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Predigt zur Lampertheimer Kirchweih

Datum:
So. 13. Sept. 2026

LAMPERTHEIM - Verantwortung bedeutet manchmal, Entscheidungen zu treffen, die niemand gerne trifft. Aber bauen wir gerade wirklich nur Kirche zurück – oder verlieren wir vor lauter Sorge um alte Steine am Ende die Menschen? Inspiriert von Franz von Assisi und dem Primizspruch Alfred Delps schauen wir an diesem Kirchweihsonntag in St. Andreas Lampertheim darauf, wie wir nicht an maroden Mauern festhalten, sondern echte Gemeinschaft, Vertrauen und Hoffnung für die Zukunft gestalten können.

Liebe Schwestern und Brüder,

Am vergangenen Sonntag habe ich in Bürstadt von einem Satz erzählt, den ein von mir sehr geschätzter Mensch zu mir gesagt hatte. Er wollte mir ein Kompliment machen:

„Sie sind wirklich sehr erfolgreich im Rückbau der Kirche!“

Und ich habe erzählt, dass ich mich in diesem Moment gefühlt habe, als säße ich im falschen Zug. In einem Zug, der in die falsche Richtung fährt. Und ich mich frage:

Wann kommt der nächste Bahnhof, an dem ich aussteigen kann?

Eine Woche später stehe ich nun hier in Lampertheim. Wir feiern Kirchweih. Und ausgerechnet in diesen Tagen müssen wir darüber sprechen, dass ein Gebäude geschlossen wurde, das für unsere Gemeinde und für diese Stadt eine große Bedeutung hat: der Schwanen.

Der Schwanen ist eben nicht irgendein Gebäude

Für viele Menschen war und ist er ein Stück Heimat. Dort treffen sich Gruppen. Dort wurde beraten und geplant. Dort wurde gefeiert und Gemeinschaft erlebt. Und deshalb verstehe ich, dass die Schließung Emotionen auslöst.

Ich weiß auch, dass manche dieser Emotionen sich gegen mich richten. Im Internet. In Gesprächen. Manchmal ziemlich heftig. Für manche bin ich inzwischen offenbar derjenige, der schuld daran ist, dass wir in Lampertheim vor diesem Schlamassel stehen.

Ein Gebäude wird nicht dadurch standsicher, dass wir uns wünschen, es wäre standsicher.

Und Verantwortung bedeutet manchmal, eine Entscheidung zu treffen, die niemand gerne trifft. Wenn Gefahr für Menschen besteht, können wir nicht einfach weitermachen. Auch dann nicht, wenn ein Gebäude geliebt wird. Auch dann nicht, wenn Erinnerungen daran hängen.

Und beim Schwanen kommt noch etwas hinzu. Dieser Ort ist mit einem Menschen verbunden, der für uns eine ganz besondere Bedeutung hat: Alfred Delp.

Der Schwanen war das Zuhause der Familie Delp. Dort wuchs Alfred Delp auf. Und als er seine Primiz feierte, wurde er von dort abgeholt und zur Andreaskirche begleitet.

Von seinem Elternhaus ging der junge Priester zu seiner Primizkirche.

Und über diesem Tag stand ein Satz aus genau jener Lesung, die wir heute gehört haben:

„Einen anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist: Jesus Christus.“

1 Korinther 3,11. Der Primizspruch Alfred Delps.

Kann es Zufall sein, dass uns ausgerechnet dieser Satz heute begegnet?

Was trägt eigentlich?

Vielleicht ist das die entscheidende Frage dieses Kirchweihsonntags:

Was ist der Grund, der trägt?

Was trägt eine Pfarrgemeinde, wenn ein Gemeindehaus nicht mehr trägt? Was trägt uns, wenn ein Dach nicht mehr trägt? Was trägt uns, wenn Mauern Risse bekommen? Was trägt uns, wenn vertraute Strukturen verschwinden?

Paulus antwortet erstaunlich eindeutig: Nicht ein Gebäude. Nicht unser Besitz. Nicht die Vergangenheit. Nicht einmal unsere liebgewonnenen Gewohnheiten. Sondern: Jesus Christus.

„Einen anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist: Jesus Christus.“

Diesen Satz müssen wir heute wieder neu lernen. Denn über viele Jahrzehnte konnten wir leicht den Eindruck bekommen: Eine lebendige Kirche braucht vor allem die richtigen Gebäude. Eine Kirche. Ein Pfarrhaus. Ein Gemeindezentrum. Gruppenräume.

Natürlich brauchen Menschen Räume. Und deshalb müssen wir jetzt auch alles Vernünftige dafür tun, dass die Gruppen, die durch die Schließung des Schwanen ihre Heimat verloren haben, eine neue Heimat finden.

Das ist keine Nebensache. Denn Gemeinschaft braucht Orte.

Aber Orte allein schaffen noch keine Gemeinschaft.

Ein perfekt saniertes Gemeindehaus kann leer sein. Und ein einfacher Raum kann voller Leben sein.

„Ihr seid Gottes Tempel“

Und dann geht Paulus noch einen Schritt weiter. Er sagt nicht: Ihr habt einen Tempel. Sondern:

„Ihr seid Gottes Tempel und der Geist Gottes wohnt in euch.“

Das ist ein ungeheuerlicher Satz. Wir schauen heute am Kirchweihsonntag auf unsere Andreaskirche. Und Paulus dreht gewissermaßen unsere Blickrichtung um. Er sagt: Schaut nicht nur auf die Mauern.

Schaut einander an!

Der Mensch neben dir. Die Frau hinter dir. Das Kind vor dir. Der alte Mensch, der seit Jahrzehnten hierherkommt. Der Jugendliche, der vielleicht noch gar nicht weiß, ob Kirche einmal seine Heimat sein wird. Diejenige, die gerade wütend auf die Kirche ist. Derjenige, der zweifelt.

Ihr seid Gottes Tempel.

Und deshalb müssen wir einen Satz aus der heutigen Lesung sehr genau hören. Paulus sagt:

„Wer den Tempel Gottes zerstört, den wird Gott zerstören.“

Damit meint er nicht: Wer ein marodes Gebäude abreißt, zerstört den Tempel Gottes. Der Tempel Gottes, von dem Paulus spricht, sind die Menschen, ist die Gemeinde.

Und vielleicht müssen wir deshalb heute sogar fragen:

Was zerstört diesen Tempel?

Vielleicht zerstören wir ihn, wenn wir einander nur noch beschuldigen. Wenn aus unterschiedlicher Meinung Verachtung wird. Wenn wir übereinander reden, statt miteinander. Wenn Menschen sich zurückziehen, weil sie das Gefühl bekommen:

Hier werde ich nicht mehr gebraucht.

Wenn wir so sehr um Steine kämpfen, dass wir darüber die Menschen verlieren.

Das wäre wirklicher Kirchenschaden.

Vielleicht müssen wir gerade unterscheiden lernen

Es gibt Dinge, die wir nicht aufbauen können. Wir können nicht jedes Gebäude retten. Wir können nicht jede Struktur der vergangenen Jahrzehnte erhalten. Wir können nicht so tun, als hätten wir dieselben finanziellen Möglichkeiten, dieselbe Zahl an Gläubigen und dieselbe Zahl an Ehrenamtlichen wie vor fünfzig Jahren. Wir können auch die Vergangenheit nicht zurückholen.

Aber wir können etwas anderes aufbauen.

Wir können Vertrauen aufbauen. Wir können Beziehungen aufbauen. Wir können neue Orte der Begegnung schaffen. Wir können Kinder und Jugendliche für den Glauben begeistern. Wir können Menschen besuchen, die einsam sind. Wir können Gottesdienste feiern, in denen Menschen etwas von Gottes Gegenwart spüren. Wir können Räume schaffen – vielleicht andere als bisher –, in denen Gruppen Heimat finden. Wir können einander zuhören. Wir können Verantwortung teilen. Wir können miteinander darum ringen, wie katholisches Leben in Lampertheim in zehn oder zwanzig Jahren aussehen soll.

„Franziskus, bau meine Kirche wieder auf!“

Und hier kommt für mich Franz von Assisi ins Spiel. Vor 800 Jahren starb dieser außergewöhnliche Mensch. Am Anfang seiner Berufung steht die berühmte Erfahrung in San Damiano. Er hört Christus sagen:

„Franziskus, geh und bau meine Kirche wieder auf!“

Und Franziskus macht zunächst das Naheliegende: Er sammelt Steine. Er repariert Mauern. Er baut eine kleine verfallene Kirche wieder auf. Erst nach und nach versteht er:

Christus meinte viel mehr.

Nicht nur das Gebäude sollte erneuert werden.

Die Kirche selbst sollte erneuert werden.

Durch Menschen, die das Evangelium wieder ernst nehmen. Durch Menschen, die einfacher leben. Durch Menschen, die den Armen begegnen. Durch Menschen, die Frieden stiften. Durch Menschen, die Christus wieder in die Mitte stellen.

Und ich frage mich, ob dieser Satz nicht auch über unserer Situation in Lampertheim stehen könnte:

„Bau meine Kirche wieder auf!“

Vielleicht antworten wir: Herr, das würden wir ja gerne. Aber ausgerechnet jetzt müssen wir Gebäude schließen. Und vielleicht sagt Christus:

Ich habe nicht zuerst von Gebäuden gesprochen.

Baut meine Kirche. Baut Gemeinschaft. Baut Glauben. Baut Vertrauen. Baut Hoffnung. Baut Beziehungen.

Und vielleicht gehört zum Aufbau tatsächlich manchmal der Abriss

Das klingt zunächst widersprüchlich. Aber jeder, der schon einmal gebaut hat, weiß: Manchmal kann Neues erst entstehen, wenn man sich von etwas trennt, das nicht mehr trägt. Das gilt für Gebäude. Und manchmal gilt es auch für Kirche.

Christliche Zukunft bedeutet: Auf demselben Fundament neu bauen. Und dieses Fundament heißt Jesus Christus.

Damit sind wir wieder bei Alfred Delp. Ich finde es bewegend: Aus dem Schwanen ging dieser junge Mann zu seiner Primiz. Und über sein priesterliches Leben stellte er:

„Einen anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist: Jesus Christus.“

Später wurde ihm fast alles genommen. Seine Freiheit. Seine Sicherheit. Seine Zukunftspläne. Am Ende sogar sein Leben. Und dennoch konnte ihm niemand diesen Grund nehmen.

Was auf Christus gegründet ist, hängt nicht daran, dass unsere äußeren Sicherheiten bestehen bleiben.

Und deshalb brauchen wir Jesus Christus. Nicht als fromme Verzierung für eine Kirche, die ansonsten irgendwie selbst zurechtkommt. Wir brauchen ihn als Fundament. Gerade dann, wenn andere Fundamente ins Wanken geraten.

Wir brauchen ihn, damit unsere Angst nicht entscheidet. Wir brauchen ihn, damit unsere Wut nicht entscheidet. Wir brauchen ihn, damit wir unterscheiden können:

Was müssen wir bewahren?  Was dürfen wir loslassen?  Und was müssen wir neu beginnen?

Liebe Schwestern und Brüder,

am vergangenen Sonntag habe ich gesagt:

Vielleicht sitze ich gar nicht im falschen Zug. Vielleicht hat sich die Landschaft verändert, durch die dieser Zug fährt.

Heute möchte ich diesen Gedanken weiterführen. Wenn sich die Landschaft verändert, brauchen wir Orientierung. Und vielleicht schenkt uns Alfred Delp heute den Kompass dafür:

„Einen anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist: Jesus Christus.“

Das heißt: Wir müssen nicht alles retten. Aber wir müssen wissen, was uns trägt. Wir müssen nicht jedes Gebäude behalten. Aber wir dürfen keinen Menschen verloren geben. Wir können nicht jede alte Form bewahren. Aber wir können neue Formen von Gemeinschaft schaffen. Wir können Vergangenes betrauern. Aber wir dürfen zugleich Zukunft bauen.

Vielleicht ist das die Aufgabe, die Christus uns an diesem Kirchweihsonntag stellt:

Lampertheim, bau meine Kirche wieder auf!

Nicht meine Mauern.

Meine Kirche.

Baut sie aus lebendigen Steinen. Aus Menschen. Aus Glauben. Aus Barmherzigkeit. Aus Verantwortung. Aus Gemeinschaft. Aus Hoffnung.

Und wenn wir fragen:

Herr, worauf sollen wir das alles bauen?

dann gibt uns Alfred Delp seinen Primizspruch mit auf den Weg:

„Einen anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist: Jesus Christus.“

Auf diesem Grund können wir loslassen, was nicht mehr trägt. Auf diesem Grund können wir Neues wagen. Auf diesem Grund können wir Kirche bauen.

Und dieser Grund trägt.

Amen.