St. Martin, Finthen:Predigt zum Kirchweihfest 2026

Die gegenwärtigen Ereignisse der Welt
Mich beschäftigen nicht erst seit der Wahl in Sachsen-Anhalt, sondern schon viel länger die gegenwärtigen Zustände unserer Welt. Zwei Kriege unter vielen anderen legen ihre Schatten auf uns. Die Welt steht vor politischen Veränderungen, die sich auch in unserem Land abzeichnen. Das bringt Unsicherheit und Angst mit sich wie auch Aggression und Konfliktpotential. Was gerade seit der Wahl in Sachsen-Anhalt an Shitstorms vor allem in den sozialen Median abläuft, ist für mich unerträglich. Da wird auf eine Verbalattacke mit der nächsten geantwortet. Die Spirale verbaler Gewalt spitzt sich zu und es wäre nicht verwunderlich, wenn es nicht bei Verbalattacken bliebe.
Auch in unserer Kirche wird Stellung bezogen und muss Stellung bezogen werden. Auch ich sehe es als meine Aufgabe, dies zu tun. Dabei werde ich kein politisches Statement und keine Wahlempfehlung geben. Das steht uns als Kirche nicht zu. Es steht uns aber wohl zu, politisch zu sein, indem wir da die Stimme erheben, wo gegen grundsätzliche, christliche und menschliche Würde, nicht zuletzt gegen die Menschenwürde verstoßen wird, die laut unserem Grundgesetzt unantastbar ist.
Wie aber Stellung beziehen?
Kirchweihe – Haus aus Steinen und Sinnbild für das Haus aus lebendigen Steinen
Vielleicht hilft uns das Fest der Kirchweihe mit seinen Bibeltexten weiter. Schauen wir unsere Kirche an, deren jetziger Bau am 7.9.1854 geweiht wurde. Das Haus hat schon viel erlebt. Viele Zeiten, viele Geschehnisse, viele Umbauten. Wenn wir von außen wie von innen auf unsere Kirche schauen, haben wir einen schönen Bau vor uns. Er beinhaltet viele Bilder, eine schöne liturgische Ausstattung wie auch ein schönes Mauerwerk.
Auf letzteres möchte ich den Blick werfen. Für ein Mauerwerk ist etwas notwendig, auf das meist nicht der erste Blick fällt: Der Mörtel. Er ist nötig, damit das Haus hält. Wenn er bröckelt oder entfernt wird, wird das Haus instabil und droht mittel- bis langfristig zusammenzufallen.
Genau das kann ein Bild für „geistige“ Häuser unseres menschlichen Lebens sein: das Haus der Gesellschaft, der Familie, der Vereine…und nicht zuletzt das Haus unserer Kirche. All diese Häuser bestehen aus Menschen, die als einzelne „Bausteine“ diese Häuser bilden. Auch sie brauchen ein verbindendes Element, einen geistigen Mörtel.
Was ist dieser Mörtel?
Liebe und ihre Facetten
Um hier eine Antwort zu finden, schauen wir in den ersten Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Korinth. Er beschreibt im 13. Kapitel die Liebe, ohne die nichts geht! Er konkretisiert aber auch gleichzeitig dieses wichtige wie auch abstrakte Wort, indem er Facetten der Liebe nennt. Somit ist die Liebe für ihn u. a. gütig, langmütig, geduldig usw. Man könnte diese Aufzählung auch noch gut erweitern mit: die Liebe ist respektvoll, achtend, auf die Menschenwürde ausgerichtet. Alles das gehört zum geistigen Mörtel, der ein menschliches Haus zusammenhält und ihm Festigkeit verleiht. Wo dieser geistige Mörtel bröckelt oder im wahrsten Sinne des Wortes „aus den Fugen gerät“, wird das Leben schwer.
Bröckelnder Mörtel in der heutigen Welt
Der bröckelnde Mörtel in diesem Sinn ist an vielen Stellen zu sehen. Dafür einige Beispiele.
Der Mörtel bröckelt,
- wo Menschen Vielfalt als eine Gefahr erkennen und in Schubladen stecken und gesteckt werden. Wo aus einem „Die sind anders!“ ein absolut unberechtigtes „Die gehören nicht zu uns!“ wird;
- wo eine berechtigte Heimatliebe zu seinem Land zu völkischem Nationalismus und daraus folgend zur Abwertung anderer Menschen und Menschengruppen wird;
- wo aus Stolz Überlegenheit und Überheblichkeit wird;
- wo man nicht mehr zuhört und miteinander spricht, sondern sich lieber gegenseitig niederschreit;
- wo gelogen wird, weil man damit Dinge so zurechtbiegen kann, dass sie in ein eigenes Konzept passen;
- wo aus Streit (der ja grundsätzlich bei konstruktivem Umgang gut und wichtig ist) Feindschaft wird.
Hier und an vielen Stellen bröckelt Mörtel.
Der Fingerzeig auf den anderen
Aber: Es ist natürlich leicht mit dem Finger auf andere zu zeigen! Wie schnell haben wir jedoch selbst, ehe wir uns versehen, eine Rolle in diesem „Bröckelprozess“. Wenn man mit dem Finger auf andere zeigt, dann zeigt man mit drei Fingern auf einen selbst zurück. Das heißt nicht, dass wir automatisch auch die Schuld tragen, die der andere auf sich geladen hat. Das heißt aber sehr wohl, dass wir Teil in diesem Prozess sind und wir eine Verantwortung haben, uns in diesem Prozess zu verhalten, Haltung zu zeigen.
Eine Grundhaltung dabei ist die Erkenntnis: Derjenige, auf den wir zeigen, ist immer ein Mensch: mit seiner Herkunft, seiner Prägung, seiner Geschichte, seiner Ausformung und Ausrichtung – vor allem aber mit seiner von Gott gegebenen Würde, die ihm niemand nimmt!
Das ist eine Grundhaltung menschlichen Verhaltens und menschlichen Umgangs. Was aber wiederum nicht heißt, zu allem zu schweigen, was ein Mensch sagt und tut. Ganz im Gegenteil!
Das Verhalten Jesu
Das zeigt uns Jesus, wenn wir das Evangelium von der Vertreibung der Händler aus dem Tempel betrachten. Er wirft die Tische um, nicht die Menschen. Er bezieht klar Stellung, wo Glaube für Geschäftemacherei missbraucht wird. Jesus zeigt in seiner Haltung auch deutlich, dass Liebe nicht mit Harmonie zu verwechseln ist, dass man nicht immer nur die freundliche Miene zeigen kann und schon gar nicht klein beigeben muss. In Liebe für etwas Lebensnotwendiges einzustehen, heißt auch, Grenzen zu setzen: Bis hierher und nicht weiter!
Für uns heißt das ganz klar: Wo Menschen Demütigung, Erniedrigung, Entzug der Freiheit erfahren, wo Menschen gegen andere aufgebracht und aufgehetzt werden, wo Menschen Würde abgesprochen wird, ist Widerspruch gefordert!
Das aber immer noch in dem Respekt, den jeder Mensch aufgrund seiner Würde grundlegend verdient. Aber in klarer Kritik und Verurteilung von Haltungen, Worten und Handlungen, die der Menschenwürde diametral entgegenstehen.
Herausforderungen
Vielleicht sind aber gerade das die Herausforderungen unserer Zeit. Sie sind nicht einfach, aber unumgänglich.
Aufgaben aus diesen Herausforderungen könnten sein:
- Den anderen Menschen hören und ihn bestenfalls verstehen und mit ihm sprechen, als sich ständig mit oft beleidigenden Worten niederzubrüllen. Da muss man nicht einer Meinung sein. Aber Vielfalt lebt in einem Nebeneinander von Meinungen, das letztlich nicht Liebe und Würde unter den Tisch fallen lässt.
- Aus dem eben genannten ergibt sich die Herausforderung, miteinander streiten zu lernen, ohne sich gleich Feinde zu machen.
- Unterschiede müssen und können ausgehalten werden, ohne dass man sich gegenseitig die Würde abspricht.
- Es muss klar widersprochen werden können, ohne Angst vor Konsequenzen haben zu müssen und ohne dabei den Menschen per se schlecht zu machen.
All diese Herausforderungen sind nicht einfach. Aber sich ihnen zu stellen ist ein Auftrag, der uns Menschen ins Herz gelegt ist.
Der Auftrag der Kirche
Ganz besonders ist es die vornehmste Aufgabe von uns als Kirche, sich diesen elementaren Herausforderungen zu stellen. An vielen Stellen bröckelt unser eigener Mörtel, wo wir uns innerhalb der Kirche zu zum Teil banalen Konflikten hinreißen lassen und liebendes, respekt- und würdevolles Verhalten zu wünschen übrig lässt. Die ewig lästigen Streitereien zwischen den „Linken“ und „Rechten“, den „Progressiven“ und „Konservativen“ bringen uns so oft weg vom Mischen eines geistigen Mörtels, der zusammenhält statt zusammenfallen lässt.
Sich auf den Weg machen mit Gott
Aber gerade um das Zusammenhalten geht es, denn damit können wir Zeichen setzen in einer Welt, die so oft von Streit und Hass dominiert wird. Wir können mit einem positiven, liebenden und würdigen und doch bestimmten Verhalten allen Menschen gegenüber zeigen, dass es der geistige Mörtel der Liebe und Würde ist, der dem Leben Sinn und Halt gibt.
Dabei sind wir nicht allein! Wenn wir noch einmal einen Blick auf unser Kirchengebäude werfen, dann sticht uns der Turm ins Auge mit seiner Spitze. Sie ist wie ein Pfeil, der nach oben zu Gott zeigt, und zu Jesus Christus. Er ist, wie Petrus in der Lesung sagt, der Schlussstein, der alles zusammenhält. Er ist die menschgewordene Liebe Gottes, ohne die kein geistiges Haus zusammengehalten werden kann. Er wird uns immer wieder Kraft geben, den richtigen „geistigen“ Mörtel für unser Zusammenleben als lebendige Steine in unserer Kirche und unserer Welt zu mischen.
Wie uns das konkret in unserem persönlichen Leben und im Zusammenleben mit anderen, auch im Zusammenleben unserer Pfarrei gelingt, darüber müssen wir uns austauschen und uns auf den Weg machen. Machen wir uns auf den Weg, um als lebendige Steine unter der Begleitung des „Schlusssteins“ Jesus Christus an unseren Lebenshäusern zu bauen – und das mit Kraft, Mut und Zuversicht!