Predigt von letzten Sonntag
PFARREI - Auf Wunsch vieler Gemeindemitglieder veröffentlichen wir hier die Predigt von Pfarrer Christian Rauch vom vergangenen Sonntag. Anlässlich des Jubiläumsgottesdienst zum 40jährigen Bestehen des Chores Spirit nimmt die Predigt uns mit auf eine Reise über die unruhiger werdende See der heutigen Kirchenlandschaft. Sie stellt die entscheidenden Fragen für die Zukunft unserer Pfarrei: Welcher Ballast darf weichen, was ist wirklich unverzichtbar – und warum müssen wir gerade bei hohem Wellengang weiter von unserer Hoffnung singen? Eine ermutigende Zusage für den Weg unserer Pfarrei.
Wie lange singt der Chor an Bord eines Schiffes, das auf sehr stürmischer See unterwegs ist?
Wie lange singt der Chor?
Solange die Sonne scheint?
Solange das Meer ruhig ist?
Solange niemandem schlecht wird und alle entspannt an Deck sitzen?
Oder singt er auch dann noch, wenn die Wellen höher werden?
Liebe Schwestern und Brüder,
liebe Sängerinnen und Sänger von Spirit,
heute feiern wir euch. Wir feiern einen Chor, der mit seiner Musik, mit seiner Kreativität und mit seiner Lebendigkeit Hofheim und Bobstadt und weit darüber hinaus bereichert hat.
Und heute gehört Spirit zu einem größeren Schiff.
Auf diesem Schiff steht jetzt der Name: Pfarrei Alfred Delp.
Und wenn wir ehrlich sind: Dieses Schiff fährt nicht mehr über den Ententeich.
Die Zeiten haben sich geändert.
Lange Zeit waren wir kirchlich in einem ziemlich ruhigen Fahrwasser unterwegs. Jeder Ort hatte vieles für sich. Man hatte „seinen“ Pfarrer, seine Kirche, seine Räume, sein Pfarrheim, seine Gruppen, seine Gottesdienstzeiten, seine Gewohnheiten.
Man kannte die Abläufe.
Man kannte die Leute.
Man wusste, wo man hingehört.
Das hatte viel Gutes.
Und vieles davon ist uns lieb und kostbar geworden.
Aber inzwischen ist die See unruhiger geworden.
Wir haben weniger Personal.
Wir haben weniger finanzielle Möglichkeiten.
Wir werden Gebäude und Räume nicht einfach alle erhalten können.
Wir werden Gottesdienste anders organisieren müssen.
Wir werden manches gemeinsam tun müssen, was früher jeder Ort für sich getan hat.
Und wir werden uns von Dingen verabschieden müssen.
Das tut weh.
Denn was in einer nüchternen Tabelle vielleicht nur eine Zahl ist, ist für einen Menschen möglicherweise ein Stück Heimat.
Darum dürfen wir es uns auch nicht zu einfach machen.
Aber auf hoher See hilft es eben auch nicht, so zu tun, als wäre immer noch Ententeich.
Und ich vermute: Auf unserem neuen Schiff werden deshalb manche Passagiere irgendwann rufen:
„Halt! So haben wir uns das aber nicht vorgestellt!“
„Wir hatten eigentlich eine andere Reise gebucht!“
„Warum fahren wir denn ausgerechnet da entlang?“
„Früher war das Wasser doch viel ruhiger!“
„Können wir nicht einfach wieder zurück?“
Ich glaube, genau an dieser Stelle wird das heutige Evangelium plötzlich erstaunlich aktuell.
Denn einer ruft heute gewissermaßen auch: „Halt! So habe ich mir das nicht vorgestellt!“
Petrus.
Jesus beginnt seinen Jüngern zu erklären, welchen Weg er gehen wird.
Nach Jerusalem.
Es wird kein Triumphzug.
Jesus spricht vom Leiden.
Vom Kreuz.
Vom Tod.
Und Petrus sagt sinngemäß:
Nein, Jesus. Nicht mit uns. Nicht so. Das kann nicht dein Weg sein.
Petrus meint es sogar gut.
Er möchte Jesus bewahren.
Er hat eine Vorstellung davon, wie der Weg Jesu aussehen müsste.
Und dann bekommt Petrus von Jesus eine Antwort, die sitzt:
„Du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen.“
Das ist ein hartes Wort.
Aber vielleicht ist es gerade deshalb ein wichtiges Wort für uns als Kirche.
Denn auch wir wissen oft ziemlich genau, wie Gott seine Kirche erhalten sollte.
Am besten so, wie wir sie kennen.
Mit unseren Gebäuden.
Mit unseren Strukturen.
Mit unseren Gottesdienstzeiten.
Mit unseren Traditionen.
Mit unseren Zuständigkeiten.
Und vielleicht ist eine der schwierigsten geistlichen Übungen unserer Zeit die Frage:
Was ist eigentlich wirklich unverzichtbar?
Was muss auf diesem Schiff unbedingt mit?
Ist es dieses Gebäude?
Ist es jene Struktur?
Ist es die Gottesdienstzeit, die seit Jahrzehnten so ist?
Ist es mein Platz, meine Gruppe, mein Ort, meine Gewohnheit?
Oder gibt es etwas, das noch viel tiefer liegt?
Ich glaube:
Unverzichtbar ist Jesus Christus.
Unverzichtbar ist seine Botschaft.
Unverzichtbar ist das Evangelium.
Unverzichtbar ist eine Gemeinschaft von Menschen, die auch in schwierigen Zeiten darauf vertraut:
Gott ist da.
Und deshalb ist die entscheidende Frage für die Zukunft unserer Pfarrei nicht zuerst:
Wie viele Gebäude können wir uns noch leisten?
Nicht: Wie viele Pfarrheime können wir erhalten?
Nicht einmal: An welchem Ort wird in Zukunft zu welcher Uhrzeit Gottesdienst gefeiert?
Das sind wichtige Fragen. Natürlich. Wir müssen sie verantwortungsvoll beantworten.
Aber sie sind nicht die entscheidende Frage.
Die entscheidende Frage lautet:
Bringt dieses Schiff Menschen näher zu Jesus Christus?
Hilft unsere Pfarrei Menschen, aus dem Evangelium zu leben?
Finden Menschen bei uns Hoffnung?
Erleben Menschen Gemeinschaft?
'Entdecken Kinder und Jugendliche, Erwachsene und Alte bei uns einen Gott, der ihr Leben trägt?
Wenn das geschieht, dann sind wir auf Kurs.
Auch bei hohem Wellengang.
Und natürlich braucht ein Schiff eine Brücke.
Es braucht Menschen, die Verantwortung übernehmen. Menschen, die Entscheidungen treffen müssen – manchmal auch Entscheidungen, für die sie keinen Applaus bekommen.
Der leitende Pfarrer hat dabei nicht den Auftrag, einfach die Summe aller Wünsche zu erfüllen.
Er steht selbst in einem größeren Auftrag. Unser Bischof gibt unserer Pfarrei einen Rahmen und einen Kurs mit auf den Weg.
Aber auch die Brücke ist nicht Gott.
Auch ein Pfarrer nicht.
Auch ein Bischof nicht.
Der eigentliche Herr dieses Schiffes ist ein anderer:
Jesus Christus.
Deshalb müssen die Menschen auf der Brücke genauso hören wie die Menschen an Deck.
Wir alle müssen immer wieder fragen:
Herr, wohin willst du mit deiner Kirche?
Was müssen wir bewahren?
Was müssen wir loslassen?
Und wo müssen wir vielleicht sogar etwas wagen, was wir uns bisher überhaupt nicht vorstellen konnten?
Denn eines wäre auf einem Schiff ziemlich gefährlich:
Wenn während eines Sturmes alle nur noch nach hinten schauen.
Wir können dankbar zurückblicken.
Wir sollen unsere Geschichte nicht vergessen.
Aber wir können nicht rückwärts in die Zukunft fahren.
Und damit komme ich zurück zu euch, lieber Chor Spirit.
Wie lange singt ein Chor auf einem Schiff in stürmischer See?
Vielleicht lautet die Antwort: Gerade dann muss er singen.
Nicht, weil er den Sturm nicht ernst nimmt.
Nicht, um Probleme zu übertönen.
Sondern weil der Sturm nicht das letzte Wort hat.
Und vielleicht liegt darin etwas von eurem besonderen Auftrag für unsere neue Pfarrei.
Ihr könnt etwas zum Klingen bringen, was in keinem Haushaltsplan auftaucht.
Hoffnung.
Ihr könnt Menschen zusammenbringen, die vorher vielleicht nur auf ihren eigenen Ort geschaut haben.
Ihr könnt mit eurer Musik Grenzen überschreiten.
Ihr könnt Freude wecken.
Und ihr könnt uns daran erinnern, warum dieses Schiff überhaupt unterwegs ist.
Nicht, um möglichst viele Gebäude in den Hafen der Zukunft zu retten.
Nicht, um eine bestimmte kirchliche Vergangenheit zu konservieren.
Sondern weil Jesus Christus Menschen ruft.
Weil sein Evangelium auch heute Leben verändern kann.
Weil Menschen auch heute nach Hoffnung suchen.
Und weil Menschen auch heute erfahren sollen:
Du bist von Gott gewollt.
Du bist von Gott geliebt.
Dein Leben hat eine Hoffnung, die größer ist als das, was du gerade sehen kannst.
Liebe Sängerinnen und Sänger von Spirit,
dafür braucht es euch.
Und dafür braucht es uns alle.
Die Mannschaft auf der Brücke, die verantwortlich Kurs hält und selbst immer wieder auf Christus hören muss.
Die Menschen an Bord, die bereit sind, Vertrautes auch einmal loszulassen und Neues zu wagen.
Und Menschen wie euch, die dafür sorgen, dass auf diesem Schiff nicht nur über Strukturen, Finanzen und Gebäude gesprochen wird – sondern dass auf diesem Schiff auch gesungen wird.
Von Gott.
Vom Leben.
Von der Hoffnung.
Denn niemand von uns weiß heute genau, wie unsere Pfarrei Alfred Delp in zehn oder zwanzig Jahren aussehen wird.
Aber wir wissen, woran wir uns festhalten können.
Nicht am Geländer unserer Gewohnheiten.
Nicht an unseren Gebäuden.
Nicht an unseren Vorstellungen davon, wie Kirche unbedingt sein müsste.
Wir halten uns fest an Jesus Christus.
Und vielleicht werden wir dann eines Tages zurückschauen und feststellen:
Manche Welle, vor der wir Angst hatten, hat uns nicht untergehen lassen.
Mancher Abschied hat Platz geschaffen für etwas Neues.
Und mancher Sturm hat uns sogar neu entdecken lassen, was uns wirklich trägt.
Der Herr hat uns nicht versprochen, dass das Meer immer ruhig bleibt.
Aber er hat uns versprochen, dass er mit uns unterwegs ist.
Und deshalb, lieber Chor Spirit:
Singt weiter.
Singt von diesem Gott.
Singt von dieser Hoffnung.
Und wenn die Wellen auf unserem Schiff Pfarrei Alfred Delp manchmal höher werden, dann soll man vielleicht gerade an eurem Gesang hören:
Christus ist an Bord.
Und deshalb haben wir allen Grund, weiterzufahren.
Und allen Grund, weiterzusingen.
Amen.