Wunnicke, Christine (Verfasser): Wachs : Roman / Christine Wunnicke. – Berlin : Berenberg, 2025. – 185 Seiten ; 20 cm. – 978-3-911327-03-9 Halbgewebe : EUR 24.00 (DE)
Die 1966 geborene Autorin Christine Wunnicke lebt in München. Für ihr literarisches Schaffen wurde sie mehrfach ausgezeichnet; in 2025 stand sie mit dem schmalen Band Wachs bereits zum zweiten Mal auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises.
Der historische Roman entführt ins Paris des 18. Jahrhunderts. Hier leben, lieben und arbeiten zwei in jeder Hinsicht außergewöhnliche Frauen: Marie Biheron und Madeleine Basseporte, ihre Lebenspartnerin. Marie ist 14 Jahre alt und hat einen ungewöhnlichen Berufswunsch, sie möchte Anatomin werden. Unglücklicherweise ist das keine Option für Frauen jener Zeit und es findet sich kein Lehrmeister, der eine Frau unterrichten, geschweige denn mit ihr arbeiten möchte. Marie muss also selbst aktiv werden und so begleiten wir sie auf den ersten Seiten des Romans durch das nächtliche Paris auf der Suche nach einer Leiche. Ein äußerst schwieriges Unterfangen. Aber wo ein Wille ist, auch ein Weg. Nach vielen Jahren mühsamer Studien bringt sie es zu erstaunlichen Fähigkeiten. Marie wird bekannt als „die Frau mit den Leichen“, wissenschaftlich anerkannt wird sie jedoch nicht. Soll alle Arbeit umsonst gewesen sein? Die künstliche Anatomie kommt in Mode, wieder erlernt sie eigenständig ein neues Handwerk, beginnt detailgetreue Körper aus Wachs zu formen, in allen Einzelteilen und Einzelheiten. Ihre Exponate machen Furore, die Reaktionen schwanken zwischen Entzücken und Entsetzen, aber Wissenschaftler und Königshäuser aus ganz Europa wollen sie besitzen, so finden die kunstvollen Präparate auch den Weg in die Vitrinen der Königin Marie Antoinette. Die russische Zarin bietet ihr sogar einen Lehrstuhl für Anatomie an, aber dafür Paris verlassen kommt nicht in Frage.
Hier lebt sie zusammen mit der schönen Madeleine, ebenfalls eine begnadete Künstlerin. Sie fertigt wissenschaftliche Illustrationen für die Lehrbücher und Ausstellungen des Jardin du Roi. Die Anatomie von Blumen, Gräsern, Früchten und Samen, zaubert sie auf Papiere, die der Herr Direktor dann ganz selbstverständlich mit seinem Namen unterzeichnet. Madeleine wurzelt im Leben, wo sie verweilt, duftet es nach Frühling und Blumen. Ihre Kunstwerke zieren die Gemächer des Adels. Sie entwirft Tapeten und Stoffe. Sie plant Gärten. Sie ist für die Eleganz im Leben zuständig. So verschieden die beiden Frauen auch sind, sie lieben sich und etwas schweißt sie besonders zusammen: Das Verständnis und die Bewunderung für das unermüdliche Schaffen und die Leidenschaft der anderen.
Im Sommer 1780 stirbt Madeleine im Garten, während sie eine Blume zeichnet. Im Herbst 1793 wird Marie Antoinette – wie einer schönen Blume – der Kopf abgeschlagen und Marie Biheron legt sich zum Sterben nieder, sie welkt ein paar Jahre vor sich hin, aber sie wird sich noch einmal aufrappeln, weil es noch etwas zu erledigen gilt.
Für mein Fazit möchte ich die Anmerkung der FAZ auf dem Buchdeckel nutzen:
„Historische Romane müssen nicht a) als Wälzer erscheinen“. Stimmt! dieses kleine 185 Seiten-Buch ist prall gefüllt. Auf den wenigen Seiten entstehen: Das historische Paris, die Schrecken der Revolution, faszinierende Bilder der Wissenschaft, kleine stimmungsvolle Stillleben, liebenswerte, leidenschaftliche und leicht verschrobene Charaktere.
„… b) von Tatsachen berichten“. Stimmt! Christine Wunnicke hatte nur einige wenige Fakten zu Marie Biheron – geboren, gestorben, bekannt geworden als Wachsbildnerin. Alles andere ist frei erfunden. Aber die Geschichte hat so viel Atmosphäre, so viele historische Details, alles ist völlig glaubhaft. Genauso könnte es gewesen sein. Das ist die große Kunst des Erzählens.
„… c) ihre Leserschaft langweilen“. Tut sie nicht! Sie erzählt sehr unterhaltsam und humorvoll im Zeitraffer. Einmal sind zehn Jahre vergangen, beim nächsten Kapitel ist man schon 20 Jahre weiter. Sie legt ein unglaubliches Tempo vor, um 80 Jahre Leben zu schildern. Ich habe mich auf keiner Seite gelangweilt. Im Gegenteil, ich fand es fast ein bisschen schade, dass es kein Wälzer geworden ist. Ich hätte noch Lust auf mehr gehabt.
Theresia Pistorius, Bücherei am Dom Mainz