleicht sitze ich nämlich gar nicht im falschen Zug.

Vielleicht verändert sich nur gerade die Landschaft, durch die dieser Zug fährt.

Vielleicht müssen wir uns neu fragen:

Was wollen wir eigentlich unbedingt mitnehmen?

Und was macht Kirche wirklich aus?

 

Und genau deshalb finde ich es wunderbar, dass wir heute Gemeindefest feiern.

Denn schauen wir uns einmal um.

Gemeinde ist nicht zuerst ein Gebäude.

Gemeinde sind Menschen.

Menschen, die Tische tragen.

Menschen, die Kuchen backen.

Menschen, die Getränke ausschenken.

Menschen, die aufbauen und hinterher wieder aufräumen.

Menschen, die musizieren.

Menschen, die Kinder beschäftigen.

Menschen, die Gottesdienst vorbereiten.

Menschen, die jemanden ansprechen, der etwas verloren am Rand steht.

Menschen, die sagen:

Ich bin da.
Ich kann etwas.
Und das, was ich kann, bringe ich ein.

 

Und plötzlich sind wir mitten im heutigen Evangelium.

Jesus gibt seinen Jüngern dort etwas, das man fast als eine alte Gemeindeordnung bezeichnen könnte.

Wenn dein Bruder oder deine Schwester gegen dich sündigt, dann geh hin.

Sprich mit ihm.

Wenn das nicht gelingt, nimm einen oder zwei dazu.

Und wenn auch das nicht gelingt, dann trägt die Gemeinde Verantwortung.

Das klingt zunächst einmal ziemlich nüchtern.

Aber dahinter steckt ein großartiger Gedanke:

Gemeinde geht mich etwas an.

Jesus sagt nicht:

Wenn etwas schiefläuft, warte darauf, dass sich jemand von oben darum kümmert.

Er sagt auch nicht:

Beschwere dich bei den anderen darüber.

Sondern:

Geh hin.
Rede.
Übernimm Verantwortung.

Gemeinde ist keine Dienstleistung, die einige wenige für alle anderen erbringen.

Gemeinde entsteht dort, wo Menschen sagen:

Auch ich bin verantwortlich dafür, dass diese Gemeinschaft lebt.

Jeder und jede auf die eigene Weise.

 

Und vielleicht ist genau das das Gebot der Stunde.

Wenn wir nicht mehr überall in Gebäude investieren können,

dann müssen wir umso entschiedener in Menschen investieren.

In Gemeinschaft.

In Begegnung.

In Kinder und Jugendliche.

In Familien und Senioren.

In Musik und Liturgie.

In Menschen, die Verantwortung übernehmen.

In Ehrenamtliche.

In Orte und Gelegenheiten, an denen Menschen einander begegnen und erfahren:

Ich gehöre dazu. Ich werde gebraucht.

 

Und deshalb passt es für mich wunderbar, dass an diesem Wochenende auch das DRK in Bürstadt sein 100-jähriges Bestehen feiert.

Hundert Jahre!

Was hält eine solche Gemeinschaft hundert Jahre am Leben?

Nicht das Vereinsheim.

Nicht die Fahrzeuge.

Nicht die Ausrüstung.

So wichtig all das ist.

Am Leben gehalten wird sie von Menschen.

Von Menschen, die ihre Freizeit investieren.

Die sich ausbilden lassen.

Die nachts aufstehen.

Die bei Veranstaltungen Dienst tun.

Die helfen, wenn andere Hilfe brauchen.

Die Verantwortung übernehmen, obwohl sie dafür oft keinen Cent bekommen.

Kirche und Rotes Kreuz haben an dieser Stelle etwas gemeinsam:

Sie leben davon, dass Menschen nicht fragen:
„Was bekomme ich dafür?“
sondern:
„Wo werde ich gebraucht?“

 

Vielleicht müssen wir deshalb unsere Vorstellung von einer erfolgreichen Kirche verändern.

Vielleicht ist eine Kirche nicht erfolgreich, weil sie möglichst viele Gebäude besitzt.

Vielleicht ist sie erfolgreich, wenn Menschen in ihr Hoffnung finden.

Wenn Einsame Gemeinschaft finden.

Wenn Kinder erfahren, dass sie willkommen sind.

Wenn Alte nicht vergessen werden.

Wenn Menschen miteinander beten.

Wenn gestritten werden darf – aber anschließend wieder miteinander gesprochen wird.

Wenn Menschen füreinander Verantwortung übernehmen.

Wenn jemand fällt – und ein anderer reicht ihm die Hand.

 

Am Ende des heutigen Evangeliums sagt Jesus einen Satz, den wir vielleicht viel zu oft überhören:

„Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“

Jesus sagt nicht:

Wo zwei oder drei in einem perfekt sanierten Gebäude sitzen.

Er sagt nicht:

Wo die Finanzen stimmen.

Er sagt nicht:

Wo die Kirche genauso aussieht wie vor fünfzig Jahren.

Sondern:

Wo Menschen in meinem Namen zusammenkommen,
da bin ich.

Vielleicht ist das die Verheißung, die wir gerade brauchen.

 

Ja, wir werden Gebäude verlieren.

Ja, wir werden uns von Vertrautem verabschieden müssen.

Ja, manches wird wehtun.

Und manches davon dürfen wir auch betrauern.

Aber wir dürfen dabei eines nicht verwechseln:

Wir bauen Gebäude zurück.
Wir bauen nicht das Evangelium zurück.

Im Gegenteil.

Vielleicht ist gerade jetzt die Zeit, das Wesentliche wieder aufzubauen.

Beziehungen.

Gemeinschaft.

Verantwortung.

Glauben.

Hoffnung.

 

Und deshalb möchte ich heute nicht aus diesem Zug aussteigen.

Vielleicht müssen wir nur gemeinsam dafür sorgen, dass er in die richtige Richtung fährt.

Und dazu braucht es nicht nur den Pfarrer.

Nicht nur Hauptamtliche.

Nicht nur den Pfarrgemeinderat.

Es braucht uns alle.

Die einen können organisieren.

Andere können zuhören.

Andere können kochen.

Andere können beten.

Andere können Kinder begeistern.

Andere können reparieren.

Andere können Musik machen.

Und manche können vielleicht einfach einem Menschen sagen:

„Schön, dass du da bist.“

Auch das kann Kirche sein.

Vielleicht sogar eine ihrer wichtigsten Aufgaben.

 

Liebe Schwestern und Brüder,

heute beim Gemeindefest können wir etwas von der Kirche sehen, von der ich hoffe, dass sie Zukunft hat:

Eine Kirche, die nicht zuerst fragt:

Was besitzen wir noch?

Sondern:

Was können wir miteinander teilen?

Eine Kirche, die ihre Kraft nicht aus Mauern bezieht, sondern aus Menschen.

Eine Kirche, die weiß:

Manche Gebäude werden wir nicht retten können.

Aber Gemeinschaft können wir bauen.

Und solange Menschen bereit sind, einander anzusehen und zu sagen:

Ich bin da.
Du bist mir nicht gleichgültig.
Wir übernehmen miteinander Verantwortung.

solange glaube ich nicht an den Rückbau der Kirche.

Dann glaube ich an ihren Umbau.

Und ich vertraue auf die Zusage Jesu:

Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind,
da bin ich mitten unter ihnen.

Und wo Christus mitten unter uns ist,

da gibt es Zukunft.

Amen.