Schmuckband Kreuzgang

Der „gläubige“ Thomas

Datum:
Do. 6. Juli 2023
Von:
Pfr. em. Kurt Sohns

Das Wort vom „ungläubigen“ Thomas, dessen Fest am 03.Juli gefeiert wurde, setzt voraus, dass Thomas in der Begegnung mit dem von Gott auferweckten Jesus, auf seiner Forderung, ihn zu berühren, besteht. Das wird jedoch in der Erzählung nicht gesagt. In der Erzählung ist die Situation derer in Blick genommen, die nicht wie die Jünger den Auferstandenen „gesehen“ haben. Das wird „am Fall Thomas“ aufgezeigt. Als ihm die Jünger berichteten „wir haben den Herrn gesehen“, da ist für ihn dieses „Sehen“ verstanden wohl als das übliche Sehen. In diesem Verständnis würde das Sehen den Glauben ersetzen. Wäre das Sehen der Jünger ein den Glauben ersetzendes Sehen gewesen, dann könnten wir mit Recht sagen, ihnen sei es leichter gemacht worden als heute uns. Wer aber die Texte mit den Berichten über die Begegnung mit dem vom Tod Auferweckten genauer betrachtet, stellt fest, dass das Sehen den Glauben einschließt. In vielen Berichten ist von dem Widerstand die Rede, der zu überwinden ist, bis der Glaube möglich ist, bis die Glaubensaussage möglich ist: „Es ist der Herr“.

Die Begegnung des Thomas mit dem Auferstandenen enthält nichts anderes, als was die Begegnung der anderen Jünger bestimmt hat. Was Thomas zugestanden wird, dass er Jesus berühren, abtasten dürfe, ist kein „Privileg“ vor den anderen Jüngern. Denn dieses „Berühren“ ist, wie das „Sehen“, qualifiziert. Alles geschieht in einem besonderen Rahmen, in einer besonderen Dimension, die in unserem Text dadurch angezeigt wird, dass es heißt, Jesus sei bei verschlossenen Türen in die Mitte der Jünger gekommen. Das heißt: Den „sehen“, der auf diese Weise seine Gegenwart den Jüngern erfahrbar macht, ist ein Sehen besonderer Art, ein Sehen im Glauben. 

Wir haben also alle Aussagen über den Auferstandenen, also: Ihn sehen, hören, berühren, von ihm angehaucht werden-, zu verstehen als Mitteilungen von einer Erfahrung, die sich nicht anders mitteilen lässt, obwohl und gerade, weil sie eine Erfahrung ganz anderer Art ist. 

Der Glaube, der von uns verlangt ist, wenn es um die Begegnung mit dem Auferstandenen geht, um seine Nähe, ist auch von den Jüngern verlangt worden und ist auch ihnen nur möglich gewesen als eine „Bekehrung“ vom Nicht-glauben-können zum Glauben. 

Was bei den Jüngern ernster war als bei uns, was sie zu glaubwürdigen Zeugen für uns macht, das lässt sich schon von uns aus den Berichten heraus nicht „erklären“. „Nicht um den Unterschied zwischen damals und immer geht es dieser Verkündigung, sondern gerade über diesen Unterschied hinweg (wie immer man sich zu ihm stellen mag) geht es ihr um die bleibend gleiche Wirklichkeit des Auferstandenen und seines Kommens für alle Zeit, für alle, die sich auf die Glaubenserfahrung mit dem, was sie nicht einfach sehen können, einlassen“ (Altfrid Kassing). 

Wenn wir schon bei den Jüngern von einem Bekehrungsprozess sprechen können, ohne den sie nicht fähig gewesen wären, den Auferstandenen zu „sehen“, die Auferweckung zu glauben, dann wird es auch bei uns so sein. Das Einfachste ist immer, was begegnet, einzuordnen in das bisherige, in das uns gewohnte und geläufige Schema. Damit kommen wir aber über uns selbst nicht hinaus. Wie Glaube aber auch geschrieben wird in der Heiligen Schrift, immer ist der Schritt über das Gewohnte hinaus Voraussetzung. Wir können dabei an Abraham denken-, an Petrus, der über das Wasser auf Jesus zuzugehen hat-, an Krankenheilung (wer glaubt, dem ist nichts unmöglich). 

Insofern kann die Erinnerung an Thomas für uns wichtig sein. Die erste Reaktion „wenn ich nicht sehe, glaube ich nicht“ wird überwunden, weil er offen ist für die Erfahrung, dass Jesus mitten unter uns ist-, dass wir mit seiner Sache betraut sind-, dass wir, um wirklich am Leben teilhaben zu können, uns auf sein Leben einzulassen haben. So kann die Betrachtung der Gestalt des Thomas uns Anruf und Hoffnung sein.

Kurt Sohns