Schmuckband Kreuzgang

4. Ostersonntag: Lassen wir Christus „draußen vor der Tür“?

Liebe Brüder und Schwestern,

Ikone Volto Santo von Manopello (c) Pfarrer St Fillauer
Ikone Volto Santo von Manopello
Datum:
Do. 30. Apr. 2020
Von:
Pfarrer St Fillauer

seit meiner Kaplans-Zeit vor über 25 Jahren gehört es für mich am Karfreitag-Abend nach der Liturgie-Feier, der Beichtzeit und dem Herrichten der Kirche dazu, dass nach sechs Wochen Abstinenz der Fernseher wieder angeschaltet wird und ich mich live zum Kreuzweg in Rom mit dem Hl. Vater einfinde.

Der Gute Hirte (c) Pfarrer St Fillauer
Der Gute Hirte

In diesem Jahr freilich war auch das anders; seit Mitte März war der Fernseher zumindest zu den Nachrichten etc. wieder an, und der Kreuzweg in Rom fand auch „anderen Orts“ als gewöhnlich vor dem Kolosseum statt. Im Anschluss folgte in diesem Jahr eine halbstündige Sendung „vor Ort“ des Passionsgeschehens, konkret von einer Gruppe Darsteller der Passionsspiele aus Oberammergau, die sich zur Einstimmung auf „die Passion“ 2020 auf eine Reise ins Heilige Land begeben hatten; leider muss auch dieses Ereignis nun auf 2022 verschoben werden. 

Ich erinnerte mich dabei daran, wie ich selber vor 30 Jahren dorthin pilgern durfte; aber auch an Besuche in Oberammergau. Als ich zum Beginn des Jahrtausends dort war, stach mir bei einem der zahlreichen Schnitzer eine Holzfigur ins Auge, die in allen Ausführungen zu haben war: Jesus als der Gute Hirt, das Verlorene Schaf auf den Schultern liegend, und – auf Seinem Haupt die Dornenkrone. Also zwei Dinge, die wir in der gewöhnlichen Darstellung nicht unbedingt verbinden. Und mein Nachfragen beim Schnitzer wurde mit einem nachdrücklichen Satz kommentiert: „Das war der Renner bei der Passion 2000!“

 

Der Vierte Ostersonntag ist seit langer Zeit in der Liturgie der Kirche als der „Sonntag des Guten Hirten“ bekannt; von der Botschaft des Evangeliums her. Gleichzeitig ist er aber auch der Welt(gebets)tag der Geistlichen Berufe: Wir sind eingeladen, uns das große Anliegen des Herrn und Seiner Kirche zu eigen zu machen im Gebet um Geistliche Berufungen und in der Bitte für die (zum Geistlichen Dienst) Berufenen; wie Er selber sagt: „Die Ernte ist groß, aber es gibt nur wenig Arbeiter; bittet also den Herrn der Ernte, Arbeiter für Seine Ernte auszusenden!“ (Lk 10,2)

Bleiben wir zunächst beim Bild des Hirten. Es gehört heute freilich nicht mehr so zum vertrauten Weltbild wie noch vor 100 oder gar vor 2000 Jahren. Gerade die Bibel aber ist voll davon; denken wir nur an den König David vor 3000 Jahren, der Hirt war und von seiner Herde weggerufen wird, um „Hirt Meines Volkes Israel“ zu werden. Im Bild des Hirten offenbart Gott Seine Sorge für uns Menschen. Nicht nur Könige und Priester werden damit betitelt; nein, Gott selbst geht gerade mit den Hirten des Alten Bundes durch die Propheten hart ins Gericht, wenn sie ihre Hirtenaufgabe vernachlässigen: „Nun will Ich mich selbst um Meine Herde kümmern!“. Mit Blick auf Gott kommt man am Bild und der Gestalt des Hirten nicht vorbei!

Aber – was kann und will es uns heute sagen und mitteilen, auch in „Zeiten von Corona“? Erstaunlicherweise beginnt Jesus Seine „Hirten-Rede“, wie sie uns Johannes überliefert, und bevor Er Sich selbst als „Guten Hirten“ bezeichnet“, der Sein Leben hingibt für die Schafe, mit einer Einleitung, gleichsam einer Ouvertüre oder einem Präludium, mit der Rede von der „Tür zum Schafstall“, durch die der Hirt eintritt, während der Dieb und Räuber anderswo einbricht; und schließlich identifiziert Jesus Sich selbst mit der „Tür zu den Schafen“: „Wer durch Mich hineingeht, wird gerettet werden; er wird ein und aus gehen und Weide finden“ (Joh 10, 1-10).

Klare Aussage! Klare Ansage! Klartext in Zeiten der Suche, nach Methoden, nach dem rechten Weg, nach der Zukunft, für, mit und in, ja der Kirche überhaupt! Ich frage mich schon lange, ob wir eigentlich genug und mit genügender Selbstver-ständlichkeit von Jesus Christus, unserem Glauben an Ihn und unserer Beziehung zu Ihm reden, ja sie verinnerlicht verkörpern. Oder meinen wir nicht schon viel zu lange, Geschichten der Bibel, Geschichten unseres Glaubens seien längst überholt, lang-weilig und deshalb „Schnee von gestern“, so dass wir „das Rad neu erfinden“ müssten? „Wer nicht zur Tür eintritt“, sagt der Herr, „ist nicht der Hirt.“  Wir sprechen heute oft von unserer Verantwortung, für andere, für die Welt. Aber – bringen wir genug Jesus Christus und Seine Botschaft, ja Ihn zur Sprache? Oder bringen wir nicht – wie seinerzeit die Gesetzeshüter – einen ganzen Wald von Dingen vor, die u.U. dienlich sein könnten, aber eigentlich mit Ihm nicht unmittelbar zu tun haben? Damals die Gesetzeslehrer hatten die Zehn Gebote mit 365 kleinen Vorschriften umgeben wie mit einem Zaun, so dass das Wort Gottes, Sein Gebot und Gesetz, eigentlich nie zur Sprache und damit Er zu Wort kam. Geht es uns heute nicht ähnlich, dass „wovon und worüber“, geschweige denn mit Jesus Christus viel zu wenig die Rede ist? Wie oft sind wir menschlichen Geboten gegenüber sehr kleinlich, aber sehr großzügig gegenüber Gottes Wort und Gesetz. Es ist durchaus lohnend, die Zehn Gebote als Wort Gottes daraufhin einmal zur Sprache bringen, zu mir sprechen zu lassen! – „Ich bin die Tür zu den Schafen.“  Das scheint mir Klartext; d.h. wenn wir es mit Ihm, durch Ihn, in Ihm versuchen, müssten wir eigentlich „Tür und Tor“, oder im anderen Sprichwort „offene Türen“ einrennen!

Jesus Christus als die Tür zu den Menschen, als die Tür zu den Schafen, der Hirt mit der Dornenkrone auf dem Kopf. Ja, deshalb ist ja Gott Mensch geworden, um bei uns sein zu können in unserem Leid, Trauer, Schmerz, Fragen und Suchen. Die Lesung aus dem Ersten Petrusbrief an diesem Sonntag (2, 20b-25) bringt das übrigens auch zum Ausdruck: „Christus hat für euch gelitten und euch ein Beispiel gegeben, damit ihr Seinen Spuren folgt“. Und das war es ja auch, was die Christen der ersten Jahrhunderte, als es noch keine Kreuzesdarstellungen geben durfte, gerade in Zeiten der Verfolgung für sich selbst, aber auch für ihre Verstorbenen im Bild des Hirten erkannt haben. Wer schon einmal in Rom war, kann sich sicherlich an unzählige Darstellungen aus dieser Zeit erinnern, Statuen und auch Malereien in den Katakomben, an den Gräbern ihrer Verstorbenen. Wie gesagt, Kreuzesdarstellungen waren weder möglich noch „schicklich“, da konnte man sich aber im Bild des Guten Hirten wiederfinden: Einer, der unsere Leiden kennt; dem man sich aber ebenso sicher anvertrauen konnten „denn Er kümmert Sich um uns“, der aber ebenso die Verstorbenen auf Seine Schultern nimmt und auf gute Weide führt, so dass man sie Ihm „ganz getrost“ anvertrauen konnte. Welch ein schönes Bild, und welcher Mut, welche Glaubenskraft und Glaubensfreude, ja Glaubensüberzeugung daraus sprechen! Nun, die Menschen kannten die Erscheinung des Hirten aus dem Alltag ihres Lebens; und auch, wenn Jesus später davon spricht, dass der Gute Hirt dem Verlorenen Schaf nachgeht, ja sich, um es zu finden, regelrecht „ein Bein ausreißt“, wie es eine Darstellung der „Porta Sancta“ in Rom so eindringlich zeigt.

 Ich bin die Tür zu den Schafen!“ – Wir stehen in der Osterzeit, und unweigerlich kommen mir die Gedanken an das Osterevangelium des Weißen Sonntags, wo wiederholt davon die Rede ist, dass die Jünger „aus Furcht vor den Juden die Türen verschlossen hatten“: Türen der Häuser und Herzen! Jesus „fällt mit der Tür ins Haus“: Er kommt, Er ist da, in ihre Ratlosigkeit, Angst und Resignation; - auch heute in „Zeiten von Corona“, da wir „Fenster und Türen“ aus Angst vor Ansteckung verschlossen halten (müssen), auch Türen von Kirchen, von Sakramentaler Begegnung. Frage an uns: Rennt der Herr bei uns „offene Türen ein“, ist unsere Sehnsucht nach Ihm gewachsen in diesen Tagen, oder hat sich eine „ruhige Zufriedenheit“ eingestellt? Tragen wir Sehnsucht nach der Begegnung mit dem eucharistischen Herrn nach den Wochen der Corona-Fastenzeit in uns? Manchmal bin ich etwas irritiert, wenn ich die Themata lese, die diskutiert werden, auch in diesen Wochen; und ebenso, wenn die Bedeutung der Eucharistie als das Lebenselixier der Kirche regelrecht heruntergespielt wird. 

Gerade in diesen Wochen, da ich die Hl. Messe in meiner Hauskapelle zelebriere, ist mir da ein Aspekt noch einmal deutlicher aufgegangen. Unmittelbar in Augenhöhe hängt da eine Ikone des „Volto Santo“ von Manoppello, des Muschelseidentuches, das vom Ostermorgen her das Antlitz Christi zeigt. Wohlbemerkt, auf Augenhöhe! Es ist wunderbar, da „Auge in Auge“ , von „Angesicht zu Angesicht“ mit Ihm die Hl. Messe zu feiern, besonders im Augenblick der Erhebung der konsekrierten Hostie und des Kelches, in denen Sein Antlitz, das Antlitz des Auferstandenen Gestalt angenommen hat, und behält, bis heute. In der Eucharistie lebt der Gute Hirt in Seiner Kirche, und wir sind eingeladen, dem die Herzen zu öffnen und zuzuwenden, der sagt: „Ich bin die Tür!“

Und genau für dieses Geheimnis unsers Glaubens braucht es den Dienst des geweihten Priesters! - Welttag der Geistlichen Berufe am Sonntag des Guten Hirten. Es ist eine Chance, gerade auch in diesen Wochen, einmal über Bedeutung und Notwendigkeit des priesterlichen Dienstes nachzudenken, ob und was uns (hoffentlich) fehlt! Eine Frage vor einiger Zeit, durchaus bedenkenswert in jedem einzelnen Wort, lautet: „Wozu – brauchen wir – heute – noch – Priester?“ Was ist das Ureigentliche, das den Priester ausmacht? Vieles ist heute im Umbruch. Aber Rolle und „Funktion“, d.h. Identität des Priesters? Reden wir heute noch von Berufung? Von Geistlichen Berufen? Oder klingt das alles „viel zu klerikal“? Wollen wir heute wirklich noch den Dienst des Priesters in der Kirche, oder brauchen wir ihn nicht (mehr)? In der Sprache der Theologie ist der Priester bei der Feier der Sakramente der „alter Christus – ein anderer Christus“, d.h. Christus wirkt durch ihn. Ein zunächst gewaltig hoher Anspruch! Aber ebenso die Frage unseres Evangeliums am heutigen Sonntag: „Ich bin die Tür zu den Schafen!  Lassen wir Christus durch den Dienst des Priesters zu, wirksam werden – oder „brauchen“ wir heute Worte wie „So spreche ich dich los von deinen Sünden“ – „Das ist Mein Leib … Mein Blut“ etc., d.h. die Worte der Sakramente, nicht mehr? Geht wirklich alles ohne die Sakramente „besser“ – ein Eindruck, den man manchmal meint, vermittelt zu bekommen? Nein, die Kirche ist ein, „das“ Sakrament, durch die Christus heilswirksam und heilsvermittelnd durch die Sakramente wirkt. Und dazu braucht es den Dienst des Priesters. So will Er Seine Verheißung erfüllen: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.“

In der Lesung aus der Apostelgeschichte (2, 14a.36-41), auch an diesem Sonntag, spricht Petrus eindringlich, redet den Menschen zu Herzen und ins Gewissen: „Kehrt um, und jeder von euch lasse sich auf den Namen Jesu Christi taufen zur Vergebung seiner Sünden“. Klartext redet er, nicht um den „heißen Brei“ herum: „Lasst euch retten aus dieser verdorbenen Generation!“  -  Klartext. Eindeutig (nicht verletzend, aber wegweisend) soll auch der Verkündigungsdienst des Priesters sein, gerade in Zeiten der Suche, des Fragens und mancher Orientierungslosigkeit. Christus zur Sprache zu bringen, Seine Botschaft, Ihn auszurichten und Ihn als Nahrung den Menschen zu reichen, dass Er Seine Kirche aufbaue. In diesem Dienst ist manches heute Angefragte von Wesen und Gestalt des priesterlichen Dienstes grundgelegt und lädt durchaus zur Neuentdeckung ein.

„Ich bin die Tür zu den Schafen“. Mir kommt erneut das eingangs geschildete Bild des Guten Hirten mit dem geschulterten (verlorenen und wiedergefundenen) Schaf und der Dornenkrone auf dem Kopf. Ja, der Gute Hirt ist kein verkitschtes, süßliches Idealbild einer verträumten Schäferromantik. Es konfrontiert uns mit der Liebe Gottes und Seiner Hirtensorge für uns Menschen radikal!

Wunderbar bringt es das Tagesgebet dieses Sonntags zum Ausdruck: „Allmächtiger Gott, Dein Sohn ist der Kirche siegreich vorausgegangen als der Gute Hirt. Geleite auch die Herde, für die Er Sein Leben dahingab, aus aller Not zur ewigen Freude.“ Amen.