Schmuckband Kreuzgang

Caroline Wahl: Die Assistentin

Auf-gelesen - Literarische Fundstücke (136)

Caroline Wahl: Die Assistentin (c) Rowohlt-Verlag
Caroline Wahl: Die Assistentin
Datum:
Do. 26. März 2026
Von:
Marcel Schneider (Red.)

Wahl, Caroline (Verfasser): Die Assistentin : Roman. – Originalausgabe, 1. Auflage. – Hamburg : Rowohlt, 2025. – 360 Seiten ; 21 cm, 413 g. – 978-3-498-00770-6 Festeinband : EUR 24.00

Inhalt:

Charlotte, die eigentlich an der Popakademie studieren möchte, bekommt die Gelegenheit, in einem Münchener Verlag die Stelle der zweiten Assistentin des Verlegers zu übernehmen. Auf den Rat ihrer Eltern hin, insbesondere den des Vaters, nimmt sie die Stelle an und zieht alleine in die unbekannte Großstadt, was sie Überwindung kostet.

Das sie damit nicht glücklich wird, erfährt die geneigte Leserin gleich auf den ersten Seiten.

Ihr Chef ist kein einfacher, sondern ein egozentrischer, heute sagt man wahrscheinlich eher ein toxischer, Mensch. Neben ständig wechselnden KollegInnen, einem Manual zum Umgang mit ihm, das Charlotte nahezu auswendig lernt, um allen skurrilen Anforderungen gerecht zu werden und einer endlos erscheinenden To-Do-Liste, auf der mithilfe von Erdbeer- und Kartoffel-Emojis der Erfolg gemessen wird, versucht Charlotte ihre neue Rolle zu finden.

Charlotte strebt verzweifelt nach Anerkennung, will diesen ersten „richtigen“ Job nicht vermasseln und gerät so immer schneller in eine Abwärtsspirale der Abhängigkeit. Die Aufträge des Verlegers werden immer absurder, seine Wutausbrüche unberechenbarer und die Anforderungen an die Assistentin zu hoch. Machtmissbrauch und Grenzüberschreitung des Vorgesetzen bestimmen bald das komplette Leben der Protagonistin.

Als Einzelgängerin, die es schon immer schwer hatte Freundschaften und ein stabiles Umfeld zu finden, verliert sich Charlotte immer mehr in ihrem Anspruch „es zu schaffen“ und bemerkt zu spät, dass sie keine Privatsphäre mehr hat und ihr persönliches Leben komplett aufgibt. Ihre Liebe zur Musik verschafft für wenige Stunden Ausgleich zum absurden Arbeitsalltag.

Gleichzeitig reflektiert sie sehr genau, was da passiert und hat gedanklich schon lange Widerstand geleistet. Aber erst nach einem kompletten Zusammenbruch findet sie den Mut zu kündigen. Am Ende findet sie ihren Weg als Musikerin. Das angedeutet Happy End wirkt etwas aufgesetzt, aber es sei ihr gegönnt.

Meinung:
Wer „Der Teufel trägt Prada“ gesehen hat, kann sich ungefähr in die Arbeitsatmosphäre der Münchner Verlagsszene hineindenken, in die Charlotte hineingerät. Das Buch ist bei allem Drama witzig und hat eine Unmittelbarkeit, die einem mitreißt. Die große Häme, mit der die Autorin nach dem Erscheinen des Romans überschüttet wurde, ist nicht gerechtfertigt. Es ist gut, dass es weibliche Perspektiven auf Machtgefälle gibt und diese auch in gut lesbarerer literarischer Form erscheinen.
Also, vor allem für junge Menschen: lest dieses Buch!


Daphne Neu, Fachstelle für kath. Büchereiarbeit / KÖB St. Alban Mainz

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